Juli 2015

25. Juli 2015 - 18:40

Ich bin ein Wintermensch! Schnee ziehe ich der gegenwärtigen Hitze auf alle Fälle vor. Deshalb musste ich jetzt einfach einen winterlichen Beitrag schreiben, bevor mich und Hedy die hohen Temperaturen vollends lähmen und in Bewegungslosigkeit einfrieren (!) lassen. Wenn Ihnen die Hitze auch zusetzt, freuen Sie sich vielleicht über diesen kühlen Beitrag ganz besonders.

Die Fotoserie "Tiksi" ist nach der sibirischen Heimatstadt der Fotografin Evgenia Arbugaeva benannt. Sie liegt an der russischen Nordpolarmeerküste. Schnee, gefrorene Tundra, Polarnacht und magisches Polarlicht prägen diese einsame Gegend.

Nach fast 20 Jahren kehrt Evgenia Arbugaeva nach Tiksi zurück, um die Kindheitserinnerungen an der Realität zu überprüfen (War das Licht wirklich so mystisch, die Weite so unendlich?). Sie will  Motive suchen, die den Bildern der Erinnerung entsprechen.

 

aus der Serie Tiksi © Evgenia Arbugaeva

 

Sie lernt das Mädchen Tanya kennen, die zur Protagonistin auf ihren Fotos wird und mit der sie eine surreale Geschichte inszeniert, ein sibirisches Märchen in Bildern erzählt. Durch Tanyas  neugierige, scheue, ehrfürchtige Kinderaugen kann die Künstlerin die Gegenwart betrachten und mit ihren Erinnerungen verbinden. Fotos in einer traumhaft verspielten Stimmung entstehen.

 

aus der Serie Tiksi © Evgenia Arbugaeva

aus der Serie Tiksi © Evgenia Arbugaeva

aus der Serie Tiksi © Evgenia Arbugaeva

aus der Serie Tiksi © Evgenia Arbugaeva

 

Was wir auf den ersten Blick sehen, sind Bilder voller Romantik, Melancholie, poetisch und nostalgisch. Die Aufnahmen sind farbenprächtig, hell und leuchtend. Sie sind aber auch dokumentarisch und zeigen eine fast aufgegebene Stadt. Die verblassenden Farben der Häuser und Gegenstände, deren Patina, all das, was auf uns einen ästhetischen Reiz ausübt, ist die Manifestation eines wirtschaftlichen Verfalls.

Während seiner florierenden Zeit hatte Tiksi 12000 Einwohner, die am Hafen, in Forschungs- und meteorologischen Stationen oder Militärstützpunkten arbeiteten. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR 1991 verschwand die staatliche Infrastruktur. Tiksis Wirtschaft brach zusammen, die Stadt war dem Untergang geweiht. Mehr als die Hälfte der Menschen wanderten ab, auch Evgenia Arbugaevas Eltern zogen mit der Achtjährigen nach Yakutsk.

Als sie 2010 erstmals mach Tiksi zurückkam, war sie schockiert und traurig darüber, wie heruntergekommen und vernachlässigt ihre Heimatstadt war. Gebäude und Schiffe waren verrostet und lagen wie unheimliche Monumente einer großen vergangenen Zeit da. 2012 wurde der Flughafen geschlossen. Heute kommt Versorgung mit dem Hubschrauber.

 

aus der Serie Tiksi © Evgenia Arbugaeva

aus der Serie Tiksi © Evgenia Arbugaeva

aus der Serie Tiksi © Evgenia Arbugaeva

 

Vielleicht sehen andere Kälte, Einsamkeit, Mangel, täglichen Kampf und Verwahrlosung in den Bildern, ich sehe endlose Weiten, Unendlichkeit, höre eine eindringliche Stille.

Evgenia Arbugaeva beschreibt sich als Mensch des Nordens, der ohne die Ruhe und Ehrlichkeit der Arktis nicht leben kann, der sich in der Tundra zuhause fühlt. Im Winter gehen dort Schnee und Himmel horizontlos ineinander über, erzeugen ein Gefühl der Schwere- und Zeitlosigkeit. Auch in ihren anderen Langzeitprojekten fängt sie Menschen und Landschaften der Arktis und Tundra, die Beziehung von Mensch und Natur ein (Meteorologen in "Weather man“, , Mammutjäger in "Mammoth hunters“).

Evgenia Arbugaeva (*1985 in Tiksi) hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, ihre Arbeit wird international ausgestellt und erscheint in Magazinen wie The New Yorker, Le Monde und National Geographic.

alle Fotos © Evgenia Arbugaeva

 

Fotografie
22. Juli 2015 - 20:30

Vor ein paar Tagen habe ich mir zwei Fotografie-Ausstellungen in Wien angesehen. Die beiden Fotografen hatten nicht nur auf den ersten Blick nichts gemeinsam (außer dem Umstand, dass ich deren Werk am selben Tag kennengelernt habe), sie könnten vielmehr nicht gegensätzlicher sein.

Der eine, Joel Meyerowitz, nimmt für sich in Anspruch, die Farbe in die künstlerische Fotografie eingeführt zu haben und sich nicht für grafische Kompositionen, sondern für die umfassendste Beschreibung der Realität ("description") zu interessieren.

Dem anderen, Mario Giacomelli, er fotografierte nur schwarz-weiß, ging es gerade um formale Aspekte, um grafische Strukturen. Ich würde noch einschränkender sagen, es ging ihm um die Steigerung, ja Übersteigerung des Schwarz-Weiß-Kontrastes und um die Linie. Er war aber auch hauptberuflich Schriftsetzer!

Erfreulicherweise fanden sich bei beiden Fotografen auch Hunde als Motiv - wenn auch wahrlich nicht werkprägend -, sodass ich sie hier doch mit gutem Gewissen vorstellen kann.

 

New York City, 1965 © Joel Meyerowitz
New York City, 1965 © Joel Meyerowitz

 

Joel Meyerowitz wird zur Zeit mit einer Retrospektive im Kunst Haus Wien gewürdigt. Der inzwischen 77-jährige Fotograf und Dokumentarfilmer wurde in New York geboren und studierte Malerei (bei Ad Reinhardt) und Kunstgeschichte. Nach einer Begegnung mit Robert Frank wandte er sich der Fotografie zu. Er schrieb als Mitbegründer der Street Photography Fotografiegeschichte und etablierte in den 1960/70er Jahren die Farbfotografie (New Color Photography) als künstlerisches Medium. Er hat zahlreiche internationale Preise erhalten, 16 Bücher veröffentlicht und wurde bisher weltweit über 350-mal ausgestellt.

Die Retrospektive bildet einen Querschnitt durch sein Werk von den 1960er Jahren bis heute. Wir sehen seine Entwicklung von der Schwarzweiß-Fotografie zur damals als Fotografie für Hochzeiten verpönten und nur im privaten Umfeld oder in der Werbung verwendeten "unseriösen" Farbfotografie; seinen Wandel vom dynamischen Jäger als Street Photographer zum beobachtenden Inszenierer von Fundstücken, die er im Studio zu Stillleben arrangiert und fotografiert. Und wir sehen sein Experimentieren mit unterschiedlichen Formaten, Filmen und Kameras.

Als Street Photographer in New York und während seiner Europareise finden sich noch Aufnahmen mit Hund, ist er doch ständiger Begleiter des Menschen. Mit zunehmender thematischer Spezialisierung auf Architektur, Landschaft, Porträt und Stillleben (Cape Light, Red Heads, Ground Zero, Legancy - The parks of New York City, Still lifes) verschwinden sie jedoch aus seinem Œuvre.

 

New York City, 1963 © Joel Meyerowitz, Courtesy Howard Greenberg Gallery
New York City, 1963 © Joel Meyerowitz, Courtesy Howard Greenberg Gallery
 

Über diese Fotografie sagt Joel Meyerowitz selbst, dass er sich sehr dafür interessierte, wie Menschen, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten, zusammengewürfelt wurden. Er fotografierte die Menschen und deren spannende Beziehung zueinander oft während der zahlreichen Paraden, die in den 1960er Jahren stattfanden. Durch das Fotografieren stellte er sie in einen Rahmen, wodurch sie einen neuen Kontext erhielten. Der lachende Mann mit Hund steht einfach herum, der Betrachter weiß nicht, dass er einer Parade zusieht. Der andere respektvolle Mann hält seinen Hut vor die Brust, weil gerade die amerikanische Flagge vorbeigetragen wird, auch das weiß der Betrachter nicht. Ohne Kontext entsteht also ein surrealer, absurder Inhalt.

Mir gefällt das untere Bild viel besser: Als HundeliebhaberInnen identifizieren wir sofort das relevante Bildgeschehen. Der Dackelblick folgt dem Chihuahua, während die Kaffeehaus-Besucher den Dackel ansehen.

 

Paris, France, 1967
Paris, France, 1967 © Joel Meyerowitz.
Ich habe dieses Foto in der Ausstellung abgeknipst.

 

In "War protest" zeigt sich, wie Joel Meyerowitz sagt, die Eigenart des aufgesteckten Blitzlichtes den Schwerpunkt der Fotografie zu verändern. Die Demonstration gegen den Vietnamkrieg verschwindet, aber die Emotionen scheinen in der Angst und Angriffslust der Hunde verkörpert zu werden. Wenn Sie genau schauen, bemerken Sie, dass der Schäferhund den Husky gerade in die Pfote beißt.

 

Hedy mit Ausstellungskatalog, aufgeschlagen bei War protest, New York City, 1968
Hedy mit Ausstellungskatalog, aufgeschlagen bei War protest, New York City, 1968
 

Die Fotografie unten ist am Bodensee während der ersten Europareise von Joel Meyerowitz entstanden, der Hund steht im Hintergrund.

 

Bodensee, 1967 © Joel Meyerowitz
Bodensee, 1967 © Joel Meyerowitz

 

Für die Serie "From a moving car“ von 1966/67 fotografierte er in Europa aus dem fahrenden Auto. Über 2000 Aufnahmen entstanden, wobei 40 für seine erste Einzelausstellung im Museum of Modern Art verwendet wurden. Ein besonderes Highlight der Ausstellung im Kunst Haus Wien ist die Präsentation der 40 original vintage prints aus der MoMA-Schau von 1968.

 

Paris, Port de Cignancourt, 1966
Paris, Port de Cignancourt, 1966 © Joel Meyerowitz.
Ich habe dieses Foto in der Ausstellung abgeknipst.

 

Bei der Führung durch die Ausstellung am 16.7. 2015 äußerte sich Joel Meyerowitz zur Serie "From a moving car“:

 

I was in my Volvo car, the whole time and I photographed out of the window as I was driving the car … it was for me a conceptual work. I treated the car as if it was the camera and the window was the lens and I was inside the camera, driving the camera. …. I wanted to make photographs of things that I only had the barest recognition … I did not care about the perfect framing ...

 

Auch wenn für Joel Meyerowitz der "richtige" Bildausschnitt bei der Aufnahme kein Kriterium war, so sicherlich bei der Auswahl der Fotografien für die Ausstellung im MoMA. Das Foto mit dem weißen Hund ist einfach perfekt!

Bitte entschuldigen Sie, dass ich teilweise auf das Abknipsen der Arbeiten zurückgreifen musste, aber ich wollte Ihnen die wenigen Beispiele, die zu unserem gemeinsamen Nischen-interesse "Hund und Kunst" passen, nicht vorenthalten.

Die Ausstellung im Kunst Haus Wien (in Kooperation mit dem NRW-Forum Düsseldorf) ist noch bis zum 1. November 2015 zu sehen.

Quelle: Pressematerial und Katalog zur Ausstellung (Ralph Goertz (Hg.): Joel Meyerowitz Retrospective, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2014)

 

Ausstellung, Buch, Fotografie
15. Juli 2015 - 11:50

Alles beginnt mit einer Erinnerung, mit einer persönlichen Erinnerung.

 

Man and dog © Hajime Kimura

 

Das sagt der japanische Fotograf Hajime Kimura über seine Arbeit. In der Serie "Man and dog" ist es die Erinnerung an seinen verstorbenen Vater.

Nach dessen Tod geht der Fotograf mit Kuno, dem Hund des Vaters, spazieren. Er trifft Menschen, die seinen Vater gekannt haben, unterhält sich mit ihnen und lernt über diese Gespräche eine unbekannte Seite seines Vaters kennen.

 

Man and dog © Hajime Kimura

Man and dog © Hajime Kimura

Man and dog © Hajime Kimura

Man and dog © Hajime Kimura

Man and dog © Hajime Kimura

Man and dog © Hajime Kimura

 

Hajime Kimura fotografiert ausschließlich schwarz-weiß, wobei sich seine Aufnahmen durch hohe Kontraste und außergewöhnliche Bildausschnitte auszeichnen. Erinnerung, Neugier und Intimität mit dem Thema bestimmen Kimuras Aufnahmen weit mehr als das Verfolgen eines konkreten Konzeptes oder das Erzählen einer Geschichte.

Ich möchte Ihnen noch "Tracks", eine weitere, sehr bewegende Serie Kimuras vorstellen. In ihr zeigt er das Leben japanischer Rennpferde von der Geburt zum Tod und auf unsere Teller.

 

Tracks © Hajime Kimura

Tracks © Hajime Kimura

 

Da in Japan auch Pferde gegessen werden, hat er in einem Schlachthaus in Hokkaido fotografiert, wobei es nicht einfach war, eines zu finden, das ihm die Einwilligung dazu gab. In Hokkaido, einer Insel im Norden Japans, werden 95 % der Rennpferde geboren und aufgezogen. Alle, die nicht renntauglich sind, werden für die menschliche Ernährung geschlachtet oder zu Hunde- und Katzenfutter verarbeitet.

Auch diese Serie begann mit einer sehr persönliche Erinnerung. Kimura hatte als 21jähriger in einem Restaurant - ohne es vorher zu wissen - Pferdefleisch gegessen und versuchte diese Erfahrung mit der Erinnerung an Pferderennen, die er als Jugendlicher gesehen hatte, in Einklang zu bringen. Da ihm das nicht gelang, machte er sich mit der Kamera auf den Weg, um zu verstehen …

 

Tracks © Hajime Kimura

Tracks © Hajime Kimura

 

Die Aufnahmen sind formal und inhaltlich überwältigend, sie sind schön und machen emotional betroffen, und sie werden seiner Absicht mehr als gerecht: Bewusstsein und Sensibilisierung für das Leben und Sterben dieser Pferde zu erreichen.

Hajime Kimura (*1982) wuchs in Chiba, in der Nähe von Tokio, auf, studierte Architektur und Anthropologie. 2006 begann er auf ausgedehnten Reisen durch Japan und Asien zu fotografieren. Bis heute gewinnt er zahlreiche Preise und wird weltweit ausgestellt, darüber hinaus arbeitet er für Magazine wie TIME, The New York Times, Le Monde magazine, Newsweek, The Boston globe und Esquire.

Auf Hajime Kimuras Homepage können Sie sowohl die vollständigen Fotoserien sehen als auch Einblick in seine weitere Arbeit gewinnen. Ein ausführliches Interview zu seinem fotografischen Werk findet sich auf Photobook Melbourne.

alle Fotos © Hajime Kimura

 

Fotografie