10. Oktober 2018 - 8:15

Die deutsch-schwedische Malerin Lotte Laserstein (1898–1993) gehört zu den wichtigen Wiederentdeckungen der letzten Jahre. Nach dem 2. Weltkrieg war sie für viele Jahrzehnte in Vergessenheit geraten, erst 2010 wurde ihr Hauptwerk "Abend über Potsdam" durch die Berliner Nationalgalerie erworben. Zur Zeit findet eine große Ausstellung im Frankfurter Städel statt, ab April 2019 werden ihre Werke im Museum Berlinische Galerie zu sehen sein.

Lotte Laserstein beschäftigte sich vor allem mit Porträtmalerei, wobei ihr Fokus auf Frauenporträts lag. Sie zeichnete dabei ein einfühlsames und psychologisch tiefes Bild der emanzipierten, selbstbewussten Städterinnen. Lotte Laserstein selbst gehörte auch zu diesen modernen "neuen" Frauen.

Als eine der ersten Frauen studierte sie von 1921 bis 1927 an der Berliner Hochschule für Bildende Künste und arbeitete danach zielgerichtet an ihrer Karriere. Sie engagierte sich in Künstlerinnenvereinen und schuf sich dadurch ein breites Netzwerk, das ihr Ausstellungs- und Verkaufsmöglichkeiten bot, sie eröffnete eine private Malschule, die ihr auch finanzielle Sicherheit brachte. Bald gehörte sie zu den erfolgreichsten Künstlerinnen in der Weimarer Republik und konnte von ihrer Kunst leben. Ihre Werke wurden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt und in Zeitschriften publiziert. Allerdings wurde sie noch nicht in Museen ausgestellt, als sie, als Jüdin gebrandmarkt, 1937 nach Schweden emigrieren musste. Dort arbeitete bis zu ihrem Tod als erfolgreiche Malerin und gefragte Auftragsporträtistin.

Ihr Hauptwerk ist das 1930 entstandene große querformatige Tafelbild "Abend über Potsdam". Ihre Meisterschaft in der Porträtmalerei bringt sie in dieses streng komponierte Gruppenporträt ein.

 

Lotte Laserstein, Abend über Potsdam, 1930, Foto: Staatliche Museen zu Berlin, N
Lotte Laserstein, Abend über Potsdam, 1930, Öl auf Holz, 111 x 205,7 cm
(Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Staatliche Museen zu Berlin,
Nationalgalerie / Roman März © VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

 

Erzählungen zufolge ließ sie eine große Holzplatte zuerst mit der Berliner S-Bahn, dann mit der Pferdekutsche nach Potsdam transportieren und auf eine Dachterrasse tragen. Dort gruppierte und skizzierte sie ihre Freunde und legte die Potsdamer Stadtlandschaft topografisch genau an. Der Entwurf wurde dann in ihr Berliner Atelier gebracht, wo sie das Gemälde in monatelanger akribischer Arbeit fertigstellte. Sie ging dabei nicht den einfacheren Weg nach Foto zu malen, sondern ließ ihre Freunde in langwierigen Prozessen Modell stehen.

Das die Porträtierten Verbindende ist das Schweigen, in dem fünf Personen und ein Hund verharren. Melancholisch und vereinzelt scheint jeder seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.

 

„Lasersteins Kunst aber ist das Schweigen. Ist die Versonnenheit. Ein In-sich-Blicken. So sieht man ihre Freunde auf dem wohl bekanntesten Bild, das sie gemalt hat: Abend über Potsdam. Versunken, erschöpft, alle Worte sind gewechselt, so sitzen, so stehen sie da, der wolkige Himmel hängt tief. Vielleicht gab es Streit? Vielleicht ist gerade eine Nachricht eingetroffen, dort oben über den Dächern Potsdams – und nun sind alle verstummt, weil sie es nicht fassen können? Vielleicht erzählt dieses Bild aber auch von einer anderen Art Unfasslichkeit: von jener tiefen Vertrautheit der Freunde, die sich nicht festhalten oder einfach aufmalen lässt. Im stummen Miteinander scheint sie auf und will in der Melancholie des Augenblicks schon wieder schwinden.“ (zit. n. Hanno Rauterberg: Ein Wagnis namens Nähe)

 

Die Freunde schweigen an diesem Potsdamer Abend nicht nur, die präzise an ihren Platz Gestellten schauen einander auch nicht an. Zwei Seitenfiguren, sie müssen den Kopf senken, damit sie ins Bild passen, flankieren die Gruppe. Die linke Figur am Geländer ist Traute Rose, Freundin und wichtigstes Modell. Ihr Mann Ernst sitzt am Tisch und wendet uns den Rücken zu. Zu seinem Fuß und halb unter dem Tisch liegend sein Hund: Auch er drückt und drängt sich von unten ins Bild, scheint kaum hinein zu passen an diese zentrale Stelle.

Doch was ist seine Funktion in dieser malerischen Fülle, warum musste er noch ins übervolle Bild? Er gehörte zu ihrer besten Freundin und deren Mann, war vielleicht immer mit dabei. Vielleicht erfüllte er auch eine kompositorische Funktion. Sollte er die Komposition der Gäste zur Ellipse schließen oder die - in der Rezeption immer wieder betonte - formale Analogie zu Leonardo da Vincis "Letztes Abendmahl" verstärken. Die dortige konkave Einwölbung des Tisches korrespondiert mit der Wölbung des Tischtuchs im "Abend über Potsdam", durch den Hunderücken bedingt.

Oft wurde in der Rezeption auf die kommende Machtergreifung der Nationalsozialisten hingewiesen, die die Dargestellten im sprachlosen Entsetzen vorausahnen. Ich tendiere eher dazu, das Gemälde als Bild der Vertrautheit zu deuten, weniger zeitkritisch als stimmungsvoll. Zu ruhig liegt der dösende Hund, er spiegelt keine Aufgeregtheit der Menschen.

Noch ein weiters Mal kommt der Hund in einem Gemälde vor. "Die Unterhaltung" von 1934 zeigt eine Gruppe von drei jungen Männern, darunter Ernst Rose, in Lasersteins Atelier. Die kompositorische Enge, die im "Abend über Potsdam" durch die Seitenfiguren angedeutet ist, wird bei dieser Unterhaltung noch gesteigert.

 

Lotte Laserstein, Die Unterhaltung, 1934
Lotte Laserstein, Die Unterhaltung, 1934, Foto epd, von Frankfurter Rundschau

 

Lotte Lasersteins Malweise ist sehr akademisch, ihre Bilder sind einem Realismus verpflichtet, der nicht den Geist der in der zwanziger Jahren aktuellen "Neuen Sachlichkeit" wiederspiegelt, sondern sich am 19. und frühen 20. Jahrhundert, an Menzel, Leibl, Schuch oder Trübner orientiert. Seit Kindheitstagen an, wollte sie einmal so malen wie Wilhelm Leibl. (vgl. Art In Words) Zur "Neuen Sachlichkeit" fehlt Laserstein das Kühle, Überzeichnende, das Gesellschaftskritische.

Dieses Kühle, fast Hysterische kommt in Dix "Bildnis des Fotografen Hugo Erfurth mit Hund" von 1926 sehr gut zur Geltung, so sieht der Hund der "Neuen Sachlichkeit" aus, übertrieben erregt, nervös, überspannt, mit dem typischen stechenden Dix-Blick: gemeinsames Erschrecken, bizarres Erstarren mit seinem Herrchen Hugo Erfurth.

 

Otto Dix, Bildnis des Fotografen Hugo Erfurth mit Hund (Detail), 1926
Otto Dix, Bildnis des Fotografen Hugo Erfurth mit Hund (Detail), 1926,
Tempera und Öl auf Holzplatte, 80 x 100 cm (Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid),
© VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Da Lotte Laserstein nicht dieser Avantgarde zugehörig war, wurde ihr Werk nach dem 2. Weltkrieg nicht rezipiert. In den 1950er Jahren richtete sich das Interesse auf die Expressionisten und auf abstrakte Maler, in den 1960er Jahren auf die Künstler der "Neuen Sachlichkeit". Da Laserstein auch nicht in der Ausstellung "Entartete Kunst" diffamiert wurde, ihr Stil war dazu zu konservativ, konnte auch durch diese Nachkriegsforschung keine Wiederentdeckung erfolgen.

Das Städel in Frankfurt zeigt Lotte Laserstein vom 19. September 2018 bis zum 17. März 2019. In Berlin, im Museum Berlinische Galerie, werden vom April 2019 an Werke von ihr zu sehen sein.

Quellen: Städel Museum, Art In Words, Zeit online, Der Tagesspiegel

 

Ausstellung, Malerei
25. September 2018 - 11:10

Zwischen 1961 und 1981 fotografiert die britische Künstlerin Shirley Baker den Alltag der englischen Arbeiterklasse in den innerstädtischen Vierteln von Manchester und Salford. Ihr Blick ist nicht sentimental, sondern zeigt viel Zuneigung, Wärme und Leidenschaft für ihre menschlichen (und tierischen) Motive. Sie sieht es als ihre Pflicht an, jene Menschen zu repräsentieren, für die sich damals niemand interessierte; die gesellschaftlich Abgehängten, die versuchten an dem Leben festzuhalten, das sie kannten, obwohl sich ganze Stadteile nach dem 2. Weltkrieg änderten. Und sie sieht es als ihre Pflicht an, diese Stadtviertel zu dokumentieren, bevor diese im Zuge der Slum-Clearence-Projekte verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen.

 

The Street photographs © Shirley Baker

 

The Street photographs © Shirley Baker

 

“My sympathies lay with the people who were forced to exist miserably, often for months on end, sometimes years, whilst demolition went on all around them.” (Shirley Baker, on the slum clearances of inner Manchester and Salford)

 

Shirley Baker zeigt sowohl menschliche Interaktion und Kommunikation als auch die Beziehung der Menschen zu ihren Hunden. Sie spielt dabei formal und inhaltlich mit Gegensätzen (bezüglich Größe, Alter), aber auch mit Analogien zwischen den Menschen und ihren tierischen Begleitern. Mit viel Humor zeigt sie uns kleine Dramen des britischen Alltags, erzählt sie Geschichten der, wie man heute sagen würde, menschlichen Resilienz.

 

People and Dogs © Shirley Baker, 1963

People and Dogs © Shirley Baker, 1960

People and Dogs © Shirley Baker, 1977

People and Dogs © Shirley Baker

People and Dogs © Shirley Baker

People and Dogs © Shirley Baker, 1966

People and Dogs © Shirley Baker

People and Dogs © Shirley Baker

People and Dogs © Shirley Baker

 

Ab 1965 wendet sie sich auch der Farbfotografie zu. Hier ein gleichzeitig melancholisch und humorvolles Beispiel für wartende Hunde im Auto. Müssen Sie da nicht auch gleich an Martin Usborne denken, der dieses Sujet in "Mute: The Silence of dogs in Cars“ aufgegriffen hat?

 

People and Dogs © Shirley Baker

 

Shirley Baker (*1932/Kersal, North Salford, gest. 2014) war eine der faszinierendsten DokumentarfotografInnen mit sozialem Anliegen Großbritanniens. Obwohl ihr wegweisendes Werk sowohl in ihrer Heimat als auch international ausgestellt wurde, gibt es noch viele Werkgruppen zu entdecken. Für uns besonders interessant natürlich ihr Blick auf die Hunde-Ausstellungen, die sie ab den 1960er Jahren fotografisch begleitet.

Eine Auswahl der entstandenen Fotos, ein hinreißendes Porträt des Phänomens “Dog Show“, erscheint Ende Oktober 2018 als Buch im Verlag Hoxton Mini Press. Unten sehen sie Beispiele dieser zärtlichen, amüsanten und manchmal obsessiven Beziehung zwischen Menschen und ihren Hunden.

 

Shirley Baker, Dog Show 1961-1978

Shirley Baker, Dog Show 1961-1978

Shirley Baker, Dog Show 1961-1978

Shirley Baker, Dog Show 1961-1978

Partnerlook!

Shirley Baker, Dog Show 1961-1978

Shirley Baker, Dog Show 1961-1978

Auch die Hundenerven liegen blank und müssen beruhigt werden!

Shirley Baker, Dog Show 1961-1978

Shirley Baker, Dog Show 1961-1978

Shirley Baker, Dog Show 1961-1978

Shirley Baker, Dog Show 1961-1978

Shirley Baker, Dog Show 1961-1978

 

Shirley Baker: "Dog Show 1961-1978", ISBN: 978-1-910566-40-4

 

Shirley Baker, Dog Show 1961-1978

 

Auf der Website Shirley Baker photographer finden sie weitere Arbeiten der Künstlerin, z.B. ihre Fotografien von den Stränden in Südfrankreich und Blackpool, sowie der Punks im Londoner Stadtteil Camden. Weiters ihren Werdegang, Neuigkeiten zu Ausstellungen und Publikationen uvm.
 

alle Fotos © Shirley Baker

 

Buch, Fotografie
18. September 2018 - 11:00

Aline Bouvy, Strategy of non cooperation 1, 2015 © Aline Bouvy und Albert Baroni

 

Aline Bouvy lässt sich in ihrer künstlerischen Arbeit von den Dingen in ihrer unmittelbaren Umgebung und ihrem Alltag inspirieren. Bei der 2016 in Brüssel gezeigten Ausstellung "Urine Mate" bildeten wilde Gräser, streunende Hunde und nackte Männer die Motive.

 

Aline Bouvy, Urine Mate 2, 2016 © Aline Bouvy und Albert Baronian Galerie, Brüss

 

In dieser Ausstellung kombinierte Aline Bouvy große Linolplatten und Fotos von blassen, verschwommenen männlichen Körpern, die hinter einem Schleier wilder, rauer und widerstandsfähiger Pflanzen verborgen waren. Jedes Foto zeigte eine andere Pflanzenart, die die Künstlerin aus den Brüsseler Stadtbrachen ausgewählt hatte.

 

Aline Bouvy, Urine Mate, Ausstellungsansicht © Aline Bouvy und Albert Baronian G

 

Unter und neben den Linoleumpaneelen kauerten die Hundereliefs. In den großen Galerieräumen wirkten die Tiere klein, einsam und verloren. Die Reliefs zeigten schlafende und kopulierende Hunde und eine vom Stillen ausgemergelte Hündin mit schmalem Kopf. Ein Hund mit geschlossenen Augen schien ganz traurig zu sein: Wie Tränen oder Regentropfen war ihm eine lineare Struktur ins Gesicht geschrieben. Analog zu den unkultivierten Pflanzen der Stadtränder liegt die Assoziation zu streunenden Hunden nahe, die der städtische Kontext hervorbringt.

Folgt man dem Pressetext auf der Homepage der Galerie Albert Baronian, dann geht Aline Bouvy Fragen nach gesellschaftlichen Normen, Werten, Moral und ästhetischer Akzeptanz nach. Sie hinterfragt sowohl unsere Normen als auch die Bilder, die von diesen Normen bestimmt sind und versucht die "schmutzigen" und "hässlichen" Elemente in ihren kreativen Prozess zu integrieren, um sich von jeder Kategorisierung zu befreien.

Das Hässliche und Schmutzige wird in der Ausstellung durch Urin, Hunde und Pflanzen repräsentiert. Sie sind die störenden, unerwünschten Elemente der Gesellschaft, das Nutzlose, der Müll. Menschliche Ausscheidung, Hunde wie Müll ausgesetzt und weggeworfen, Pflanzen, als Unkraut wertloser Bewuchs.

 

Aline Bouvy, Urine Mate, Ausstellungsansicht © Aline Bouvy und Albert Baronian G

 

Die Künstlerin zeigt uns aber die Schönheit dieser Pflanzen und die Emotionalität der Hunde. Mit zarter Farbigkeit und einer strengen Ästhetik hinterfragt sie etablierte Hierarchien von Macht und patriarchalen Systemen, ändert sie unsere Sicht auf das, was sauber oder schmutzig ist, auch die Sicht auf unsere eigenen Abfälle, wie zum Beispiel Urin.

Der Titel der Ausstellung "Urine Mate" bezieht sich auf eine Form des männlichen Alltagslebens. Aline Bouvy eignet sich diesen Begriff nicht nur an, sie spielt auch mit dem ähnlichen Klang von “Urine Mate” und “Urine Made”. Zwei Fotografien in der Ausstellung zeigen abstrakte Gipsskulpturen aus der Werkstatt der Künstlerin. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann sind die beiden Skulpturen aus Gips und dem Urin der Künstlerin hergestellt. Das Spiel mit Worten und deren unterschiedlicher Bedeutung zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk der mehrsprachig aufgewachsenen Künstlerin.

Aline Bouvy, Urine Mate 5, 2016 © Aline Bouvy und Albert Baronian Galerie, Brüss

Aline Bouvy, Urine Mate, Ausstellungsansicht © Aline Bouvy und Albert Baronian G

Aline Bouvy, Strategy of non cooperation 2, 2015 © Aline Bouvy und Albert Baroni

Aline Bouvy, Strategy of non cooperation 7, 2015 © Aline Bouvy und Albert Baroni

Aline Bouvy, Strategy of non cooperation 3, 2015 © Aline Bouvy und Albert Baroni

Aline Bouvy, Strategy of non cooperation 4, 2015 © Aline Bouvy und Albert Baroni

Aline Bouvy, Urine Mate 8 (collaboration with Alexandre Demenditte), 2015 © Alin

 

Aline Bouvy (*1974 in Brüssel/B) lebt und arbeitet in Luxemburg und Brüssel. Nach Jahren der Zusammenarbeit mit John Gillis arbeitet sie ab 2014 alleine. Ihre Arbeit wurde bereits in vielen Einzel- und Gruppenausstellungen in Europa und den USA gezeigt.

Aline Bouvy wird von den Galerien Albert Baronian, Brüssel, und Nosbaum Reding, Luxemburg, vertreten.

alle Fotos © Aline Bouvy und Galerie Albert Baronian

 

Fotografie, Installation, Skulptur
20. Juni 2018 - 9:22

My dog is cuter than your ugly baby, 2013 © Elina Brotherus

 

"My dog is cuter than your ugly baby“ betitelt Elina Brotherus eines ihrer Werke. Das ist einmal eine Äußerung nach meinem Geschmack! Finde ich doch auch jeden Welpen weitaus entzückender und schöner als jedes Baby. Die international bekannte finnische Fotografin und Videokünstlerin hat damit meine Neugier geweckt.

Wie viele FotografInnen arbeitet sie in Serien, was sicher nicht nur künstlerisch bedingt, sondern den Methoden des Kunstmarks geschuldet ist (steigt ein Werk einer Serie im Preis, ziehen die anderen der gleichen Serie nach).

Viele ihrer Serien sind biografische Dokumentationen einzelner Lebensabschnitte, auf die sie quasi einen Blick von außen durch die analoge Linse wirft. Das Kabel des Selbstauslösers ist oft sichtbar und weist derart auf die Personalunion von fotografiertem und fotografierenden Subjekt hin.

In ihrer autobiographischen Bildserie "Annonciation" (2009-2013) setzt sie sich mit ihrem unerfüllten Kinderwunsch und der fünfjährigen erfolglosen Therapie auseinander, mit einer Thematik, die sie in der Kunst für tabuisiert hält. Die einzelnen Fotografien zeigen Menstruationsblut, Medikamente, nutzlose Hormontherapien: Stationen, die nicht zur Empfängnis führten.

Der Titel der Serie stellt die Verbindung zur Kunstgeschichte, zur Verkündigung Mariä, her.

 

This a story of false annunciations, about waiting for an angel who never shows up. First we don’t know if he’s there, because he could just be hiding behind the doorway. Gradually it becomes clear that he’s not coming. (zit. n. hier)

 

Marcello - "My dog is cuter than your ugly baby" - steht am Ende der Serie, sie hat den Dackel anstelle eines Kindes in ihr Leben aufgenommen. Trotz scheint aus dem Titel zu sprechen. Mit dem ausgestreckten Mittelfinger präsentiert sich Elina Brotherus als eine weitere Frau, die das gängige Klischee des Hundes als Kinderersatz bedient.
 

In der Serie "Carpe Fucking Diem" (2011-2015) setzt sie sich mit einem Leben auseinander, das anders als erwartet verlaufen ist, einem Leben das sich der Zukunft mit Kind verweigert. Allerdings kann Elina Brotherus sich durch ihre Kinderlosigkeit dem Erwachsensein und der Normalität verweigern, wie sie sagt.

 

I don't have children so I don't need to adopt any preconceived role of an adult. I can give normality the finger. "Carpe Fucking Diem" is also about inventing strange games for the playground of the camera. (zit. n. hier)

 

Arbeiten aus der Serie "Carpe Fucking Diem"

Marcello in Forest, 2014 © Elina Brotherus

Sleeping Puppy, 2013 © Elina Brotherus

Silver River, 2014 © Elina Brotherus

Marcello's Theme, 2014 © Elina Brotherus

 

Neben den biographisch inspirierten Serien stehen Fotoserien, in denen sie sich mit der älteren Kunstgeschichte beschäftigt, sie eine "persönliche Forschungsreise in die Geschichte der westlichen Kunst“ unternimmt (vgl. hier). So interpretiert sie in "The New Painting" z.B. die Rückenansichten C.D.Friedrichs. Sie posiert, inszeniert und positioniert sich auf bestehenden kunstgeschichtlichen Positionen. Elina Brotherus setzt sich auch mit Fluxus auseinander, in der Serie "Regles de jeu" inszeniert sie sich nach fremden Anleitungen und Anweisungen, in der Serie "The Baldessari Assignments" stellt sie Baldessaris Handlungsanweisungen dar. Eigens für die Wiener Ausstellung arbeitet sie sich an Valie Export, Maria Lassnig und Erwin Wurm ab.

 

aus der Serie "The Baldessari Assignments"

Dress a Dog with a Beard, 2017 © Elina Brotherus

After John Baldessari, Dress a dog or a cow with a beard,
from Thirty-Nine Journal Entries, 1970

 

aus der Serie "Regles de jeu"

Flux Harpsichord Concert, 2016 © Elina Brotherus

After George Maciunas, 12 compositions for piano – for Nam June Paik, Composition no.5:
Place a dog or a cat (or both) inside a piano and play Chopin, 1962,
and after Flux-Harpsichord Konzert, Akademie der Künste,
Berlin, organised by René Block, Sept. 3, 1976

Can One Sit so Low, 2017 © Elina Brotherus

After Tuomas Timonen, Is it possible to sit so low? 2017

Ich male einfach was ich sehe, 2017 © Elina Brotherus

After Asta Gröting, Ich male einfach was ich sehe, 1985

Vienna Work, 2018 © Elina Brotherus

Hundertwasserhaus mit Hund, aus Vienna Work 2018

Zweifellos ist Brotherus Werk formal perfekt, wirken manche Fotografien auch auf Grund ihrer Größe, dennoch lassen mich ihre Arbeiten unberührt, bleibt ein schaler Eindruck zurück. Vielleicht ist sie mir zu ästhetisch in ihren biographischen Arbeiten und zu epigonenhaft in ihrer Bezugnahme auf die Kunstgeschichte.

Elina Brotherus (*1972 in Helsinki/Finnland) lebt und arbeitet in Finnland und Frankreich.

Noch bis zum 19. August 2018 sind im Kunsthaus Wien die wichtigsten Werkserien (1997-2018) in der Mid-Career-Retrospektive "It´s Not Me, It‘s a Photograph" (auch der Titel scheint der kunsttheoretischen Mottenkiste entsprungen) zu sehen.

 

Quellen: Kunsthaus Wien, Kurier, Die Presse, Der Standard, Parnass, Salzburger Nachrichten

 

alle Bilder © Elina Brotherus

 

Ausstellung, Fotografie
8. Mai 2018 - 14:30

Doodle Dog © Rodney van den Beemd

 

Fragend und mit zurückgelegten Ohren schaut der kleine gekritzelte Hund nach oben. Vielleicht blickt er ja den Zeichner an und fragt ihn, wo sein viertes Bein hingekommen ist! Ein wunderbares Beispiel dafür, wie ausdrucksstark auch die kleinste Kritzelei sein kann!

Rodney van den Beemd beschäftigt sich vor allem mit der menschlichen Figur und dem Porträt, wobei es ihm besonders um das Einfangen von Stimmungen und Emotionen geht.

Doch nebenbei widmet er sich in kleinen Zeichnungen auch unseren vierbeinigen Freunden. So fertigt er kleine Tuschezeichnungen an, wobei er mit originellen Zeichenwerkzeugen wie Zweigen, Federn und Blättern arbeitet. Im Vergleich zu herkömmlichen Werkzeugen wie der Füll- oder Tuschefeder kann er dabei die Tintenströmung weit weniger kontrollieren, was zu einer großen Streuung der Strichstärke, aber auch zu einem gelegentlich Tintenklecks führen kann. Außerdem wirken die Darstellung der Bewegung, der Form und des Ausdrucks der Hunde der Serie "Inky Animals" dadurch viel expressiver.

 

L’homme et le chien © Rodney van den Beemd

Sunrise among friends © Rodney van den Beemd

 

Die kleine Tuschezeichnung "L’homme et le chien" fängt die Stimmung eines Gedichtes von Maurice Carême ein. Bei "Sunrise Among Friends" hat Rodney van den Beemd die Zeichnung digital um die farbige Form ergänzt. Wie fröhlich doch die Zeichnung durch das bloße Hinzufügen des Farbe-Schwarzweiß- und Linear-flächig-Kontrastes wird!
 

Nico - Year of the Dog © Rodney van den Beemd

Nico - Year of the Dog © Rodney van den Beemd

Skip © Rodney van den Beemd

Skip © Rodney van den Beemd

 

Oben hat der Künstler das Motiv seiner Tuschezeichnung wieder aufgenommen und mit Acryl-Farbresten experimentiert.

Rodney van den Beemd (1962 North Tonawanda/NY) ist Webdesigner, Illustrator und bildender Künstler. Er hat Wirtschaft, Philosophie und Kunstgeschichte studiert und erst danach eine frühe Leidenschaft, die Malerei, wieder aufgenommen. Er lebt in den Niederlanden.

Diese kleine und schnelle Kugelschreiberskizze ist nach einem Zeitungsfoto auf einem alten Briefkuvert entstanden. Mit diesem müden Hund möchte ich mich für heute verabschieden.

 

Dog-tired © Rodney van den Beemd

 

 

Auf Rodney van den Beemd wurde ich auf ignant.com aufmerksam.

alle Bilder © Rodney van den Beemd

 

Malerei, Zeichnung
18. April 2018 - 11:49

Ein Tischtuch, bei dem die Kanten der ehemaligen Faltung noch erkennbar sind und das an Trompe-l’œil-Malerei erinnert, vier Totenschädel in unterschiedlichen Perspektiven und nicht zuletzt ein schwermütig dreinblickender Hund, der über seine Zukunft zu sinnieren scheint: Das sind die meisterlich gemalten Elemente eines Bildes, auf das ich ganz zufällig bei meiner Bildersuche gestoßen bin und das ich ihnen nicht vorenthalten will.

 

Cave canum © Alicia Czechowski

 

Die obere Hälfte dieses wundervollen Gemäldes zeigt uns ein typisches Stilllebenmotiv: vier tierische Totenköpfe - Vanitasmotive - als Sinnbild der Vergänglichkeit. Den unteren Teil nimmt ein liegender Windhund ein. "Cave canum" nennt die Künstlerin ihr Werk, doch ich vermute sie meint "Cave canem", die lateinische Warnung "Hüte dich vor dem Hund!", die erstmals auf einem Fußbodenmosaik in Pompeji auftaucht, auf dem ein angeketteter schwarzer Hund in Drohgebärde zu sehen ist. Doch auch unser anmutiger Windhund wird den Weg alles Irdischen gehen und einst die Reihe der Totenschädel ergänzen.

Die Künstlerin, Alicia Czechowski, ist in Detroit aufgewachsen und hat schon als Kind in der Sammlung des Detroit Institute of Arts Kopien von Kunstwerken, darunter ein Stillleben von Claesz, angefertigt. Auch später wollte sie mit dem Kopieren von Frans Hals, Rubens, Van Dyke u.a. etwas von deren Virtuosität und Expressivität im Umgang mit dem Medium Malerei aufnehmen:

 

Being at work with your brushes and colors in front of a living, breathing painting by one of the greats, like Hals or Velasquez, is the most potent learning experience. It's is the best way to learn to paint, almost like journeying back in time and actually watching them at work at their easels. (zit. n. hier)

 

Heute beschäftigt sich die Künstlerin vor allem mit der menschlichen Figur. Schade, es wäre zweifelsohne spannend, mehr Hundeporträts von ihr zu sehen.

Homepage der Künstlerin Alicia Czechowski

 

Malerei
13. April 2018 - 12:22

Die deutsche Künstlerin Yvette Kießling malt Landschaftsbilder und bevorzugt dabei kleine Formate. Das Bild, das ich in einem Stiegenhaus des MdbK Leipzig zufällig entdeckt habe, scheint demnach eine Ausnahme zu sein (Große Lichtung, 170 x 190 cm, Öl auf Leinwand). Hunde sind in diesem klar komponierten, horizontbetonten und durch Hell-Dunkel-Kontrast bestimmten Bild auf einer Lichtung zu sehen.

 

Yvette Kießling, Große Lichtung mit Hunden, 2013, Foto: Petra Hartl

 

In ihren Landschaftsbildern, in denen nur manchmal Tiere und selten Menschen vorkommen, versucht Yvette Kießling das Wesenhafte der Landschaft herauszufiltern und zu bündeln. Bei ihrem Arbeitsprozess wendet sie dabei anscheinend gegensätzliche Methoden an: das genaue Naturstudium und die tachistische Malerei.

Zuerst zeichnet sie, oftmals auf Wanderungen oder Reisen, detailliert und topografisch genau, um die Landschaft zu erfassen. Die eigentlichen Gemälde entstehen danach im Atelier, wobei sie sich dem Nebeneinandersetzen von Flächen widmet, um zu einer freieren Auffassung der Landschaft zu kommen. Dabei geht es um den Ausdruckswert an- und absteigender Linien - die rhythmischen Bewegungen des Pinsels bleiben als Spuren erkennbar -, das Nebeneinander von Farben sowie das Wechselspiel von Flächigkeit und Tiefe. Das Schütten der dünnflüssigen Farbe gehört ebenso zum Malprozess.

Großartig auch ihre Lichtgestaltung. Die Landschaft unten scheint von innen heraus zu leuchten.

 

Yvette Kießling, Albedo, 2012

Yvette Kießling, Boxer, 2012

Yvette Kießling, Sprung, 2012

 

Die Farbe wird also unter Verzicht der Nachahmung als Material eingesetzt oder um in manchen Bildbereichen Gegenständlichkeit (Menschen, Tiere und Vegetation) zu erzeugen. Beides - das Loslösen von und Zurückgreifen auf Gegenständlichkeit - verleiht den Bildern Spannung, Reiz und Lebendigkeit.

Yvette Kießling fügt Elemente zur realen Landschaft dazu, lässt anderes weg, verändert in Hinblick auf ihre Komposition. Ihre Landschaften bieten keine heroischen, romantischen der auch nur naturalistischen Anblicke: Ihre künstlerische Position setzt vielmehr auf Präsenz statt auf Repräsentation.

Yvette Kießling  (*1978 / Ilmenau/D) studierte von 1997 bis 2003 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig in der Klasse für Malerei bei Arno Rink. Anschließend absolvierte sie bis 2007 ihr Meisterschülerstudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Arno Rink. Darüber hinaus übernahm sie dort von 2004 bis 2009 eine Lehrtätigkeit an der Abendakademie. Sie lebt und arbeitet in Leipzig.

Ein ausführliches Interview zu ihrer Arbeitsweise und ihrem druckgrafischen Werk finden sie auf Griffelkunst, weitere Arbeiten auf den Seiten der Galerie Leuenroth und Galerie Hafenrand.

alle Bilder © Yvette Kießling

 

Malerei
6. April 2018 - 12:26

Vor kurzem bin ich von einem dreitägigen Leipzig-Aufenthalt nach Wien zurückgekehrt. Ich bin in Leipzig nicht nur im Auwald spazieren gegangen, sondern habe mir auch Ausstellungen angesehen und vom Museum der bildenden Künste bis zur Spinnerei so einiges besichtigt.

Die "Hundedichte" im Museum der bildenden Künste Leipzig ist gar nicht gering. Von der gotischen Malerei bis zu den Niederländern des 17. Jahrhunderts: Fast überall begleiten die Hunde ihre Menschen. Doch auch bei der zeitgenössischen Kunst wurde ich fündig! Sehr interessant war Carina Brandes Foto-Ausstellung, die den Hund schon im Titel führt: "Zwischen Hunden und Wölfen".

Die in Leipzig lebende Künstlerin Carina Brandes (*1982/Braunschweig) fotografiert analog und schwarz-weiß. Dabei inszeniert sie sich selbst, teilweise mit Requisiten, interagiert mit anderen Frauen oder Tierskulpturen und fotografiert mit Selbstauslöser. Es entstehen Szenen an außergewöhnlichen und düsteren Orten, die mitunter eine surreale Atmosphäre vermitteln. Die Aufnahmen belichtet die Künstlerin selbst, manchmal entstehen Doppelbelichtungen.

 

Carina Brandes, 2017, Foto: Petra Hartl

 

Im Vergleich zu vielen Fotoausstellungen, die oft sehr große Farbfotos zeigen, ist das Ausstellungsdesign im MdbK schlicht und unpathetisch, die Hängung wirkt durch die Ungerahmtheit der Exponate sehr einfach. Die unterschiedlich großen, aber trotzdem allgemein relativ kleinen Abzüge auf Barytpapier, werden ohne erklärenden Text präsentiert. Diese unspektakuläre Präsentation korrespondiert meiner Meinung nach perfekt mit dem vorausgegangenen Herstellungsprozess der Arbeiten.

Carina Brandes zeichnet ihre Ideen und stellt dann diese Zeichnungen für die Aufnahmen nach. Da dieses Nachstellen nicht immer nach Plan funktioniert, wirken die fotografischen Ergebnisse dieser Inszenierungen durchaus auch zufällig und spielerisch, wie eingefrorene Bewegungen, Momentaufnahmen eines Prozesses, einer unklaren Handlung. Vielleicht ist es dieses durchgehend analoge Verfahren, das die Fotos sehr künstlerisch, aber nicht digital-künstlich wirken lässt.

Nicht immer ist die Künstlerin auf den Fotos klar erkennbar: Haare, Kleidungsstücke oder Requisiten wie ein Hundepräparat verdecken Gesicht oder Teile des Körpers. Auch wenn die Arbeiten in der Tradition fotografischer Selbstinszenierungen stehen, sind es keine Selbstporträts, die gesellschaftliche Geschlechterbilder oder Rollenklischees hinterfragen. Carina Brandes will primär nichts über sich oder ihr Umfeld aussagen, sondern verwendet ihren Körper nur als weiteres ästhetisches Material, weiteres Requisit, mit dem sie inszeniert.

 

Der Körper ist für mich ein Gegenstand, den ich immer mit mir herumtrage. Ich war Kunstturnerin, mich interessiert der Körper im Zusammenspiel mit Form und Gegenstand. (Carina Brandes, zit.n. db-artmag)

 

Carina Brandes, Foto: Petra Hartl

 

Immer wieder maskiert sich Brandes als Tier oder posiert mit Tierskulpturen. Durch ihre Inszenierungen wirken die Tiere beseelt und treten scheinbar auch mit Mensch und Raum in Beziehung, sie werden Teil einer rätselhaften Erzählung.

 

Ich sehe die ausgestopften oder in Bronze gegossenen Tiere als etwas Lebendiges an, ich hauche ihnen Leben ein. (Carina Brandes, zit. n. db-artmag)

 

Ihre Arbeiten werden immer wieder im Zusammenhang mit Cindy Sherman und Francesca Woodman, aber auch mit surrealistischer Fotografie gesehen. Es gibt sicher Anknüpfungspunkte, allerdings finden sich in Brandes Arbeiten weniger mystische, esoterische oder psychoanalytische Andeutungen, sie sind nicht bedeutungsschwer, sondern leicht und ironisch.

Die Arbeiten unten, die ich noch bei der Bildsuche gefunden habe, waren bei anderen Ausstellungen zu sehen:

 

Carina Brandes, 2014, Courtesy BQ, Berlin
Carina Brandes, 2014, Foto : BQ-Berlin

Carina Brandes, 2012
Carina Brandes, 2012, Foto: Galerie Bernd Kluger

Carina Brandes
Carina Brandes, 2015, Foto: Fürstenberg Zeitgenössisch

 

hilfreiche Quellen: ArtMag by Deutsche Bank, Museum der bildenden Künste Leipzig

alle Bilder © Carina Brandes

 

Ausstellung, Fotografie
20. März 2018 - 15:10

Die Zeichnungen des US-amerikanischen Künstlers Keith Haring (1958–1990) sind Ikonen der Popkultur und als Universalsprache weltweit bekannt. Heuer wäre der im Alter von 32 Jahren gestorbene Künstler 60 Jahre alt geworden. Dies nimmt die Albertina in Wien zum Anlass, sein Werk in einer umfassenden Ausstellung aus kunsthistorischer und formaler Hinsicht zu beleuchten.

Wie ein roter Faden, wie ein "Alphabet", zieht sich Harings einzigartige Zeichensprache durch sein Schaffen. Die Albertina analysiert diese Codes, Piktogramme und Ikonografien und strukturiert die Ausstellung nach wiederkehrenden Bildmotiven.

Obwohl der jung verstorbene Keith Haring ein umfangreiches Werk hinterließ, beschränkte er sich auf relativ wenige Bildzeichen, die er immer wieder neu anordnete. Neben den typischen Männchen kommen Babys, Fische, Mickey-Mäuse, Atompilze, Pyramiden, Uhren etc. vor.  Welche Bedeutung die Bild-Wörter haben, hängt vom Kontext ab.

Natürlich taucht in Harings Alphabet nicht nur der Hund auf, er ist neben dem krabbelnden Baby vielmehr ein Markenzeichen von Keith Haring und in all seinen unterschiedlichen Formen eines seiner am häufigsten verwendeten Bild-Wörter.

Ob das aufgerissene Maul der Hundesilhouette für Bellen, Beißen oder Hecheln steht, ergibt sich aus dem Zusammenhang. Ebenso, ob der Hund unseren treuen beschützenden Freund symbolisiert oder für eine reißende, attackierende Bestie, ob er für Gerechtigkeit oder Macht(missbrauch) steht.

Zusätzliche Verwendung fand der bellende Hund als Harings Tag, eine Art Signatur, die der Künstler gebrauchte, wenn er in der Subway oder im öffentlichen Raum zeichnete. Der Hund und das "Radiant Baby" gehörten zu den ersten Symbolen, die Haring in den Straßen von New York darstellte.

 

Keith Haring, Ohne Titel, 1980, Tinte auf Plakatkarton © The Keith Haring Founda

Keith Haring, Ohne Titel, 1980, Sprühemail, Tinte und Acryl auf Plakatkarton ©

 

Hunde springen durch das Loch im Bauch eines Mannes - angeblich inspiriert vom Mord an John Lennon.

 

Keith Haring , Ohne Titel, 1982, Gebranntes Email auf Stahl, Courtesy Larry Wals

 

Zuweilen nehmen die Hunde eine menschliche Form an, dann bringen die Mensch-Hund-Kombination die "negative" Seite eines gewalttätigen, bellenden Hundes zum Vorschein. und belästigen die menschlichen Charaktere.

 

Keith Haring, Ohne Titel, 1982, Email und Leuchtfarbe auf Metall © The Keith Har

 

Beim Mensch-Hund-Hybrid kann es sich aber auch um einen anubisartigen Hund handeln, mit dem sich Keith Haring auf die ägyptische Mythologie bezieht, in der Anubis als Wächter über die Totenriten und die Mumifizierung auch für das Abwiegen des Herzens beim Totengericht zuständig ist. Das Schicksal des Verstorbenen liegt also mit in seiner Hand, und es ist diese Macht, auf die Haring in dieser Arbeit anspielt.

Auf der großformatigen Zeichnung unten lässt der Künstler die Hunde tanzen. Dieser Tanz steht auch für Breakdance und künstlerische Performance.

 

Keith Haring, Ohne Titel, 1983, Leuchtfarbe und Lack auf Holz, Gerald Hartinger

 

Haring wollte eine Universalsprache erschaffen, die über soziale Grenzen hinweg verstehbar ist. Denn die Kunst sei nichts, wenn sie nicht alle und jeden erreiche, meinte Keith Haring. Er wollte nicht nur zwischen den Menschen, sondern auch zwischen Hoch- und Massenkultur vermitteln. Seine von Comics und ägyptischen Hieroglyphen inspirierten Arbeiten setzten sich kritisch mit Kapitalismus und Konsumgesellschaft auseinander.

Die Ausstellung "The Alphabet" ist noch bis zum 24. Juni 2018 in der Albertina Wien zu sehen.

 

alle Bilder © The Keith Haring Foundation

 

Ausstellung, Malerei, Zeichnung
28. Februar 2018 - 12:36

Shes Laughing at You © Alexandra Loesser

 

Alexandra Loesser zeigt eine im Naturalismus verwurzelte romantische Welt, die verschwunden ist oder die es so nie gegeben hat. Wölfe, Hyänen, Füchse, Tiger, Leoparden, Elefanten sind die bevorzugten Tiersujets der amerikanischen Malerin.

Doch diese "wilden" Arten treten in ihren Bildern in ganz zahmen Momenten auf. Sie drücken sowohl eine Distanz als auch eine Verbundenheit zu uns und ihrer bedrohten Umwelt aus, scheinen Herausgefallen zu sein aus einer bodenständigen Verankerung in ihrer Umgebung.

Bezeichnend dafür ist es, dass die Pfoten der Tiere manchmal in einem Meer von Blüten oder in diffuser Farbigkeit verschwinden. Hyänen und Wölfe stehen nicht mit den Beinen fest auf der Erde, sind nicht mit allen Vieren in der Wirklichkeit verhaftet, sondern scheinen in einem fluiden, spiegelnden Hintergrund zu schweben.

 

Alpha © Alexandra Loesser

The Guardian © Alexandra Loesser

Coyote and Butterflies © Alexandra Loesser

Coyote and Butterflies © Alexandra Loesser

 

Auch um die Köpfe schweben Blüten, flattern Schmetterlinge. Die kleinen Kolibris sind mit den gleichen Fäden an die Hyäne gebunden, die deren Schnauze umschließen. Unklar ist, wer hier wen bezwingt und einschränkt - ein Gleichgewicht der Unfreiheit oder doch ein Bild der Verbundenheit? Auch die aufgerissenen Mäuler stehen im Gegensatz zur märchenhaften Geschichte, die sie illustrieren.

Die Rätselhaftigkeit verleiht den Bildern Tiefe, lässt über unseren (speziesistischen) Begriff des "Raub"tieres nachdenken; die Gemälde sind aber auch durch ihre bloße Schönheit eindringlich.

 

Hyena and Hummingbirds © Alexandra Loesser

 

Sieht der Mähnenwolf nicht fast wie ein Reh aus?

 

Maned Wolf © Alexandra Loesser

 

Alexandra Loesser schloss ihr Studium an der University of North Carolina in Greensboro mit dem Bachelor of Fine Arts ab. Obwohl die Künstlerin technisch sehr versiert ist, beschreibt sie ihre Malerei als sehr intuitiv. Nach wenigen Zeichnungen, die ihre Vorstellung  fixieren, malt sie bereits auf die Leinwand und verändert oftmals instinktiv die zeichnerisch lockere Komposition, die erste Bildidee. Der Prozess des Malens, der für ein Bild nur Tage, aber auch Monate dauern kann, ist ihr wichtig.

Sie lebt in Charlotte, North Carolina.

Ein Interview mit der Künstlerin finden Sie hier:

alle Bilder © Alexandra Loesser

 

Malerei