August 2019

21. August 2019 - 13:20

Hedy mit Postkarte, Foto Petra Hartl

Hedy mit Postkarte, Foto Petra Hartl

 

Die letzte Station meines Ausstellungsmarathons war die Punta della Dogana, neben dem Palazzo Grassi die zweite große Ausstellungsfläche der Stiftung Pinault: eine Oase der Ruhe an der äußersten Spitze der Halbinsel zwischen Canale Grande und Canale della Giudecca, im Stadtteil Dorsoduro. Auf der gegenüberliegenden Seite des Canale Grande befindet sich der belebte Markusplatz.

Das 1682 fertiggestellte Gebäude war bis in die 1980er Jahre ein Zollamt und damit untrennbar mit der Geschichte Venedigs verbunden. 2007 erhielt die Pinault-Collection den Zuschlag, das dreiecksförmige Gebäude in einen zeitgenössischen Kunstraum zu verwandeln. Die Restaurierung des imposanten Komplexes begann, und im Juni 2009 war die Punta della Dogana wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Sie präsentiert seitdem wechselnde Ausstellungen. Heuer ist "Luogo e Segni" zu sehen, in der über hundert Werke von 36 KünstlerInnen versammelt sind, die eine besondere Beziehung zu ihrem urbanen, sozialen, politischen, historischen und intellektuellen Umfeld herstellen.

Das Gebäude ist riesig und die Arbeiten - vor allem Konzeptkunst, Minimal Art, Videokunst - sind so großzügig präsentiert, dass es mir fast obszön erschien. Schon im Palazzo Grassi bei Luc Tuymans war ich erstaunt, wie viel Platz den Werken eingeräumt wurde.

Obwohl ich beim Durchstreifen der riesigen Räume schon erschöpft und kaum mehr aufnahmefähig war, entging mir dieser kleine Hundekunstschnipsel nicht: eine kleine Postkarte mit Hund, die zu dem 90teiligen Gemeinschaftswerk "Monotype Melody (Ninety Works for Marian Goodman)" von Tacita Dean und Julie Mehretu gehört.

Von diesen 90 Arbeiten sind in Venedig 25 gerahmte Postkarten und 25 gerahmte Monotypien zu sehen. Sie spiegeln die einzigartige Zusammenarbeit und den intensiven und fruchtbaren Dialog der langjährigen Freundinnen Tacita Dean und Julie Mehretu wider. Beide Künstlerinnen arbeiteten unabhängig voneinander in Los Angeles und New York an ihren Monotypien und entwickelten ein Netz aus subtilen Referenzen und Verbindungen zwischen den einzelnen Arbeiten. In Venedig werden die Werke der einen zwischen den Werken der anderen präsentiert, es entsteht ein Puzzle aus schwarz-weißen Monotypien und farbig überarbeiteten Postkarten, eine rhythmische Verflechtung, die man beim Ausstellungsbesuch in ihrer Gesamtheit wahrnehmen kann.

 

Werktitel, Foto Petra Hartl

Installationsansicht Tacita Dean und Julie Merhetu, Foto Petra Hartl

Installationsansicht Tacita Dean und Julie Merhetu, Foto Petra Hartl

Tacita Dean, Found Postcard, Monoprint (Finger), 2018, Foto Petra Hartl

Postkarte, Foto Petra Hartl

 

Tacita Dean hat mit alten gefundenen Postkarten gearbeitet, auf die sie mit Tinte kleine Ergänzungen eingetragen oder Überarbeitungen durchgeführt hat.

Obwohl sie auch fotografiert und zeichnet, ist Tacita Dean (1965, Canterbury/UK) vor allem für ihre 16mm-Filme bekannt, in denen sie sich besonders mit historischen oder fiktiven Geschichten beschäftigt. Wiederkehrende Themen in ihrer Arbeit sind die Begriffe Zeit und Erinnerung - einschließlich des analogen Gedächtnisses des Films und der Herausforderungen seiner Erhaltung/Konservierung.

Julie Mehretu (*1970 in Äthiopien) malt und zeichnet seit fast 20 Jahren an zumeist großformatigen, gestischen Gemälden, die aus mehreren Schichten unterschiedlicher Materialien (Acrylfarbe, Bleistift, Feder, Tinte) bestehen.

 

Ausstellung, Grafik, Installation, Malerei
15. August 2019 - 9:30

Self-Portrait with Animal Mask, 2018 © Adrian Ghenie

 

Während der Biennale-Monate finden auch viele große Ausstellungen in Museen und Palazzi in ganz Venedig statt, dabei wird heuer auch sehr viel Malerei gezeigt. Auch wenn die Massen durch die Lagunenstadt strömen, finden doch nur wenige Besucher den Eingang in diese kühlen, klimatisierten Häuser. Auch im Hochsommer kann man sich hier wohlfühlen und sich vom Trubel in den Giardini und im Arsenale erholen.

Ich habe in der Fondazione Prada die Jannis-Kounellis-Ausstellung besucht und neben den ausgestellten Werken konnte ich heuer endlich die Räumlichkeiten genießen, von denen vor zwei Jahren bei der großartigen Ausstellung "The Boat is Leaking. The Captain Lied." von Alexander Kluge, Thomas Demand und Anna Viebrock aufgrund der Ausstellungsgestaltung mit vielen Einbauten kaum etwas zu sehen war. Alleine der Palazzo Ca’ Corner della Regina ist sehenswert.

Ähnlich ging es mir auch im Palazzo Grassi, dessen große, mehrgeschoßige Eingangshalle vor zwei Jahren von Damian Hirsts "Demon with Bowl" ausgefüllt wurde. Heuer wurde die Leere und die großzügige Hängung bei Luc Tuymans Einzelausstellung "La Pelle" zum Erlebnis. Den Bildern wurde viel Platz gegeben, manchmal hing eine kleine Arbeit in einem eigenen Raum.

Sehr ansprechend präsentiert waren auch die Werkschau von Sean Scully "Human" und die Retrospektive von Alberto Burri, beide auf der Isola di San Giorgo Maggiore und fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Scully ist auch in Wien öfters zu sehen, Burri war für mich in Originalen ganz neu. Auf der Insel gab es auch ein sehr schönes, durchgestyltes Museum für Glaskunst des 20. Jahrhunderts, Le Stanze del Vetro, in dem Glaskunstwerke des französischen Designers Maurice Marinot aus der Zeit von 1911-1934 zu sehen waren. Und all das bei freiem Eintritt, wenn ich es recht in Erinnerung habe.

Vor etwa zehn Jahren wurde der eindrucksvoll renovierte Renaissance-Palazzo Grimani als Museum und Veranstaltungsort eröffnet, zur Zeit ist dort die amerikanische Künstlerin Helen Frankenthaler zu sehen, im Palazzo Contarini Polignac - zur Abwechslung ein Ausstellungsort mit reichlich Patina - der deutsche Maler Günter Förg.

Die Ausstellung, die mich aber mit Abstand am meisten begeistert hat, war "The Battle Between Carnival and Feast" des rumänischen Künstlers Adrian Ghenie. Was für eine Schönheit, Farbenpracht und expressive Kraft! Erfreulicherweise war ein Gemälde "Figur mit Hund" dabei, sodass ich guten Gewissens davon berichten kann.

Adrian Ghenie hat das zweite Stockwerk im Palazzo Cini gestaltet und dafür neun neue Bilder gemalt. Die Galerie Palazzo Cini hat diese Soloschau gemeinsam mit der Galerie Thaddaeus Ropac konzipiert. Der Ausstellungs-Titel hat mich sofort an das gleichnamige Gemälde von Peter Breughel (Kampf zwischen Fasching und Fasten, 1559) denken lassen, das ich erst kürzlich im Wiener Kunsthistorischen Museum gesehen habe. Allerdings bezieht sich der Künstler meines Erachtens mehr auf den venezianischen Karneval (Bild ganz oben "Self-Portrait with Animal Mask", 2018) und auf die Geschichte Venedigs als auf Breughels Bild der Sitten und Gebräuche.

Ghenie verweist auf die reiche maritime Geschichte der Stadt mit ihren vielen Wasserstraßen, thematisiert aber auch Flucht und Migration über das Mittelmeer, er orientiert sich an der Tradition, bezieht aber auch Position zu zeitgenössischen Ereignissen. Das Thema Wasser und die Grün-, Blau- und Grautöne sind der gemeinsame Nenner dieser Werke.

 

Untitled, 2019 © Adrian Ghenie

 

Wie aktuell sein Werk ist, erkennt man auch an seiner kleinen Porträtserie. Obwohl die Arbeiten "Untitled" sind, ist der Dargestellte auf den ersten Blick zu erkennen. Wie sehr das Gesicht - einer Landschaft gleich - doch redundant ist, wenn wir eine Haartolle wiedererkennen! Mühelos ergänzt unser Gehirn die fehlenden anatomischen Teile zu Trump.

 

Figure with Dog, 2019 © Adrian Ghenie

 

"Figure with Dog" wird von einer riesigen dekonstruierten Figur dominiert. Teile der Sportkleidung sind noch erkennbar, ansonsten erahnt man eine Masse aus Fleisch und Haaren. Wie auch bei seinen anderen Werken erinnert mich manches an Francis Bacon (eine moderne poppige, glühend farbigere Variante Bacons): der Kontrast zwischen den dynamischen Teilen der belebten Figuren - Mensch und hockender Hund - und der unbewegten Natur - wie Wasser, Himmel und Strand - sowie die Ausgewogenheit zwischen diesen Bildbereichen. Adrian Ghenies figurative Malerei ist gestisch und kontrolliert, nichts erscheint zufällig.

Adrian Ghenie findet den Vergleich mit Francis Bacon nur ermüdend, trotzdem ist es vor allem bei den Porträts eine Assoziation, die sich bei mir sofort und absichtslos einstellte.

 

That does not say anything about my painting [practice] but it says a lot about the art world, which always wants a quick explanation or description. We’re coming from different directions. (Ghenie zit. n. The Art Newspaper)

 

"Figure with Dog is dominated by an enormous partially clothed figure, standing near a petrified squatting dog and set against a Rousseau-esque landscape“, lese ich auf der Seite der Galerie Ropac. "Rousseau-artig"? Jean-Jacques oder Henri? Ich vermute der französische "Zurück zur Natur!"-Philosoph ist gemeint, wenngleich für mich auch Henris Phantasiewälder im Sinne des Kontrastes von Natur und Figur durchaus passend wären.

Ghenies tiefsinnige und gleichzeitig nebulösen Gemälde zeichnen sich durch eine experimentelle und emotionale Verwendung von Farben aus, er kratzt sie ab, manipuliert sie. Mehr noch als er die Vergangenheit und Gegenwart inhaltlich verhandelt, untersucht er die Möglichkeiten des Mediums Malerei, den Malakt an sich.

Adrian Ghenie (*1977 in Baia Mare/Rumänien) lebt und arbeitet derzeit in Berlin. Seine Ausstellung im rumänischen Pavillon auf der 56. Biennale in Venedig (2015) brachte ihm internationales Renommee ein und seine Werke sind heute in bedeutenden Museen und Galerien zu sehen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 18. November 2019  im Palazzo Cini zu sehen. Begleitend ist ein Katalog erschienen.

Ich habe übrigens schon 2014 einen Blogeintrag über Adrian Ghenie verfasst, nachdem ich lediglich ein Bild von ihm in Wien gesehen hatte. Vor allem die Farbpalette hat sich seit damals verändert. Vergleichen Sie!

alle Bilder © Adrian Ghenie

 

Ausstellung, Malerei
10. August 2019 - 12:14

Liliana Moro, Anemos, 2019
Foto von hier

 

Der große italienische Pavillon befindet sich fast am Ende des Arsenale-Geländes und kann über mehrere Eingänge betreten werden. Der Kurator Milovan Farronato zeigt hier in einer sehr speziellen Ausstellungsarchitektur zwei Künstlerinnen - Liliana Moro und Chiara Fumai - und einen Künstler - Enrico David.

Das labyrinthische Ausstellungskonzept ist von Italo Calvinos Essay "Die Herausforderung an das Labyrinth" von 1962 inspiriert. Der Kurator wollte damit die Komplexität der modernen Welt widerspiegeln, in der es keine traditionellen Bezugspunkte mehr gibt, keinen Anfang und kein Ende, keine lineare, umfassende Erzählung. Es soll der Komplexität und Fülle von Interpretationsmöglichkeiten gerecht werden.

Als sehr systematischer Mensch habe ich dieses Labyrinth als wahres Wege-Spiegel-Paravent-Vorhang-Durcheinander empfunden. Da ich nichts übersehen wollte, war ich mehr darauf konzentriert alles vollständig abzuschreiten, als die Kunst anzusehen: Die Präsentation hat für mich die Kunst überlagert. Wahrscheinlich bräuchte es einen intuitiveren Charakter als mich, um hier Erkenntnis zu gewinnen.

Ich beschränke mich in der Folge auf die Beschreibung eines Werkes von Liliana Moro (*1961, Mailand/Italien). Als Künstlerin verwebt sie architektonische Interventionen mit Soundarbeiten. Ihre Skulpturen und Installationen werden als luzide, kraftvoll, entschieden und kompromisslos beschrieben.

Im Pavillon sind Arbeiten ihrer letzten 30 Jahre ausgestellt, sowohl frühe als auch neue, noch nie gezeigte. Da die Stellwände des Ausstellungsdisplays unterschiedlich hoch sind, kann man in andere Labyrinthgänge hinübersehen und so neue Interpretationen durch die Nähe zu anderen Werken, neue mögliche Bedeutungen zwischen ihren Arbeiten und denen der beiden anderen Künstler herstellen. Diese Kommunikation der Werke untereinander - je nach Blickwinkel im Labyrinth - soll die Unmöglichkeit verdeutlichen, eindeutige, vorhersagbare Zusammenhänge herzustellen.

Liliana Moro arbeitet mit verschiedenen Materialien und in verschiedenen Maßstäben. Ihre klare und präzise Herangehensweise führt zur Schaffung scheinbar einfacher Gesten, die aus diesem Grund für eine Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen offen sind. Eine dieser Gesten zeigt die Arbeit "Anemos" von 2019, eine Hundeskulptur aus silbern glasierter Keramik auf einem Metallblech mit Sockel.

Wie bereits erwähnt, kann der Pavillon durch vier Ein- bzw. Ausgänge betreten werden. Das letzte Werk, bevor ich "meinen" Ausgang fand, war eben dieses "Anemos".

 

Liliana Moro, Anemos, 2019, Foto Petra Hartl

Liliana Moro, Anemos, 2019, Foto Petra Hartl

 

Ein Hund schaut auf ein hinunterfallendes Blatt, gleichzeitig versucht er es wiederzuerlangen und mit seinem Körper im Gleichgewicht zu bleiben. Die Arbeit, deren griechischer Titel "den Wind betreffend", "Lufthauch" aber auch "Leidenschaft" und "Unsicherheit" bedeutet, verewigt einen Moment des Fallens und des Verlustes, der die unvermeidliche Transformation und Vergänglichkeit sozialer Werte in historischen Epochen widerspiegelt (soweit der kleine Folder zum italienischen Pavillon).

 

Liliana Moro, Anemos, 2019, Foto Petra Hartl

 

Wir sehen also ein sehr poetisches Werk, aber wir sehen es nicht ohne hinaufzuschauen. Liliana Moro nützt die Höhe des Ausstellungsraums, indem sie die Hundeskulptur auf einem mehrere Meter hohen Sockel positioniert, der Betrachter muss sich zum Hund hinaufwenden, um dessen prekäre Situation erleben zu können.

Als ich mich in das Werk Moros eingelesen habe, bin ich auch auf ihre Arbeit "Underdog" (2005) aufmerksam geworden, die ich hier gerne ergänzend zeigen möchte.

 

Liliana Moro, Underdog, 2005

Liliana Moro, Underdog, 2005

 

Die Fotos sind von der Biennale 4 in Thessaloniki, wo die Arbeit 2013 gezeigt wurde.

Im Ausstellungsraum sind Bronzeskulpturen von fünf Hunden in unterschiedlichen Positionen und Rollen angeordnet. Einer wacht mit angespannten Muskeln; zwei andere kämpfen miteinander; einer heult triumphierend, während ein anderer ermattet und erschöpft - vielleicht auch tot - am Boden liegt. Die Tiere scheinen Wachsamkeit, Angriff/Kampf, Siegestaumel und Niederlage zu verkörpern. Die freudige Erregung des Gewinners wird ebenso dargestellt wie die unvermeidliche Anwesenheit des Unterlegenen.

Das verwendete Material ist für Liliana Moro immer sehr wichtig, bei "Underdog" ist es Bronze. Sie selbst beschreibt das Material als wichtig in einem politischen Kontext, Bronze sei ein traditionelles Material, das den Bezug zu großen repräsentativen Monumenten und Denkmälern von Herrschern und Helden herstellt. (vgl. hier)

Die Arbeit wirft Fragen auf und lässt viele Interpretationen zu: Der "Underdog" kann ein Individuum (ob Hund oder Mensch) sein, von dem wir erwarten, dass es in verschiedenen Konfrontationen und Wettbewerben, von existenziellen, politischen bis zu sportlichen, verliert. Es kann aber auch um eine Gruppe, die Verlierer der Gesellschaft, gehen, darum, wer sie sind und wie sie gesehen werden.

Warum muss Kontakt zu einem Konflikt werden, der Verlierer und Sieger hervorbringt? Was gewinnt oder verliert man? Was führt zum Umkippen dieser Rollen?

In jedem Fall können die Skulpturen auch als fünf "Phasen" im Leben eines einzelnen Individuums angesehen werden: Jede Figur ist sowohl Opfer als auch Angreifer, Verlierer als auch Gewinner, beides gehört zum Kreislauf des Lebens.

Milovan Farronato, der Kurator des italienischen Biennale-Pavillons, hat sich bereits 2006 mit "Underdog" auseinandergesetzt. Sie können seine Überlegungen hier auszugsweise nachlesen und vielleicht auch nachvollziehen.

Liliana Moro lebt und arbeitet in Mailand. Nach ihrem Studium war sie gegen Ende der 1980er Jahre Mitbegründerin eines alternativen Ausstellungsraumes, der das kulturelle Klima Mailands belebte. Schon zu Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit erlangte die Künstlerin mit einer Einladung zur Documenta IX (1992) und zur Biennale von Venedig (1993) wichtige Anerkennung.

Quellen: neben dem offiziellen Biennale-Führer vor allem The Bag. Biennale Art Guide 2019, S 81ff

Ein paar einleitende Worte zu meinem Besuch auf der Biennale können Sie bei meinem Blog-Beitrag zu Jimmie Durham lesen.

 

Ausstellung, Installation, Skulptur
4. August 2019 - 9:02

David Hammons, Bliz-aard Ball Sale, 1983. Performance view, Cooper Square, New Y
Foto von Artforum

 

Sie sehen oben den afroamerikanischen Künstler David Hammons (*1943 in Springfield, Illinois/USA) bei der künstlerischen Arbeit und zwar bei seiner - in der Folge oft zitierten, aber wenig recherchierten - Aktion "Bliz-aard Ball Sale" von 1983, als er in New York quasi als Straßenhändler nach Größe aufgereihte Schneebälle an Passanten verkaufte.

Geprägt durch die Bürgerrechtsbewegung der 1960er und 1970er Jahre und verwurzelt in der schwarzen urbanen Kultur Amerikas, ist der Alltag auf den Straßen für David Hammons nicht nur eine wichtigste Inspirationsquelle, die Straße ist auch der Ort, an dem er bevorzugt künstlerisch agiert, um der Aufmerksamkeit durch Kritiker, Galerien und Museen zu entgehen.

Hammons spricht in seinen Werken immer wieder politische, soziale und ökonomische Missstände an und thematisiert Kulturstereotypen. Dabei verwendet er für seine Skulpturen und Installationen Fundgegenstände und billige Materialien, den Abfall des afroamerikanischen Lebens, und greift damit unter anderem auf Strategien der Arte Povera zurück. Ebenso steht er in der Tradition eines Marcel Duchamps, da er seine Fundobjekte zu Kunstwerken deklariert.

Obwohl er den Fokus immer mehr auf seine Kunst als auf seine Karriere gerichtet hat, gewann er in der Kunstwelt zunehmend an Bedeutung, 1992 nahm er z.B. an der Documenta IX teil.

Sicher fragen Sie sich inzwischen, was das mit der Biennale (wenig) oder gar mit Hunden (nichts) zu tun hat.

In der zentralen internationalen Ausstellung in den Giardini sind Malereien Henry Taylors (in einem Raum gemeinsam mit Arbeiten von George Condo, Julie Mehretu und Skulpturen von Nairy Baghramian) ausgestellt. Und Taylors Gemälde "Hammons meets a hyena on holiday" von 2016 basiert auf einem Foto, das Hammons bei der beschriebenen Schneeballverkaufs-Aktion zeigt.

 

Henry Taylor, Hammons meets a hyena on holiday, 2016, Foto von Nasher
Foto: Nasher. Museum of Art at Duke University
 

Ergänzt hat Taylor die Szene mit einer Hyäne, einer Moschee und der Jacke eines Weihnachtsmannes, um einen unverfrorenen, respektlosen Kulturmix zu erzeugen.

An dieser Textstelle habe ich, im festen Glauben daran, dass die Hyäne ein afrikanischer Wildhund sei, zur Sicherheit auf Wikipedia nachgelesen.

 

Die Hyänen werden innerhalb der Raubtiere trotz ihres hundeähnlichen Äußeren in die Katzenartigen eingeordnet, was durch Schädelmerkmale, insbesondere den Bau der Paukenhöhle, abgesichert ist.

 

Katzenartig! Ich habe mich entschieden weiterzuschreiben. Bitte verzeihen Sie mir diesen Lapsus, aber ich habe mit David Hammons und Henry Taylor zwei aufrichtige, empathische Künstler kennengelernt, die ich Ihnen - auch ohne Hundebezug - vorstellen will.

Besonders Taylors Malerei, die die Lebenswelten ganz unterschiedlicher Menschen darstellt, wird international bewundert. Als ehemaliger Pfleger in einer psychiatrischen Einrichtung porträtiert er zehn Jahre lang dort lebende Patienten, er malt seine Familie und Freunde, malt Fremde, Mittellose ebenso wie Erfolgreiche, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Opfer von Polizeigewalt und politisch inspirierte Gruppenszenen, die unterschiedliche Geographien und Geschichten, Persönliches und Kollektives zusammenführen. Häufig verwendet er – wie in diesem Beispiel – kunsthistorische Referenzen.

Taylor malt Alltägliches mit präzisem Blick für Ungleichheit und Ungerechtigkeit, für Unsicherheit und Ungeheuerlichkeit des afroamerikanischen Lebens. Dabei ist er mehr als ein Porträtist des Alltags. Er untersucht, was entsteht, wenn Schwarze im Zentrum der Leinwand und im Mittelpunkt der Gesellschaft stehen, und setzt damit ein Zeichen für die schwarze Kultur der Gegenwart.

Henry Taylor (* 1958 in Ventura, Kalifornien/ USA) lebt und arbeitet in Los Angeles.

Quellen zu David Hammons: Wikipedia, Kunsthalle Basel, The MT Press

Quellen zu Henry Taylor: neben dem offiziellen Biennale-Führer vor allem Interview Magazine, Galerie Eva Presenhuber

Ein paar einleitende Worte zu meinem Besuch auf der Biennale können Sie bei meinem Blog-Beitrag zu Jimmie Durham lesen.