November 2015

18. November 2015 - 12:56

Filmposter

 

Es ist inzwischen ein paar Wochen her, seit ich beim Wiener Filmfestival "Viennale" Laurie Andersons Film "Heart of a dog" gesehen habe, und ich versuche mich daran zu erinnern, was mir aus diesem wunderbaren filmischen Essay im Gedächtnis geblieben ist: Vor allem die ganz besondere Beziehung, die Laurie Anderson zu ihrem Terrier Lolabelle hatte, die Liebe zu ihm, die den Film wie ein roter Faden durchzieht.

 

Laurie Anderson und Lolabelle, Foto: Sophie Calle

 

Laurie Anderson hat Lolabelle und ihr Erleben der Welt bei gemeinsamen Spaziergängen mit ernsthaftem Interesse beobachtet. Der Terrier änderte sein Verhalten und richtete es zum Himmel aus, nachdem er einmal von einem Vogel von oben bedroht wurde. In ihrer filmischen Montage vergleicht sie diese Erinnerung an den Hund mit der Aufmerksamkeit der Menschen, die sich nach 9/11 ebenfalls nach oben ausrichte. Persönliche Erinnerungen werden mit dem allgemeinen Stimmung und Lebensrealität in New York verknüpft. Laurie Anderson selbst verließ nach dem Anschlag auf die Twin Towers und der daraus resultierenden Überwachung New York und übersiedelte nach LA.

 

Filmstill

 

Die Musikerin hat ihrem Hund das zweipfotige Klavierspielen beigebracht. In einer Szene sehen wir die bereits blinde Lolabelle bei einem Auftritt für eine Tierrechtsorganisation beim Keyboardspielen. Behutsam lenkt Laurie Anderson ihr Spiel. (Ich glaube bemerkt zu haben, dass sie ihr Leckerlis vor die Tasten hält, denen sie nachspürt).

 

Filmstill

 

Berührend sind auch die Aufnahmen der kranken Lolabelle, die ihre letzten Tage in einer Tierambulanz verbringt, bevor sie von Laurie Anderson zum Sterben nach Hause geholt wird. Auch Hunde wissen, wann sie gehen wollen.

Das große Thema des Films ist die Auseinandersetzung mit Verlust, Tod und Trauer. Nicht nur das Sterben des geliebten Hundes wird erzählt, sondern auch das der Mutter und das Sterben Gordon Matta-Clarks, das ihr Künstlerfreund als Performance inszenierte. An seinem Sterbebett wurde das tibetanische Totenbuch gelesen. Der Tod ihres Ehemanns Lou Reed 2013 bleibt vordergründig ausgespart, ihm ist allerdings der Film gewidmet.

Laurie Anderson entwickelt für ihr filmisches Universum eine hypnotische, visuelle Bildsprache, montiert aus tagebuchartigen Aufzeichnungen mit der Videokamera, 8-Millimeter-Filmen, Animationen ihrer großartigen Kohlezeichnungen, Aufnahmen mit dem Smartphone und Hundefotografien. Oft folgt die Kamera Lolabelles Sicht: Aus ihrer Hundeperspektive erleben wir Hundebegegnungen am Trottoir mit.

 

Filmstill

Filmstill

 

Der Trailer gibt einen guten Einblick in Andersons formale Vorgehensweise und in die Stimmung, die der Film vermittelt.

 

 

Die US-amerikanischen Musikerin und Performance-Künstlerin, die zweimal an der Documenta teilnahm, erschafft eine sehr persönliche, humorvolle (z.B. wenn sie Pudel, Schäferhunde und Terrier vergleicht), tief bewegende Meditation, die über die Darstellung ihrer Beziehung zu Lolabelle hinausgeht und die existenziellen Dinge berührt. Sie collagiert unterschiedliche Themen und Bilder, Erinnerungen an ihre Kindheit (langer Krankenhausaufenthalt)  und Träume zu einem emotionalen Ganzen, das Persönliches und Gesellschaftliches miteinander verbindet.

Ihre omnipräsente und suggestive Stimme, die mit Wärme und Einsicht, mit philosophischen, literarischen und bildnerischen Zitaten (Kierkegaard, Wittgenstein, David Foster Wallace, Goya) assoziierend erzählt, und ihre Musik ergänzen gleichberechtigt die Bilder. Stimme, Musik und Film - aus vielfältigsten Quellen verwoben - bilden solcherart ein ausgewogenes, harmonisches Nebeneinander.

Mir wird schnell langweilig, wenn etwas zu kunstvoll ist - keine Sekunde jedoch dieser melancholischen, herzerwärmenden fünfundsiebzig Minuten war mir zu lang.

 

Film, Musik
10. November 2015 - 13:37

Ich bin schon vor einigen Jahren im Internet auf die Glasarbeiten der polnischen Künstlerin Marta Klonowska gestoßen, habe sie aber leichtfertig anderen BildhauerInnen zugeordnet, die Hundeskulpturen aus allen möglichen Materialien (Fahrradketten, Schrauben etc.) anfertigen. Vielen Dank deshalb an die Blogleserin Andrea Antoni, die mich nochmals auf diese Künstlerin aufmerksam gemacht hat, sodass ich einen neuerlichen Blick auf ihr Werk wagte. Von Frau Antoni kommt auch die Idee zum Titel dieses Blogbeitrags: Kein Streichelzoo.

Marta Klonowska bildet aus Tausenden von farbigen Glasscherben verschiedene Tierarten lebensgroß nach. Ihr Hauptthema: Hunde. Sie sind meist denen auf alten barocken oder romantischen Gemälden und Stichen nachempfunden (Peter Paul Rubens oder Francisco de Goya). Dort treten sie allerdings mit ihren HalterInnen auf und spielen eine eher untergeordnete Rolle. Marta Klonowska holt die Tiere aus den Hintergründen der Gemälde heraus und stellt sie in den Vordergrund.

Die Abbildungen stammen alle von der Homepage der Galerie lorch + seidel, wo die Künstlerin in Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert wird. Dort finden Sie auch ein ausführliches Portfolio der Künstlerin zur Ausstellung "Lion Dog Meets Garden Dog" (2015) sowie Videos.

 

Marta Klonowska, Puszek und Freunde, Installationsansicht, 2013, Foto lorch+seid

 

Die folgenden Textstellen beschreiben Marta Klonowskas künstlerisches Konzept:

 

“My passion is sculpture. I create installations, which should lead the audience into a new universe. My animal figures are part of historical paintings, where they play a secondary role to the sitters. In my art the animals perform as the principal actor. Animals are difficult to understand and it is difficult to communicate with them. My glass animals open therefore a new reality, which is different from ours. The sitters in the painting, the animals and the audience of my art perform in a kind of theatrical stage, where the different levels become indistinct. This clash of realities should make us think about the uncertainties of life.”  (Marta Klonowska, Zitat von hier)

" ... Die oft versteckten, untergeordneten Tierfiguren auf den Bildnissen, die ich als Motive auswähle, helfen mir, eine eigene Kunstwelt zu erschaffen. Dass es Tiere  sind, ist wie eine Charade; dahinter versteckt sich ein besonderer Charme, ein Geheimnis, eine ungewöhnliche Dynamik oder statische Ästhetik. Die Tiere sind für uns Menschen nicht so fassbar wie die eigene Spezies. Auch wenn diese Tierobjekte so spielerisch wirken, sind   sie für mich abstrakte Metaphern, um ein bestimmtes Gefühl, eine besondere Stimmung zu vermitteln, und dabei sind sie nicht so durchschaubar, wie es menschliche Objekte wären. ... "  (Marta Klonowska zit. n. Portfolio auf lorch + seidel)

 

Marta Klonowska, Puszek und Freunde, 2013, Foto lorch+seidel

Marta Klonowska, Puszek und Freunde, 2013, Foto lorch+seidel

Marta Klonowska, La Marquesa de Pontejos nach Francisco de Goya,2010, Foto lorch

Marta Kolonowska, Marquesa de Pontejos, That's what I want, 2014, Installationsa

Marta Klonowska, La Marquesa de Pontejos nach Francisco de Goya,2010, Foto lorch

Marta Klonowska, Venus und Adonis nach Peter Paul Rubens, 2008, Foto lorch+seide

Marta Klonowska, Venus und Adonis nach Peter Paul Rubens, 2008, Foto lorch+seide

Marta Klonowska, Venus und Adonis nach Peter Paul Rubens, 2008, Foto lorch+seide

 

Von 1778-1787 erschien in Paris unter dem Titel "Galerie des Modes et des Costumes Français" eine Reihe von Drucken, die anhand von detaillierten Abbildungen und Beschreibungen die aktuelle Mode vorstellten, so wie sie in der Hauptstadt und am Hof von Versailles getragen wurde. Das von Marta Klonowska ausgewählte Motiv "Demoiselle en Polonoise" zeigt eine junge Dame mit Hund in einer ländlichen Szenerie. Die Robe à la Polonaise wurde, den Ideen der Aufklärung folgend, als eine besonders natürliche Art sich zu kleiden betrachtet. (…) Eine ideale Garderobe für Spaziergänge und Ausflüge aufs Land.

So wie Landschaft und Kleidung die Idee einer Natürlichkeit suggerieren, so täuscht auch der kleine Löwenhund eine ursprüngliche Wildheit nur vor. Der Hund ist hier ein zur Mode passendes Accessoire das den Auftritt der jungen Dame wirkungsvoll unterstützt. Tatsächlich aber wurden diese Hunde (dt. Löwchen, engl. Little Lion Dog,  fr. Petit Chien Lion)  über Jahrhunderte gezüchtet. Ihr Fell bedurfte regelmäßiger und aufwändiger Pflege, um sie so aussehen zu lassen wie kleine männliche Löwen. Hunde dieser Art lassen sich in der Kunstgeschichte bis ins Mittelalter zurückverfolgen.  (…)

Kleine Löwenhunde waren die bevorzugten Gesellschaftshunde des europäischen Adels und es heißt, sie hätten eine starke Persönlichkeit und den Willen im Mittelpunkt zu stehen. Marta Klonowska betont diesen Aspekt in ihrer Interpretation des Löwenhundes sowohl durch die Wahl der Farbe als auch durch Ausdruck und Haltung, die beide den Fokus ganz auf das Vorführen der prächtigen Toilettage legen. Gleichzeitig findet sich in der Haltung, besonders des Kopfes, etwas vom kecken Ausdruck und Auftritt der jungen Dame wieder. (Text zit. nach Portfolio auf lorch + seidel)

 

Marta Klonowska, Lion dog meets garden dog, Foto lorch+seidel

Marta Klonowska, Lion dog meets garden dog, Foto lorch+seidel

Marta Klonowska, Lion dog meets garden dog, Foto lorch+seidel

Marta Klonowska, Lion dog meets garden dog, Foto lorch+seidel

Marta Klonowska, Lion dog meets garden dog, Foto lorch+seidel

Marta Klonowska, Lion dog meets garden dog, Foto lorch+seidel

Marta Klonowska, Lion dog meets garden dog, Foto lorch+seidel

Marta Klonowska, Lion dog meets garden dog, Foto lorch+seidel

Marta Klonowska, Lion dog meets garden dog, Foto lorch+seidel

Marta Klonowska, Lion dog meets garden dog, Foto lorch+seidel

Marta Kolonowska, Marquesa de Pontejos, That's what I want, 2014, Installationsa

 

Unten sehen Sie die Künstlerin bei der Arbeit. Ein Metallskelett wird vorsichtig mit Glasscherben bedeckt. Die fertigen Skulpturen werden vor den historischen Gemälden platziert.

 

Marta Klonowska bei der Arbeit
Foto von Habatat Galleries
 

Marta Klonowska wurde 1964 in Warschau geboren. Sie studierte in Breslau/Polen und Düsseldorf/D und war Meisterschülerin von A.R.Penck. Sie lebt und arbeitet in Düsseldorf und Warschau.

Abbildungen © lorch + seidel

 

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