27. Juni 2022 - 10:36

o.T, 2020 © Quique Ortiz

 

Die Tiere haben in Quique Ortiz einen Verbündeten gefunden, der nicht nur durch seine Lebensweise und sein Engagement für sie eintritt, sondern auch seine Malerei zu einem Kampf für ihre Rechte macht.

Der Künstler ernährt sich seit Jahren vegan und versucht, wann immer er kann, an Kundgebungen oder Demonstrationen gegen Speziesismus (Diskriminierung auf Grund der Spezies) oder an Kursen und Workshops über Tierethik und Aktivismus teilzunehmen. Er arbeitet auch mit Tierheimen zusammen, die sich in einer prekären Lage befinden. Einen Prozentsatz dessen, was er mit seinen Kunstprojekten verdient, spendet er an Tierschutzorganisationen.

Schon als Kind hat Ortiz immer mit Tieren zu tun gehabt, und die Werte, die in seiner Familie vermittelt wurden, waren stets von Respekt und Gleichberechtigung gegenüber Tieren geprägt. Folgerichtig also, dass er zum Antispeziesismus fand, noch bevor er die Bedeutung des Begriffs und alles, was er beinhaltet, kannte. Für Ortiz ist der Antispeziesismus eine Haltung, die auf der gleichen Ebene steht wie jeder andere soziale Kampf, wie zum Beispiel der Kampf für Menschenrechte, gegen Rassismus oder Sexismus.

Seine ersten Erinnerungen an das, was er malte oder zeichnete, waren Tiere. Manchmal mochte er sie sogar mehr als die Menschen: "Ich sage immer, dass mein Lieblingsmensch ein nicht-menschliches Tier ist, nämlich mein Hund Asia".

Der Hund als solches spielt in Ortiz' Werk auch eine Hauptrolle. Er repräsentiert nicht nur die Werte eines domestizierten, schmeichelnden und treuen Tieres, sondern er symbolisiert auch Kampf, Stärke, zurückgehaltene Wut. In seiner figurativen Malerei und Zeichnung siedelt er seine Hunde in der intimen, dunklen und geheimnisvollen Nacht an, die kaum von Licht durchbrochen wird.

 

o.T, 2020 © Quique Ortiz

o.T, 2020 © Quique Ortiz

o.T, 2020 © Quique Ortiz

o.T, 2020 © Quique Ortiz

o.T, 2020 © Quique Ortiz

o.T, 2020 © Quique Ortiz

o.T, 2020 © Quique Ortiz

slow dogs, 2020 © Quique Ortiz

slow dogs, 2020 © Quique Ortiz

 

Es gibt eine gewisse Brutalität in seiner Arbeit, wie in der Existenz selbst, die schwer zu ertragen ist. Sein Werk ist nicht freundlich oder angenehm, sondern gewalttätig. Gewalt, Unzufriedenheit und Angst durchdringen es ebenso wie ein Aufruf zum Handeln oder zur Wachsamkeit. Die Arbeiten sollen bei den Betrachtern Spannungen und Unbehagen auslösen, um sie dazu zu bringen soll, Fragen zu stellen und andere Lesarten dessen, was im Bild geschieht, zu finden.

Neben dem Motiv des Hundes wählt Ortiz das zeitgenössische Thema des Tierschutzes als Ausdrucksform für seine künstlerische Arbeitsweise. So besteht das Projekt, das er in den letzten Jahren entwickelt hat, aus figurativen und realistischen Gemälden und Zeichnungen, die verschiedene Aktionen der Animal Liberation Front (ALF) dokumentieren. ALF ist der Name eines Kollektivs von Tierrechtsaktivisten, die sich mit gewaltfreien direkten Aktionen für die Befreiung von Tieren einsetzen. Dazu gehört die Rettung von Tieren aus Tierversuchslabors und die Sabotage und der Boykott von Industrien, die auf der Ausbeutung von Tieren durch den Menschen basieren. Die ALF dokumentiert Grausamkeit und Vernachlässigung, beschädigt Foltergeräte und befreit Tiere von Leid und Vernachlässigung, um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen.

 

Lazzaro, 2019 © Quique Ortiz

De casta le viene al galgo © Quique Ortiz

Border collie © Quique Ortiz

Norway Beagle, 2018.© Quique Ortiz

Norway Beagle © Quique Ortiz

Spain perros © Quique Ortiz

Beagles © Quique Ortiz

Liberation is love © Quique Ortiz

 

Ortiz bedauert, dass unsere Gesellschaft diese mitfühlenden und mutigen Handlungen als illegal betrachtet und die Aktivisten in die Anonymität zwingt, wo sie sich hinter Sturmhauben verstecken. Die aggressive Ästhetik der Sturmhaube steht in krassem Gegensatz zu der Tatsache, dass das Ziel die Rettung wehrloser Tiere ist.

 

 

Balaclavas © Quique Ortiz

 

Ortiz sammelt die Vorlagen für seine Bilder aus dem Internet oder aus Zeitschriften, zuletzt verwendete er vor allem Archivbilder verschiedener Aktionen der Frente de Liberación Animal. Meist sind die Fotos von schlechter Qualität, was Ortiz als Freiheit zum Experimentieren nutzt: Er fügt Elemente hinzu oder lässt etwas weg, verleiht ihnen durch Malerei und Zeichnung mit seiner künstlerischen Arbeitsweise einen kollektiven Charakter. Er malt in der Regel mit Öl auf Leinwand, führt aber auch andere Techniken wie Acryl, Sprays und Marker auf Holz ein und zeichnet mit Graphit und Kohle auf Papier.

Ortiz Kunst ist nicht autonom, sondern im Gegenteil funktional, sie ist eine "Waffe", sie ist Aktion. Die Kunst und die Künstler spielen eine Rolle bei der gesellschaftlichen Umgestaltung - und zwar über den therapeutischen und beruhigenden Effekt hinaus, den der bloße Akt des Kunstschaffens für die Künstler selbst haben kann; Ortiz versucht mit seinem Kunstprojekt eine bestehende Situation, wie die Ausbeutung nicht-menschlicher Tiere durch den Menschen, öffentlich zu machen und gleichzeitig den Betrachter für dieses Problem zu sensibilisieren und eine Veränderung einzuleiten.

 

Street Art, Santander, 2020

 

Santander's Urban Art. Ein Graffiti von Quique Ortiz auf einer Mauer in Santander, Spanien, 2020. Der genaue Ort und weitere Fotos sind auf dieser Karte zu sehen.

Quique Ortiz (*1988 in Santander/Spanien) hat einen Abschluss in Bildender Kunst von der UPV/EHU und einen Master-Abschluss in künstlerischer Produktion und Forschung von der Universität von Barcelona UB. Ortiz war sowohl in Einzel- als auch als Gruppenausstellungen in Spanien, Portugal und Deutschland vertreten. Er lebt und arbeitet in Santander.

Quellen: Interview mit Quique Ortiz in Elemmental, Galeria Juan Silio

alle Bilder © Quique Ortiz

 

20. Juni 2022 - 10:30

Das Erste, das an den Bildern des schwedischen Künstlers Markus Akesson auffällt, sind die üppigen, überbordenden Muster, Ornamente und Texturen, die auf unterschiedlichen Textilien vorkommen. Fast kann man von einer fetischistischen Haltung gegenüber Mustern und Texturen sprechen, überziehen sie doch fast alles wie Kleider, orientalische Teppiche oder Tapisserien.

 

I never wanted you to leave, 2016 © Markus Akesson

 

Muster faszinieren den Künstler, er findet sie geheimnisvoll und fühlt sich von der Wiederholung und dem Rhythmus angezogen. Gleichzeitig stellt deren Wiedergabe eine technische Herausforderung für Markus Akesson dar.

Besonders in der "Now You See Me"-Serie wird die Besessenheit von der Stofflichkeit deutlich. Der Künstler hüllt seine Porträtierten in kunstvoll gemusterte Seiden- und Satinstoffe, sodass nur der Abdruck ihrer Gesichter, Gliedmaßen und Torsi sichtbar bleibt. Nachdem er viele Bilder mit Menschen gemalt hatte, die von Mustern, verschiedenen Oberflächen und Materialien umgeben waren und darin fast ertranken, bedeckte er sie schließlich komplett mit Stoffen.

 

Now you see me, 2018 © Markus Akesson

 

Markus Åkesson ist ein neofigurativer Maler, der seinen Gemälden oft eine düstere und poetische Atmosphäre verleiht. Viele seiner Bilder erinnern an Volksmärchen, Fantasien, Mythen und Traumwelten. Seine Kunst verbindet fantastische Elemente und realistische Darstellungen von Tieren oder Wäldern. Schönheit erreicht er durch die kompakte Stille, die die Porträtierten ausstrahlen und durch eine lebendige, beeindruckende Farbpalette.

In seinem Atelier finden perfekt inszenierte Fotoaufnahmen statt, bei denen er seine Modelle mit verschiedenen Kostümen und Accessoires ausstattet und beleuchtet. Dabei verleiht sein ausgefeiltes Verständnis für Licht und Schatten seinen ProtagonistInnen ein traumhaftes Geheimnis, das die Fantasie beflügelt.

Mit der Darstellung der detailreichen Ornamente bezieht sich der Künstler auf William Morris, einen britischer Textildesigner und Schriftsteller, der mit der britischen Arts-and-Crafts-Bewegung verbunden war und einen wichtigen Beitrag zur Wiederbelebung der traditionellen britischen Textilkunst und -herstellung leistete. Einen weiteren wesentlichen Bezugspunkt bildet Sir Edward Coley Burne-Jones, ein britischer Künstler und Designer, der mit der präraffaelitischen Bewegung in Verbindung gebracht wurde.

 

The unicorn hunt, 2017 © Markus Akesson

 

In seinen Bildern geht es um die Herausforderung zwischen der offensichtlichen und verführerischen Schönheit und dem, was dem Betrachter auf den ersten Blick verborgen bleibt: den Geschichten, die sich in den Mustern der raumgreifenden Stoffe und Wandteppiche verbergen. Die psychologische Dimension der Werke wird nicht nur durch das mit großer plastischer Intensität gemalte Subjekt verkörpert, sondern auch durch das Dekor.
 

The unicorn hunt, 2017 © Markus Akesson

 

Markus Åkesson (*1975) ist Autodidakt und stellt national und international aus. Er lebt und arbeitet in Nybro/Schweden.

Quellen: Galerie Da-End, Vida Museum, Berg Gallery, ArtRootz, Art UPON

alle Bilder © Markus Akesson

 

Malerei
13. Juni 2022 - 11:38

o.T. © Willy Verginer

 

Der italienische Bildhauer Willy Verginer schafft hyperrealistische Holzskulpturen, die durch die Kombination seiner Frauen-, Männer- und Kinderfiguren mit "unpassenden" Tieren und Gegenständen oft surreal anmuten.

Er schnitzt seine Skulpturen mit größtmöglicher Präzision und Detailgenauigkeit aus einem einzigen Lindenstamm. Die Kenntnisse zur Holzbearbeitung eignete er sich bereits als Jugendlicher durch das Erlernen lokaler Handwerkstraditionen an, seine Ambitionen gingen jedoch bald über das Kunsthandwerkliche hinaus, wurden umfassender und universeller.

Seit 2008 trägt er großflächig Acrylfarbe auf seine Skulpturen auf, um eine Veränderung der Wahrnehmung auszulösen. Die Farbe erscheint wie beiläufig und willkürlich aufgetragen und hat keinen logischen oder konventionellen Bezug zum skulpturalen Volumen der Figuren. Die in kühnen Bahnen aufgetragene Farbe erzeugt starke Kontraste und verstärkt die surreale Wirkung der Skulpturen.

In vielen Arbeiten setzt er sich mit ökologischen und umweltpolitischen Fragen auseinander, thematisiert er die Beziehungen zwischen Menschen und fragiler Natur. Beispiele sehen sie unten als Cover dreier Kataloge.

 

Buchcover Willy Verginer - Rayuela

Buchcover Willy Verginer

Buchcover Willy Verginer - After Industry

 

Willy Verginer (*1957 in Brixen/Italien) besuchte das Kunstinstitut von St. Ulrich, wo er Malerei studierte. Nach seinem Abschluss arbeitete er in verschiedenen Holzbildhauerwerkstätten in Gröden. Ab 2005 zeigt er figurative Skulpturen, die eine originelle plastische Sprache entwickeln, kombiniert mit einer Acrylfarbe mit künstlichen Farbnuancen. 2011 vertritt er Trentino-Südtirol bei der 54. Biennale in Venedig. Einen genauen Überblick über seinen künstlerischen Werdegang und seine Ausstellungstätigkeit finden Sie auf Willy Verginers Homepage. Willy Verginer lebt und arbeitet in St. Ulrich im Grödnertal.

 

alle Bilder © Willy Verginer

 

Skulptur
6. Juni 2022 - 9:25

Was machen die beiden kostümierten Pudel vor dem Krokodil? Dieser Frage wollte ich nachgehen, nachdem ich das erste Mal die Serie "Melting Plot" (2020) von Beáta Hechtová gesehen hatte.

 

Detail der Serie Melting Plot © Beáta Hechtová

 

Bevor Beáta Hechtová mit der Arbeit an einem Werk beginnt, erstellt sie eine digitale Collage aus Fotos, die sie aufgenommen oder aus dem Internet heruntergeladen hat. Um bestimmte Positionen oder Ausdrücke von Menschen zu erhalten, fotografiert sie Fremde oder bittet Freunde, für sie zu posieren.

 

Ich kann Stunden damit verbringen, Bilder von verkleideten Welpen, seltsam aussehenden Tieren, fleischfressenden Pflanzen, lustigen Masken, Regenbogen-Cupcakes, Einhörnern, Robotern auf dem Mars, die Selfies machen, einfach alles, was diese verrückte Internetwelt an verrückten Dingen zu bieten hat, zu googeln. Dann übernimmt ein Bildbearbeitungsprogramm die Rolle des Bleistifts, während ich das Material verändere, kombiniere, einzeichne und für eine mögliche Weiterverwendung aufbewahre. (zit. n. Les Nouveaux Riches, übersetzt mit DeepL.com)

 

Damit wäre meine Frage beantwortet. Ausgangsmaterial für ihre Arbeiten ist eine ständig wachsende Sammlung von Fotos, Screenshots, Videos aus den digitalen Medien. Inhaltlich wird sie von Geschichten von Menschen, verschiedenen Traditionen und Religionen, Ritualen, Legenden, Mythen, Märchen, Tieren und Technologien inspiriert.

Die Collage wurde für die Künstlerin das am besten geeignete und ihren Motiven entsprechende Werkzeug: Geschichten, Zeiten, Kulturen, alles verschmilzt miteinander. Der Titel der Serie, der auch das Pudelbild angehört, heißt dementsprechend "Melting plot": Schmelztiegel.

 

Detail der Serie Melting Plot © Beáta Hechtová

 

Auffällig sind die leuchtenden, kontrastreichen Farben der Popkultur, denen jegliche Zwischentöne fehlen. Sie stellt ihre in der Gestik expressiven Figuren in mehreren leuchtenden Farben dar. Mich erinnern die menschlichen Körper an Aufnahmen einer Wärmebildkamera. Hysterisch heischt die Farbe nach Aufmerksamkeit, nirgends findet das Auge Ruhe oder Entspannung. Die Farbe lenkt vom Inhalt ab und verweist damit auf die visuellen Strategien der Pop-Kultur.

Die Szenerien in Melting Plot basieren größtenteils auf Fotografien, die Beáta Hechtová während eines Aufenthalts im südamerikanischen Amazonas-Regenwald gemacht hat. Sie hat Fotos von verschiedenen Menschen, Tieren, Gegenständen und Orten collagiert und durch Bilder aus dem Internet ergänzt. Ihre Strategie ist es, Teile aus verschiedensten Kontexten zusammenzufügen, sodass möglichst unwahrscheinliche Kombinationen, Widersprüche und absurde Situationen entstehen.

Mögliche Widersprüche und Dichotomien, die unterschiedliche, aber auch überlappende und kommunizierende Realitäten bilden, sind  Stadt - Natur, Utopie - Dystopie, Spiritualität - Materialismus, Individualismus - Masse, Tragödie - Komödie.

Wie sieht es nun mit unseren Pudeln aus? Die Hunde dienen lediglich als Irritationsmoment, als skurriles Element sowie zur Darstellung eines Gegensatzes. Mir drängt sich folgende Frage auf? Gehören die Hunde in die Wildnis des Regenwalds oder in die Wildnis des Großstadtdschungels? Der Natur-Kultur-Widerspruch tritt als Ambivalenz in den Hunden selbst auf, sind sie doch artifiziell kostümiert. Können die Hunde noch der Natur zugeordnet werden oder gehören sie bereits zu einer urbanen Familienkultur?

Beáta Hechtová wurde im Amazonasgebiet von der Erfahrung des täglichen Lebens inspiriert, in der die Korrespondenz mit der Natur von grundlegender Bedeutung ist und in der das Eindringen von Technologie und Aspekten des städtischen Lebens seltsame Mischungen hervorbringt. In ihren Gemälden stellt sie diese Mischungen, dekontextualisierte Geschichten, versteckte Identitäten, absurde Situationen und unwahrscheinliche Kombinationen dar.

Beáta Hechtová, (*1991 in Prag/Tschechische Republik) hat ihren Bachelor in Illustration und Grafik an der Universität von Westböhmen in Pilsen/Tschechien gemacht; 2014 zog sie nach Wien, wo sie 2020 ihr Diplomstudium an der Universität für angewandte Kunst an der Abteilung für Druckgrafik abschloss. Als globale Nomadin reiste sie viel und lebte längere Zeit in Peru, Spanien und den USA. Die Eindrücke, die sie in ihren unterschiedlichen Lebenswelten gesammelt hat, scheinen in ihren Gemälden, Drucken und Installationen auf. Sie lässt sich aber auch von der lebhaften Atmosphäre und der kulturellen Vielfalt Wiens inspirieren, wo sie zurzeit lebt und arbeitet.

Quellen: Homepage der Künstlerin, Les Nouveaux Riches Magazine, Galerie Rudolf Leeb, Hochschule für angewandte Kunst

 

alle Bilder © Beáta Hechtová

 

Collage, Grafik, Malerei
30. Mai 2022 - 10:56

Homo Homini Lupus, 2011, Video Still © Filippo Berta

 

Filippo Berta untersucht Menschen und Tiere in ihren Bewegungen und Handlungen. Seine Werke und sein künstlerischer Prozess heben die sozialen Spannungen, Widersprüche und Dualismen hervor, die durch die Beziehungen zwischen Individuen und ihren jeweiligen Gesellschaften entstehen. Er befragt die oft konfliktreichen und problematischen Grenzen, die diesen dialektischen Zustand definieren. Die Protagonisten machen sich in der Masse - in der Gruppenperformance - zum Träger von Bedeutungen und Unterschieden.

Seine Werke sind hauptsächlich kollektive Performances, die Filippo Berta in einem einzigen ikonografischen Bild oder in einem kurzen essenziellen Video zusammenfasst.

Eines dieser Videos ist "Homo Homini Lupus" von 2011. Obwohl über zehn Jahre alt, hat es nichts von seiner Bedeutung oder Aktualität eingebüßt.

 

Homo Homini Lupus, 2011, Video Still © Filippo Berta

 

Nach einem zweieinhalb Jahre langen Vorbereitungs- und Auseinandersetzungsprozess mit den Themen Heimat und Nation hat Berta 2011 "Homo Homini Lupus" gedreht. In dieser Videoperformance sind nicht Menschen, sondern Wölfe die Protagonisten, da der Künstler eine Ähnlichkeit zwischen dem Wolf und dem Menschen sieht; auch der Wolf muss in einer Gesellschaft mit klar definierten Regeln leben - mit Ausnahme des "einsamen Wolfs", der diese Regeln verwirft, aber als Ausnahme die Regel bestätigt. Außerdem wollte Berta, dass die Handlung instinktiv und nicht gespielt sein sollte.

Innerhalb des Rudels, einer Metapher für die menschliche Gesellschaft, wetteifern die Mitglieder eifrig um eine Fahne. Das Umland ist eine trostlose Einöde, ein verwüstetes Land, das zunächst als Territorium und dann als Nation gesehen wird.

Drei Wölfe kämpfen aggressiv um die Macht. An ihrer Beute - einer italienische Flagge - reißen sie so wild, als wäre sie die einzige Quelle des Überlebens. Das Wolfsrudel ist eine kleine homogene Gemeinschaft, in der nicht die Solidarität, sondern das Recht des Stärkeren zählt, in der man sich behaupten, für sich und sein Territorium streiten muss, wenn man nicht untergehen will. Dazu der Künstler:

 

Questo video mostra una collettività omogenea che nasconde in sé diverse identità le quali, eccitate da un istinto violento di sopravvivenza, strappano e accumulano le risorse altrui, per poi imporre il proprio potere. La bandiera — contesa e non gratuitamente violentata — nel video esprime un doppio significato, perché nella storia dell’uomo ha sempre definito un territorio entro cui avviene questa lotta fratricida e simboleggia l’imposizione del proprio potere sugli altri. Qualsiasi bandiera riassume nei suoi colori queste caratteristiche. (Filippo Berta zit. n. Flash Art)

 

Dieses Video zeigt ein homogenes Kollektiv, das in sich verschiedene Identitäten verbirgt, die, erregt von einem gewalttätigen Überlebensinstinkt, die Ressourcen der anderen zerreißen und anhäufen, um dann ihre eigene Macht durchzusetzen. Die Flagge - umstritten und nicht grundlos vergewaltigt - hat in dem Video eine doppelte Bedeutung, denn sie hat in der Geschichte der Menschheit immer ein Territorium definiert, in dem dieser Bruderkampf stattfindet, und sie symbolisiert die Auferlegung der eigenen Macht auf andere. Jede Flagge fasst diese Eigenschaften in ihren Farben zusammen. (übersetzt mit DeepL.com)

 

Homo Homini Lupus, 2011, Video Still © Filippo Berta

 

Filippo Berta und das Museion, das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Bozen, wurden 2017 für die Videopräsentation von "Homo Homini Lupus" im Rahmen der Ausstellung "Hämatli & Patriae" und der darin zu sehenden Zerstörung der italienischen Fahne von rechtspopulistische Seite - von den Fratelli d’Italia - scharf kritisiert. Die Ausstellung thematisierte Begriffe wie Heimat, Ortszugehörigkeit und Vaterland im Lichte der aktuellen Fluchtbewegungen in Europa. Filippo Berta räumte ein, dass die Verwendung der gewalttätig zerrissenen italienischen Flagge eine Verachtung der nationalen Identität impliziert.

 

Homo Homini Lupus, 2011, Video Still © Filippo Berta

 

Filippo Bertos Arbeit bzw. der Werktitel "Homo Homini Lupus" bezieht sich auf Thomas Hobbes staatstheoretische Schrift "Leviathan" aus dem Jahre 1651.

In "Leviathan"  legt der englische Philosoph den Grundstein für seine Theorie des Naturzustands, in dem die Menschheit ohne Gesetz und ohne Staat lebt. Im Naturzustand wird der Mensch als frei von Einschränkungen der historischen Moral, der Tradition, des Staates oder etwa der Kirche vorgestellt. Aus Hobbes’ Menschenbild ergibt sich, dass in einem solchen Naturzustand Gewalt, Anarchie und Gesetzlosigkeit, ein ständiger Zustand des Krieges (bellum omnium contra omnes) herrschen, in dem "der Mensch dem Menschen ein Wolf ist" (homo homini lupus).

Filippo Berta greift das Hobbes'sche Thema auf. Um die Bestialität (ferinitas) des Menschen zu visualisieren, bedient sich der Künstler des Wolfsrudels, das um die italienische Fahne kämpft.

In der Hobbes'schen Welt besteht der einzige Ausweg aus diesem ständigen Kriegszustand in der Schaffung eines Staates, der in der Lage ist, die Vielzahl der Einzelwillen auf einen einzigen Willen zu reduzieren und Recht und Gesetz durchzusetzen und in dem es rational ist, ihnen gemäß zu handeln. Erst dadurch, dass mehrere Menschen beschließen, gemeinsam einen politischen Körper zu bilden, kann der Naturzustand überwunden und der Übergang zum Staat geleistet werden.

Diese Lösung wird von Berta durch das emblematische Symbol der Flagge in Frage gestellt, die in dieser allegorischen Inszenierung, die den Naturzustand über den Rechtsstaat stellt, immer präsent ist.

Die Aktion hat kein logisches Ende und verbirgt in sich den menschlichen Dualismus, der durch die Logik des "Rechtsstaats" und die Irrationalität des "Naturzustands" repräsentiert wird.

 

Homo Homini Lupus, 2011, Video Still © Filippo Berta

 

Filippo Berta (*1977 in Treviglio/Italien) hat einen Abschluss in Theorie und Praxis der zeitgenössischen künstlerischen Sprachen der Akademie der Schönen Künste in Bergamo. Er ist Professor an der Stiftung für Fotografie in Modena, Italien. Er lebt und arbeitet in Bergamo und wird von der Prometeo Gallery vertreten.

 

 

Quellen: Flash Art, Dalloul Art Foundation, Prometeo Gallery, Il Giornale

Video und Video Stills © Filippo Berta

 

Performance, Video
23. Mai 2022 - 11:13

Etude, 2019 © Gabriele Grones

 

Dieses Ölgemälde eines Hundes hat den Titel "Etude" - welche Tiefstapelei - und ist nur 23 x 25 cm groß!

Es erinnert mich sehr an meine verstorbene Hündin Lucy. Und ja, ich habe bemerkt, dass es sich um einen Rüden handelt. Dennoch …

Ich bin oberflächlich in das künstlerische Universum des italienischen Malers Gabriele Grones eingetaucht. Zwei Themen beschäftigen ihn: Porträts und Naturszenen, die er in einer hyperrealistischen, fast fotografischen Technik ausführt. Beiden widmet er sich mit der gleichen Hingabe und Akribie. Das Hundebild stellt inhaltlich eine Ausnahme dar. Er hat es eigens für eine Ausstellung angefertigt.

In seinen "Porträts" von Pflanzen, Blättern und Grashalmen ("Frammenti") erforscht er die Komplexität der natürlichen Welt, indem er die Schönheit der Natur in Nahaufnahme und im Detail anhand von undramatischen und als unbedeutend geltenden Naturausschnitten darstellt. Dabei bezieht er sich, neben Dürers "Grasstück", auf die Schriften des Heiligen Ignatius von Loyola, der den Menschen dazu anregte, mit einem intensiven und tiefgründigen Blick zu schauen und in allen Dingen eine göttliche Präsenz zu finden.

 

Frammento © Gabriele Grones

 

Beim menschlichen Porträt entwickelt er oft Bildserien derselben Person in leicht unterschiedlichen Posen und Lichtverhältnissen. Die obsessive Darstellung des Gesichts in akribischen Klein- und Mittelformaten und die fehlende Kontextualisierung ermöglichen es dem Künstler, die Bilder in eine metaphysische Atmosphäre zu tauchen.

 

o.T. © Gabriele Grones

 

Gabriele Grones, (*1983 in Arabba/Italien) erhielt seine Ausbildung am Liceo Artistico Statale und an der Accademia di Belle Arti in Venedig, wo er 2009 seinen Abschluss machte. Er nahm bereits zweimal an der Biennale von Venedig teil (Atelier Aperti, 2005 und Padiglione Accademie, 2011). Grones stellt in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen national und international aus. Er lebt und arbeitet zwischen Rovigo, Mailand und New York.

 

alle Bilder © Gabriele Grones

 

Malerei
16. Mai 2022 - 10:18

Vielleicht habe ich schon einmal erwähnt, dass ich Kunstlehrerin bin (in Österreich heißt das Fach Bildnerische Erziehung). Während des Corona-bedingten Distance Learnings habe ich mit meinen 15jährigen Schülern und Schülerinnen die "Family Portraits" der italienischen Fotografin Camilla Catrambone besprochen und sie aufgefordert, von sich Selbstporträts aus Dingen zu erstellen.

Catrambone hat in ihrer Serie die Verwandten durch (Haushalts-) Gegenstände dargestellt, die für die Personen wichtig sind. Dabei ordnete sie die Gegenstände zu einer sorgfältigen Komposition. Jeder Betrachtende kann sich selbst ein Bild davon machen, wie der Besitzer/die Besitzerin dieser Gebrauchsgegenstände real aussehen würde. Der Glaube an die Fähigkeit der Dinge Informationen über den Besitzer zu bringen ist kulturell gefestigt. Trotzdem bleibt die Frage, ob in den Arbeiten Rollenbilder oder Individualität transportiert wird.

 

Family Portraits, 2013 © Camilla Catrambone
Family Portraits, 2013 © Camilla Catrambone

 

Ich glaube nicht, dass Menschen ohne Hund meinen Blog lesen. Deshalb renne ich sicher offene Türen ein, wenn ich Ihnen erzähle, dass auch Hunde eigenen Persönlichkeiten und Charaktere haben. In "A Dog‘s Life" hat Alicia Rius Catrambones Methode (vermeintlich) auf Hunde angewendet und dabei unterschiedliche Hundetypen und -rassen dargestellt. Im Unterschied zu Catrambones Serie zeigt Alicia Rius allerdings beides: die Hunde und ihre Welt, d.h. die Gegenstände, die ihre Persönlichkeit definieren.

Jeder Hund hat oder tut bestimmte Dinge in seinem Leben, die definieren, wer er ist oder was er gerade durchmacht. Alicia Rius traf sich zu Gesprächen mit den HundehalterInnen, schaute sich die Besitztümer jedes Hundes an, um zu verstehen, inwieweit sie zu dem passten, was der Besitzer über den Lebensstil und die Persönlichkeit seines Hundes zu sagen hatten.

 

Just like humans, dogs form attachments to their personal possessions and can give the viewer deeper insight into their identity. The items that shape their daily routine, that they carry, keep, and even eat- give us a glimpse into their hearts and minds. They show us what makes them most proud or happy and even puts their vulnerability on display. (Alicia Rius zit. n. hier)

Genau wie Menschen hängen auch Hunde an ihren persönlichen Gegenständen und können dem Betrachter einen tieferen Einblick in ihre Identität geben. Die Gegenstände, die ihren Alltag prägen, die sie bei sich tragen, aufbewahren und sogar essen, geben uns einen Einblick in ihr Herz und ihren Verstand. Sie zeigen uns, was sie am meisten stolz oder glücklich macht und stellen sogar ihre Verletzlichkeit zur Schau. (übersetzt mit Deepl.com)

 

Die Gegenstände, die zu jedem Hund gehören, zeigen uns also, was der Hund wirklich ist und wie sich sein reales Leben darstellt. Die künstlerische Aufreihung der persönlichen Dinge des Hundealltags zeugt von viel Liebe und Humor der Fotografin. Die fotografischen Ansammlungen sind überaus liebenswert, entzückend, einfühlsam, berührend.

Sie merken, ich bin von ihrer Serie begeistert und kann mich an den Dingen, die sie für ihre Protagonisten ausgesucht hat, gar nicht sattsehen. Meine besondere Liebe gilt den alten Hunden. Deshalb ist auch "Der Senior" mein Lieblingsfoto, dicht gefolgt von "Der Streuner".

 

The Senior, 2018 © Alicia Rius

 

Der Senior: Haben Sie die kleinen Röntgenbilder mit den zarten, zerbrechlichen Hundepfotenskeletten von Magda, einem 13 Jahre alten Spaniel-Dackel-Mix gesehen? Magda wurde als kranker Hund im Tierheim abgegeben und lebt inzwischen bei einer Pflegemutter. Seither hat sie einen Weg voller Tierarztbesuche, Medikamente, Hautbehandlungen und täglicher Injektionen hinter sich, um wieder auf die Beine zu kommen. Doch trotz ihrer schmerzhaften Geschichte wird sie von Liebe und Hoffnung angetrieben.

 

The Neurotic, 2018 © Alicia Rius

 

Der Neurotische: Bär ist eine 4,5 Jahre alte Englische Bulldogge. Die Rasse ist für ihre Sturheit bekannt. Wenn er nicht bekommt, was er will, kaut er stattdessen auf allem herum, dessen er habhaft werden kann.

 

The Stray, 2018 © Alicia Rius

 

Der Streuner: Der Streuner heißt Marmaduke und ist ein 7,5 Jahre alter geretteter Pitbull-Mix, der aufgrund seiner Rasse ausgesetzt wurde und als Restefresser überleben musste. Das harte, ermüdende und hoffnungslose Leben auf der Straße hat Alicia Rius mit all dem verdorbenen Essen illustriert, das er vor seiner Rettung zu sich nahm. Doch Obacht: Die Karotte hat er nicht angerührt.

 

The Fetcher, 2018 © Alicia Rius

 

The Fetcher (Er holt/bringt die geworfenen Bälle. Dafür finde ich kein passendes deutsches Nomen): Knuckles, der 7 Jahre alte Australian Shepherd, ist energiegeladen, intelligent und davon besessen, Frisbees und Bälle zu apportieren. Trainiert wird mit Leckerlis (Beutel). Die Medaillen zeigen, wie gut er bei Wettbewerben ist.

 

The best in show, 2018 © Alicia Rius

 

Der Ausstellungsbeste: Zig, der afghanische Windhund, verbringt die meiste Zeit seines dreijährigen Lebens damit, auf Hundeausstellungen um den Titel "All-Breed Show" zu kämpfen und zu gewinnen! Bei dieser Veranstaltung werden die Hunde danach beurteilt, inwieweit sie mit dem Perfektionsstandard ihrer Rasse konform gehen. Bemerken Sie den eleganten grauen Hintergrund, auf dem seine Utensilien aufgereiht sind?

 

The Princess, 2018 © Alicia Rius

 

Die Prinzessin: Der junge weiße Malteser-Shih Tzu-Mix Lola Rose ist verwöhnt und wird wie eine Prinzessin behandelt. Selbstverständlich hat er einen eigenen Instagram-Account! Seine Tasche stammt von Pawda!

Wenn ich mir die Besitztümer der Hunde ansehe, merke ich erst, was für ein einfacher, bescheidener Hund meine Hedy ist. Ihr gehören zwei Stofftiere, ein "Furminator" - eine Bürste zur Fellpflege (Huskie!) - und ansonsten nur Verbrauchsgüter: ein Kübel mit Leckerlis, getrockneter Pansen, Ochsenziemer, getrocknete Schweinsohren, Rinderkopfhaut und Stinkestangerl.

Bitte schauen Sie sich die ausführliche Making-of-Dokumentation auf Alicia Rius' Blog an. Niemals hätte ich erwartet, wie aufwändig es war, dieses Projekt durchzuführen.

Interessant ist auch, dass der Impuls zur Arbeit nicht von Camilla Catrambone kommt, wie ich vermutet hätte, sondern von Gabriele Galimberti und deren Serie "Toy Stories". Über zwei Jahre lang hat sie mehr als 50 Länder besucht und farbenfrohe Bilder von Kindern mit ihren Spielsachen gemacht und die spontane und natürliche Freude und den Stolz festgehalten, die Kinder empfinden, wenn sie ihre Besitztümer herzeigen.

 

Toy Stories © Gabriele Galimberti

 

alle Fotos © Alicia Rius

 

Fotografie
9. Mai 2022 - 10:48

Captivity I, 2017 aus Myth of the Flat World © Morgan Barrie

 

Schon auf den ersten Blick hat Morgan Barries Foto etwas Artifizielles. Der Eindruck ist berechtigt, da es sich um eine digitale Collage handelt, die ganz unterschiedliche Pflanzen und Tiere auf einem Bild versammelt.

 

Each work is assembled flower by flower so that the final image contains dozens of individual photographs. Native species mix with non-native and even invasive plants, as do human and animal elements. (zit. n. artist statement)

 

Jedes Werk wird Blüte für Blüte zusammengesetzt, so dass das endgültige Bild Dutzende von Einzelfotos enthält. Einheimische Arten mischen sich mit nicht einheimischen und sogar invasiven Pflanzen, ebenso wie menschliche und tierische Elemente. (übersetzt mit DeepL.com)

 

Morgan Barrie erforscht "die natürliche Welt" sowohl als Ideal als auch als Realität. Sie nimmt ihr Ausgangsmaterial selbst auf (Pflanzen etc) und setzt sie digital zusammen.

Ich musste bei Barries Werk sofort an die Blumenstillleben von Jan Breughel d. Ä. denken, der Pflanzen in detailgetreuer Abbildung versammelt, die niemals auf natürliche Weise in einem Strauß vorkommen könnten, da sie zu unterschiedlichen Jahreszeiten, auf unterschiedlichen Kontinenten blühen. Sie deuten auf einen utopischen Zustand der Welt, womit gemeinhin das Paradies gemeint ist. Unten ein Beispiel seiner vielen Blumenstillleben.

 

Jan Bruegel der Ältere, Blumenstrauß in einer Keramik-Vase, nach 1599, Foto Kun

 

Dass es sich um keine Darstellung eines realen Straußes handelt, erkennt man schon daran, dass fast jede Blume zur Gänze zu sehen ist und es kaum Überschneidungen gibt. Diese akribische, virtuose Wiedergabe zeugt vom wissenschaftlichen Interesse der Künstler an der Natur. Die Maler übertreffen allerdings die Natur selbst, indem sie die Pracht von Pflanzen darstellen, die zu verschiedenen Zeiten blühen und deren kostbare Blüten zudem nicht dem natürlichen Verfall unterliegen.

Da Blumen noch nicht gezüchtet wurden, stellten Blumensträuße eine große Besonderheit dar. Sowohl reale Sträuße wie auch gemalte Exemplare wurden als kostbare Rarität empfunden und zeugten von weitreichenden Handelsbeziehungen in ferne Länder. Die Gemälde repräsentierten den Reichtum ihrer Auftraggeber. Sie enthielten aber auch eine Mahnung, da den Gemälden auch Vanitas-Motive, z.B. Insekten, hinzugefügt wurden, die für Vergänglichkeit alles Irdischen stehen.

Tod und Vergänglichkeit ist auch bei Barrie mittelbar präsent - invasive, also eingeführte  Pflanzen, die überhandnehmen, verdrängen andere.

 

A landscape can be read like a text, each element revealing a piece of a narrative. Weeds can tell stories of traveling across continents and displacing other species to dominate their new terrains. Cultivated plants have survived and spread partially through their seduction of human beings, and some animal species are now believed to have partially domesticated themselves. Landscape is something constructed, piece by piece, by many different players. (zit.ebd.)

Eine Landschaft kann wie ein Text gelesen werden, wobei jedes Element einen Teil einer Erzählung offenbart. Unkräuter können Geschichten erzählen, wie sie über Kontinente wandern und andere Arten verdrängen, um ihr neues Terrain zu beherrschen. Kulturpflanzen haben überlebt und sich teilweise durch die Verführung des Menschen ausgebreitet, und von einigen Tierarten wird heute angenommen, dass sie sich teilweise selbst domestiziert haben. Landschaft ist etwas, das von vielen verschiedenen Akteuren Stück für Stück konstruiert wird. (übersetzt mit DeepL.com)

 

Während mich Barries Werk an Breughel erinnert, gibt die Künstlerin selbst Millefleur-Tapisserien (also Wandteppiche der Spätgotik, die Streublumen - tausend Blumen - als Ornament haben) als Ausgangspunkt für ihre Werke an.

In "Captivity I", 2017 spielt Morgan Barrie auf den Wandteppich "The Unicorn in Captivity" (from the Unicorn Tapestries) von 1495–1505 an, der sich im Besitz des Metropolitan Museum of Art befindet. Sie adaptiert die dekorativen Pflanzen des ursprünglichen Wandteppichs, indem sie nordamerikanische Pflanzen einführt, die sie digital auf einen dunklen Hintergrund collagiert. Statt des Einhorns, das für den gezähmten Geliebten steht, befindet sich der angekettete domestizierte Familienhund in der Mitte eines kleinen umzäunten Areals.

 

The Unicorn in Captivity, Foto The Met New York

 

Nochmals zum Vergleich "Captivity I":

 

Captivity I, 2017 aus Myth of the Flat World © Morgan Barrie

 

Ein zweites Beispiel aus der Serie "Myth of the Flat World"

 

Pieces from an Island that is Still Forming II, 2019 (Copy) aus Myth of the Flat

 

Morgan Barries zweite Serie, in der Hunde vorkommen, ist "Arcadia":

Arkadien bezieht sich auf die idyllische Vision einer unberührten Natur und auf die Vorstellung eines Lebens in Harmonie mit der Natur. Es ist ein unerreichbarer Ort, ein verlorener Garten Eden. Schon in der Zeit des Hellenismus wurde Arkadien zum Ort verklärt wo die Menschen unbelastet von mühsamer Arbeit und gesellschaftlichem Anpassungsdruck in einer idyllischen Natur als zufriedene und glückliche Hirten lebten. In der bildenden Kunst und Literatur der Renaissance wurde die griechische Region Arkadien als perfekte und unberührte, unverdorbene Wildnis wiederbelebt.

In diesem fiktiven Arkadien lebten die Menschen in Harmonie mit der Landschaft und anderen Tieren. Selbst heutzutage gibt es eine Vorstellung von einer vergangenen Zeit, in der die Menschen in einer Art Eden lebten, bevor unsere eigene Natur uns daraus verdrängte.

Einerseits möchte der Mensch weitgehend außerhalb der sehr realen und schmerzhaften Zyklen der Natur existieren, andererseits hat er auch eine gleichwertige, aber gegensätzliche Sehnsucht, sich wieder mit der Natur zu verbinden. Die Serie "Arcadia" beschäftigt sich mit diesen zwei gegensätzliche Haltungen, die der Mensch zur natürlichen Welt einnimmt. Barrie  beleuchtet die Schnittstelle zwischen "menschlichen" und "natürlichen" Orten und Seinszuständen. (vgl. artist statement)

The Conqueror, 2014 aus Arcadia © Morgan Barrie

Pet, 2012 aus Arcadia © Morgan Barrie

 

Scott Falls, 2011 aus Arcadia © Morgan Barrie

 

Morgan Barrie reflektiert über die Zukunft unserer Beziehung zur Natur in einer künstlerischen Weise, die durch ihre Schönheit inspiriert und Resonanz findet.

Die in Ann Arbor (Michigan/USA) lebende Künstlerin und Fotografin studierte am Columbia College Chicago, wo sie ihren Bachelor of Arts machte und an der Eastern Michigan University, wo sie im April 2013 ihren MFA-Abschluss in Fotografie erhielt. Ihre Arbeiten werden national und international ausgestellt. Seit 2019 ist sie Assistenzprofessorin an der University of Wisconsin-Stout.

alle Fotos © Morgan Barrie

 

Fotografie
2. Mai 2022 - 9:33

Im Zuge eines vierjährigen Forschungsprojektes, das die Rolle von Malerinnen, Sammlerinnen, Konservatorinnen und Mäzeninnen genauer untersucht, kam das Gemälde "Junge italienische Frau mit Hund Puck" von Thérèse Schwartze aus dem Depot in die Ausstellung des Amsterdamer Reichsmuseums und wurde schnell zum Publikumsliebling. Der Name des dargestellten Hundes ist bekannt, nicht aber der des Modells. Auch danach wird nun geforscht.

Ich kannte zwar das Bild, wusste aber nichts über die Künstlerin. Durch Rodney van den Beemd, der das Gemälde im Rijksmuseum gesehen hatte, kam die Anregung es im Blog vorzustellen.

Thérèse Schwartze (*1851 in Amsterdam/Niederlande, gest. 1918 ebenda) war eine Porträtmalerin, deren Werke den Glamour und Optimismus der niederländischen Elite während der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts einfingen. Sie verband Talent und künstlerische Meisterschaft mit ausgeprägtem Geschäftssinn. Durch Aufträge von wohlhabenden Niederländern und Mitgliedern der königlichen Familie wurde sie sehr wohlhabend. Schwartze erlangte zudem internationales Ansehen, wovon etliche Aufträge aus dem Ausland und Ausstellungen in verschiedenen europäischen Ländern und den USA zeugen.

Auch als sie bereits Millionärin war, ließ Schwartzes Arbeitseifer nicht nach. Ein starkes Streben nach wirtschaftlichem Erfolg - kombiniert mit dem Wissen um die sehr reale Gefahr des Misserfolgs und finanziellen Ruins - zählte zu den hervorstechenden Merkmalen ihrer Persönlichkeit und erklärt, warum Schwartze sich primär Auftragsarbeiten widmete, deren Verkauf zu einem im Voraus vereinbarten Preis gesichert war.

 

Thérèse Schwartze, Young Italian Woman with the Dog Puck, um 1879-1885

 

Thérèse Schwartze malte dieses Modell in italienischem Gewand in ihrem Pariser Atelier. Die junge Frau tauscht einen Blick mit Puck, dem Hund zu ihrer Rechten, aus. Die verschiedenen reichen Stoffe ihres Kleides sind meisterhaft wiedergegeben. Für eine junge Niederländerin war es damals ebenso unkonventionell, in Paris zu arbeiten, wie eine künstlerische Karriere zu verfolgen. Doch als erfahrene Tochter eines professionellen Malers ließ sich Schwartze von solchen Hindernissen nicht abschrecken.

Durch die Kombination von pastosen und feineren Pinselstrichen erzielt Schwartze eine spielerische und lebendige Wirkung. Die puffartig gebundenen Ärmel des Kleides der jungen Frau sind großzügig gemalt, während ihre Hände, ihr Gesicht und ihre Haarlocken sehr detailliert sind.

Die Haltung und der Blick des Hundes erinnert mich an den Hund bei Passerotti, den ich kürzlich vorgestellt habe. Doch während dort bedingungslose gegenseitige Liebe dargestellt wird, sieht die junge Italienerin ein bisschen abschätzig auf den Hund, als wolle sie fragen, was er wolle, und scheint sich über seine Zugewandtheit zu amüsieren.

 

Thérèse Schwartze, Young Italian Woman with the Dog Puck, Detail, um 1879-1885

 

Schwartzes Biografie ist die Geschichte einer einzigartigen Karriere und einer bemerkenswerten Persönlichkeit, die ihrer Zeit voraus war.

Schon als Kind wurde Thérèse von ihrem Vater, dem Maler Georg Schwartze, dazu erzogen, Künstlerin und seine Nachfolgerin zu werden, obwohl die malerische Ausbildung für ein junges Mädchen im 19. Jahrhundert nicht als Beruf, sondern als Teil einer kultivierten Erziehung galt. Geld zu verdienen war nicht die Aufgabe der Frau, sondern die des (Ehe)-Mannes. Aber ihr ehrgeiziger Vater kümmerte sich nicht um die Konventionen der Gesellschaft.

Als er starb, übernahm sie sein Atelier und wurde mit 22 Jahren die Ernährerin der Familie. Ihr Malereibetrieb wurde zu einem echten Familienunternehmen; ihre Mutter kümmerte sich um die Finanzverwaltung und ihre Schwestern halfen beim Kundenempfang.

Bis 1885 arbeitete sie ausschließlich mit Öl, wobei sie die Nass-in-Nass-Technik verwendete. Die Abschnitte, an denen sie arbeitete, mussten in wenigen Tagen vollendet werden, solange die Farbe noch nicht getrocknet war. Als aide-memoires (Gedächtnisstütze) verwendete Schwartze professionell hergestellte Fotografien ihrer Modelle. Später wandte sie sich der Pastelltechnik zu, da sie keine Trocknungszeit erforderte. In nur wenigen Stunden gelang es ihr, ihre Kunden mit sanften Strichen und klaren Tönen zu erfassen. Schwartze war für ihre schnellen Arbeitsmethoden bekannt, sie schuf im Laufe ihrer rund 40 Jahre währenden Karriere etwa 1000 Zeichnungen, Pastelle und Gemälde.

Grund für diese enorme Produktivität scheint ihr unermüdliches Bestreben gewesen zu sein, ihre vielköpfige Familie finanziell abzusichern, vor allem, da sie keinen Ehemann hatte. Sie heiratete erst 1906.

Thérèse war bekannt für ihren geselligen Charakter. Sie knüpfte ein umfangreiches Netzwerk zu prominenten Persönlichkeiten der Kunstwelt, reiste viel, was für Frauen zu dieser Zeit noch ungewöhnlich war. Ihre hochrangigen Kunden empfing sie in einem großen Atelier, das sie später um einen eigenen Ausstellungsraum erweiterte. Aufgrund ihrer Leistungen wurde sie 1896 als erste Frau überhaupt zum Ritter des Ordens von Oranien-Nassau ernannt.

Quellen: Reichsmuseum, Reichsmuseum Sammlung

 

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25. April 2022 - 11:58

Hunde sind kein Motiv, mit dem sich Cristian Avram auseinandersetzt. Das einzige Werk mit Hund - "Der denkende Hund" - entstand 2019 für die Ausstellung "Cave Canem" in der Galerie Boccanera.

 

Der denkende Hund, 2019 © Cristian Avram

 

Der Rücken des Hundes ist auffällig aufrecht gemalt, sodass diese Perspektive nur stimmig wäre, wenn der Hund mit seinen Vorderbeinen auf einer Erhöhung stünde, worauf nichts hindeutet. Das Tier kann durchaus als Stellvertreter für einen Menschen gelesen werden. Zusätzlich ist die Rückenfigur traditionellerweise die Identifikationsfigur für die Betrachtenden.

Versetzen wir uns also in den Hund/Mensch: Er sieht in die Landschaft hinein, vermutlich auf ein kleines Dorf in Siebenbürgen. Blickt er sehnsüchtig auf den Ort, auf seine Heimat, eine Heimat, die von den großen sozialen und politischen Umbrüchen der letzten Jahrzehnte kaum berührt wird?  Wodurch wird ein Ort zur Heimat, wie wird er vertraut? Will er Abschied nehmen von dort, wo er herkommt, und wirft er einen Blick zurück?

Cristian Avram (*1994 in Alba-Iulia/Rumänien) wuchs auf dem Land in der Nähe von Alba-Iulia in Siebenbürgen auf und beobachtete in der postsowjetischen Ära eine Welt voller Kontraste. Er möchte die möglichen Veränderungen - materiell und immateriell, privat und sozial - in der ländlichen und urbanen Lebenswelt und im Alltagkünstlerisch untersuchen.

2019 schloss er sein Studium der Malerei an der Akademie der Schönen Künste in Cluj-Napoca ab. Er lebt und arbeitet in Cluj-Napoca.
 

Malerei