Ausstellung

25. Februar 2021 - 12:33

Nach und nach werden immer mehr Künstlerinnen wiederentdeckt und mit Werkschauen präsentiert. Eine davon ist Ottilie W. Roederstein, deren strenge Selbstporträts mein Interesse weckten. Da sie auch ein paar Hunde gemalt hat, Grund genug, sie im Blog zu zeigen.

Ottilie W. Roederstein (*1859 in Zürich/Schweiz, gest. 1937 in Hofheim am Taunus/D) widmete ihr ganzes Leben der Kunst.

 

Mein ganzes Interesse war Arbeit und Arbeit. Ihr widmete ich mein ganzes Sein. (Ottilie W. Roederstein)

 

Als freischaffende Malerin gehörte sie zu den erfolgreichsten Künstlerinnen ihrer Zeit. Sie fand nicht nur in der Schweiz und Deutschland großen Zuspruch und Anerkennung für ihre Porträts und Stillleben, sondern auch in Paris, wo sie seit 1883 ihre Gemälde ausstellte. Der Erfolg sicherte ihr finanzielle Unabhängigkeit, sodass sie sich gesellschaftliche Freiräume erobern und sich nach ihrem Lebensentwurf entfalten konnte, was den meisten ihrer Zeitgenossinnen verwehrt war.

Als einzige Künstlerin vertrat sie 1912 die Schweiz bei der "Internationalen Kunstausstellung des Sonderbundes" in Köln - neben männlichen Kollegen wie Ferdinand Hodler und Giovanni Giacometti. Trotz ihrer einst internationalen Wertschätzung ist Roederstein fast unmittelbar nach ihrem Tod in Vergessenheit geraten.

In ihrem umfangreichen, in thematischer und stilistischer Hinsicht vielfältigem Œuvre spiegeln sich die modernen Entwicklungen des europäischen Kunstgeschehens, wobei sich Ottilie W. Roederstein zeitlebens im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne bewegte und nie zur künstlerischen Avantgarde gehörte.

Ein Jahr nach ihrem Tod wurden ihr 1938 in Erinnerung an ihr künstlerisches Vermächtnis und an ihr unermüdliches Engagement als Mittlerin zwischen der Schweiz und Deutschland in Frankfurt, Zürich und Bern Gedenkausstellungen ausgerichtet.

Durch die Zäsur des Zweiten Weltkriegs und die allgemeine Fokussierung des Kunstbetriebs auf abstrakte Malerei geriet Roedersteins Werk jedoch in Vergessenheit. Nun, nach über 80 Jahren, ist ihr Werk in einer monografische Werkschau im Kunsthaus Zürich wiederzuentdecken.

 

Ottilie W Roederstein, Jeanne Smith mit Hund, 1889

 

Roederstein, die gegen den Widerstand ihrer gutbürgerlichen Familie Künstlerin wurde, musste sich ihren Lebensunterhalt als freischaffende Künstlerin selbst verdienen. Dementsprechend arbeitete sie gezielt für den Kunstmarkt und hielt sich in ihren frühen Jahren an die malerischen Konventionen und Erwartungen des jeweiligen Auftragsumfeldes. Sie bediente den Geschmack des bürgerlichen Publikums, das ihre Bilder kaufen sollte.

Dies zeigt sich zu Beginn ihrer Karriere durch den Einsatz einer dunkeltonigen Farbpalette sowie durch die Wahl ihrer Bildsujets: den Porträts und Stillleben.

Im Porträt der "Jeanne Smith mit Hund" von 1889 sehen wir ein melancholisches Damenbildnis in altmeisterlichen Hell-Dunkel-Inszenierung. Der Setter wird an der kurzen Leine gehalten und scheint sich gegen den ausgeübten Druck zu stemmen. Im Gegensatz zu dem seelenvollen Blick von Jeanne sieht er uns missmutig und unwirsch an.

In ihrem späteren Werk nahm Roederstein zunehmend Elemente anderen Kunstrichtungen auf. Auch die Temperamalerei, die sie ab 1910 (wieder) einsetzte, übte einen Einfluss auf ihren Stil aus, bevor sie in den 1920er-Jahren zu der ihr eigenen sachlich-nüchternen Bildsprache fand.

 

Ottilie W. Roederstein, Elisabeth H. Winterhalter mit Schäferhund, 1912

 

1912 entstand das Gemälde "Elisabeth H. Winterhalter mit Schäferhund". Es stellt Roedersteins Lebenspartnerin - eine Gynäkologin und erste deutsche Chirurgin - dar, mit der sich die Künstlerin 1909 im ländlichen Hofheim am Taunus niedergelassen hatte. Roederstein und Winterhalter unterstützten sich gegenseitig, stießen in traditionell Männern vorbehaltene Disziplinen vor und machten in Kunst und Medizin Karriere.

Im Porträt sind schon Nüchternheit und Realismus angedeutet; die Künstlerin sollte sich später mehr und mehr dem Stil der Neuen Sachlichkeit nähern. Sowohl die Temperamalerei als auch die intensive Beschäftigung mit der italienischen Zeichenkunst der Renaissance erzeugten einen plastischen und fast linearen Stil in heller getrübter Farbigkeit. Allerdings greift Roederstein nicht auf die Idealisierung der Renaissance zurück. Ohne jede Idealisierung hat sie nicht nur sich in zahlreichen Selbstporträts, sondern auch die Erscheinung ihrer Freundin gemalt. Die Dargestellte schaut ihre BetrachterInnen skeptisch, kritisch, ja mit nahezu abschätzigem Blick an.

Dem ergebenen Schäferhund wird nicht so viel (künstlerische) Aufmerksamkeit zuteil, sein Kopf ist flächig-expressiv gestaltet und hat mit der schlichten Kleidung und dem einfachen Hintergrund malerisch mehr gemeinsam als mit Elisabeths Gesicht.

 

Ottilie W. Roederstein, Zwillinge mit Wolf und Peitsche, 1916

 

Die "Zwillinge mit Wolf und Peitsche" von 1916 sind sorgfältig durchkomponiert, sie bilden eine Dreiecksform, wobei das Kleid des rechten Mädchens wegsteht, um den symmetrischen Aufbau nicht zu gefährden. Peitsche und Federn verstärken die Vertikalität. Während das rechte Kind durch seinen abwesenden Gesichtsausdruck und seine unsichere Handhaltung auffällt, ist der kritische Blick ihrer Schwester direkt zum Betrachtenden gerichtet. Auch der schmale "Wolf" schaut ernst. Mit der monochromen Farbgestaltung ist Roederstein hier auf der sicheren Seite.

Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz war Roederstein eine feste Größe im Kulturbetrieb. Die vielbeschäftigte Porträtmalerin förderte durch Ankäufe für ihre eigene Sammlung andere Kunstschaffende, unterstützte Ausstellungen moderner französischer und Schweizer Kunst und setzte sich für deren Verbreitung ein.

Bis zum 5. April 2021 ist sie im Kunsthaus Zürich zu sehen, dann kommt die Ausstellung unter dem Titel "Frei schaffend" ins Staedel Museum nach Frankfurt am Main (zu sehen vom 19. Mai bis zum 5. September 2021).

Quellen: Wikipedia, Kunsthaus Zürich, Staedel Musem, ARTinWORDS

Fotos von hier

 

Ausstellung, Malerei
5. Februar 2021 - 13:43

Dog 1, 2017 © Sabine Moritz

 

Der immer gleiche Hund läuft, sich umschauend, in einer verlassenen Stadt herum. Die Rollläden sind heruntergelassen. Die Geisterstadt ist in unterschiedlichen Abstraktionsgraden gemalt.

Im ersten Bild ist der Hund groß dargestellt, er spiegelt sich in den Wasserlacken, der Umraum ist nur gestisch expressiv bestimmt. Aussehen und inneres Erleben des Hundes scheinen in allen vier Bildern unverändert, nur äußere Stimmungs- und Wetterlagen ändern sich. Im zweiten Bild scheint etwas Ruhe eingekehrt, die Luft ist klarer.

 

Dog 2, 2017 © Sabine Moritz

Ghost Town I, 2016 © Sabine Moritz

 

Ghost Town I und II zeigen fast denselben Bildausschnitt, wobei sich der Hund in der unteren Darstellung nahezu in Farbschlieren auflöst, er noch abstrahierter, entmaterialisierter und düsterer ist.

In dieser expressiveren Variante hat der Hund die gleiche Farbigkeit wie seine Umgebung. Neben dieser kalten Farbgebung bringt die Unschärfe etwas Geheimnisvolles, Lebendiges, aber auch Bedrohliches ins Bild.

Ich habe nach Spuren gesucht, die mir verraten, wieso mich diese Bilder an Asien denken lassen, etwa an ein verlassenes chinesisches oder japanisches Dorf. Welche Spuren habe ich gefunden: Der Bildtitel "Ghost Town" klingt nach einem Thriller aus dem Fernen Osten, einem Eastern. Zeigen sich vielleicht Schriftzeichen im expressiven Duktus? Könnte nicht der blinde Samurai gleich zwischen den Häusern hervortreten?

 

Ghost Town II, 2016 © Sabine Moritz

 

Ganz falsch lag ich mit meiner Spurensuche nicht, denn die Bilder zeigen eine japanische evakuierte Stadt. Die deutsche Künstlerin Sabine Moritz hat die Bilder fünf Jahre nach dem Reaktorunglück von Fokushima nach einem alten Zeitungsfoto gemalt. Da die Einheimischen ihre Tiere zurücklassen mussten, blieb nur der verwaiste Hund im Bild. Die alte Heimat wurde für die ehemaligen BewohnerInnen und die Zurückgelassenen zur Gefahrenzone in dreckigem Katastrophengrau.

 

Dog, 2019 © Sabine Moritz

 

Sabine Moritz malt von Motiven, die ihr wichtig sind, mehrere Versionen, wobei sie den Bildausschnitt unterschiedlich skaliert oder die Bildwirkung durch die Wahl der Farben ändert. Damit dekontextualisiert sie das vorgegebene Motiv. Anstatt den Reaktorunfall zu malen, stellt sie dessen Auswirkungen dar und lässt uns im Unklaren darüber, was passiert ist.

 

Dog, 2017 © Sabine Moritz

 

Die Künstlerin wurde 1969 Quedlinburg in Ostdeutschland geboren und kam 1985 mit 16 Jahren in den Westen. Sie studierte zunächst an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, bevor sie in die Kunstakademie Düsseldorf eintrat. Schon während des Studiums begann sie aus dem Gedächtnis zu zeichen, etwa die Plattenbausiedlung Lobeda nahe Jena, wo sie aufgewachsen war. Später zog sie für ihre Bilder auch Familienschnappschüsse, eigene Fotos und Zeitungsquellen zur Ergänzung der Erinnerung heran.

Und um Erinnerung geht es in vielen ihrer Werke: die Erinnerung an Ihren Vater, der bei einem Arbeitsunfall starb, als sie gerade vier Jahre alt war, die Erinnerung an die DDR, die ihr verloren schien und Heimweh verursachte, nachdem die Familie 1985 von Jena nach Darmstadt ausreisen durfte. In ihrer Malerei konkretisieren sich Moritz' Untersuchungen darüber, wie man sich erinnert und wie die Erinnerungen einer ständigen Veränderung und Verzerrung unterzogen sind, ja einem Verblassen anheimfallen. Mit ihren figurativen Bildern malt sie gegen das bevorstehende Vergessen an und erzählt gleichzeitig von persönlichen Erfahrungen, die Teil einer kollektiven Geschichte sind.

 

Ruin, 2017 © Sabine Moritz

Screenshot von Dog I-III, 2012 © Sabine Moritz
Screenshot von Marian Goodman Gallery

 

Ich war in meiner Bildersuche und Internet-Recherche schon weit fortgeschritten, als ich las, dass Sabine Moritz seit 1996 die Ehefrau von Gerhard Richter ist. Zuvor war sie seine Studentin in Düsseldorf. Das hat mich insoferne überrascht, als ich noch nie etwas von dieser großartigen und vielschichtigen Künstlerin gehört hatte.

Vielleicht hatte ich erwartet, dass ihr als Frau des weltberühmten Gerhard Richter viele Türen offen stünden. Doch das Gegenteil scheint hier der Fall zu sein. Vielleicht will niemand in Verdacht geraten, sie aufgrund ihres Ehemanns zu protegieren. Wie anders ist es zu erklären, dass es vergleichsweise wenig mediale Resonanz auf ihre Bilder gibt, obwohl ihre Arbeiten in Deutschland unter anderem in der Kunsthalle Rostock, Kunsthalle Bremerhaven, Von der Heydt Kunsthalle Wuppertal und international in London und Paris ausgestellt wurden. Allerdings ist ihr Werk in einer großen Anzahl von Katalogen präsent.

Bis zum 27. März 2021 zeigt die Galerie Pilar Corrias in London ihre Arbeiten in der Einzelausstellung ‘Mercy’. Neben großformatiger abstrakter Malerei und Zeichnung wird erstmals ihr fotografisches Werk ausgestellt. Sehr umfassend werden ihre Arbeiten auf der Homepage der Galerie gezeigt.

Die Künstlerin lebt und arbeitet in Köln.

Quellen: Marian Goodman Gallery, Galerie Pilar Corrias, Felix Ringel Galerie

alle Bilder © Sabine Moritz

 

Ausstellung, Malerei, Zeichnung
15. Februar 2020 - 15:06

Wie ein tollpatschiger Welpe mit noch überdimensionierten Beinen und Pfoten schaut mich der orange-rosa-beigefarbene Hund fragend und ein bisschen traurig an.

 

aus der Serie Old Baggy Root, 2018/19 © Megan Rooney

 

Doch je länger ich in das Gesicht mit den ausdrucksstarken Augen sehe, desto zweifelnder und verzweifelter wird sein wässriger Blick.

Der Hund unten sieht aus als käme er gerade ins Bild, den Betrachter bemerkend und anblickend, noch bevor sein durchscheinender Körper ganz getrocknet ist.

 

aus der Serie Old Baggy Root, 2018/19 © Megan Rooney

 

Beide Bilder - ohne nennenswerte Vorzeichnung spontan und verfließend ausgeführt - stammen von der kanadischen Künstlerin Megan Rooney. Immer wiederkehrend ist das Motiv des menschlichen und tierischen Kopfes und Körpers, in den alle individuellen Erfahrungen unwiderruflich eingeschrieben sind.

Erzeugen die vorherrschende Palette von blassen, warmen Farbtönen sowie die schwebenden Motive eine spielerische Leichtigkeit (vgl. Felix Kucher) oder überwiegt das Gefühl der Verletzlichkeit und Versehrtheit der Körper dieser eigentümlichen menschlichen und tierischen Individuen? (vgl. Presseinfo Ausstellung Düsseldorf)

 

Old Baggy Root, 2018/19 © Megan Rooney

Old Baggy Root, 2018/19 © Megan Rooney

 

Auch ihre großformatigen Wandmalereien sind durch eine schnelle rhythmische Herangehensweise gekennzeichnet. Dabei verfolgt die Künstlerin oft keinen genauen Plan, sondern geht ohne Vorzeichnung oder Modell vor, beim Malrozess das volle Risiko eingehend. Megan Rooney sagt selbst, dass der Akt der Malerei etwas sei, das Energie freisetzt und es ein Glück sei, malen zu können.

Die aufstrebende Künstlerin arbeitet medienübergreifend mit Malerei, Installation, Performance, Tanz und Sprache. In ihrer künstlerischen Praxis bewältigt sie die gesamte Bandbreite von kleinformatiger intimer figurativer Malerei bis hin zu monumentaler abstrakter Malerei. Sie geht meist auf den zu gestaltenden Ausstellungsort ein und verknüpft die einzelnen Malereien und Objekte zu raumgreifenden Gesamtinszenierungen.

Zurzeit werden mehrere Porträts im Kunsthaus Kollitsch (Klagenfurt/A) sowie großformatige ungegenständliche Arbeiten im Ausstellungsraum Salts (Birsfelden/CH) gezeigt, im Juli 2020 wird eine Einzelpräsentationen im Salzburger Kunstverein (A) zu sehen sein, für die Megan Rooney als Artist-in-Residence den Großen Saal sowie die Ringgalerie gestaltet.

Megan Rooney (*1985, Kapstadt/Südafrika) hat an der University of Toronto und am Goldsmith College in London studiert. Sie lebt und arbeitet seit über zehn Jahren in London.

alle Bilder © Megan Rooney

 

Ausstellung, Installation, Malerei
20. Januar 2020 - 20:37

Eine Ausstellung, die genau zum Thema meines Blogs passt, findet zur Zeit im Bayerischen Nationalmuseum statt: "Treue Freunde - Hunde und Menschen".

Leider habe ich sie (noch) nicht gesehen, allerdings schon einen begeisterten Bericht meiner Freundin Mignon Dobler erhalten (ich habe ihre Hunde Polly und Lise gemalt). Ich muss leider mit Presseberichten und -fotos das Auslangen finden. Auf die Ausstellung aufmerksam gemacht hat mich übrigens Susanne Boecker, die immer wieder an mich denkt, wenn es Hund-und-Kunst-Relevantes gibt!

Mehr als 200 Werke der bildenden Kunst und Alltagskultur werden in zwölf Kapiteln präsentiert und spüren den vielfältigen Aspekten der Hund-Mensch-Beziehung nach. Die Darstellung dieser Beziehung spannt sich von der Antike (ägyptischen Hunde-Mumie) bis zum zeitgenössischen Hunderoboter, von der Kunst zur Kulturgeschichte, von adeligen Hundehalterinnen (Queen) bis zu Adeligen des Humors (Loriot).

In einzelnen Abschnitten werden unter anderem Partnerschaft, Statussymbole, Helfer, Hundeliebe, Hundekult, Trendsetter, Spielereien und Bösartigkeiten thematisiert. Im Kapitel Hundefreundschaft geht es um Prominente mit Hund und nicht - wie von mir fälschlicherweise vermutet - um Hunde und ihre (Hunde)Freunde und Freundinnen.

Der Anlass für die Ausstellung (als ob es eines Anlasses bedürfte!) ist übrigens die vor 100 Jahren erfolgte Erstveröffentlichung von Thomas Manns "Herr und Hund", einem Porträt seines Hühnerhund-Mischlings Bauschan.

Ein paar Exponate:

 

Richard Dodd Widdasnach dem Original von Alfred Dedreux, Armer Hund und reicher
Richard Dodd Widdas nach dem Original von Alfred Dedreux, Armer Hund und reicher Hund,
Kingston upon Hull, um 1850/60 © Städtisches Museum Überlingen

Johann Georg Waxschlunger (?), Dogge mit Welpe, München, Anfang 18. Jh. © Baye
Johann Georg Waxschlunger (?), Dogge mit Welpe, München, Anfang 18. Jh.
© Bayerisches Nationalmuseum

Hans Schöpfer der Ältere, Gabriel Ridler, München, 1532 © Bayerisches Nationalmu
Hans Schöpfer der Ältere, Gabriel Ridler, München, 1532
© Bayerisches Nationalmuseum, Foto Bastian Krack

Hofnarr der Familie Fugger-Nordendorf mit zwei Hunden, Süddeutschland, 1. Hälfte
Hofnarr der Familie Fugger-Nordendorf mit zwei Hunden, Süddeutschland, 1. Hälfte 17. Jh
© Privatbesitz, Süddeutschland

Lieblingshund König Ludwig I., München, um 1850 © Bayerisches Nationalmuseum, Fo
Lieblingshund König Ludwig I., München, um 1850
© Bayerisches Nationalmuseum, Foto Bastian Krack

Nadin Rüfenacht, Nature Morte, Burgdorf/Schweiz, 2005 © Sammlung Würth, Foto Phi
Nadin Rüfenacht, Nature Morte, Burgdorf/Schweiz, 2005
© Sammlung Würth, Foto Philipp Schönborn, München

Ferdinand von Keller, Selene, Karlsruhe, 1886 © Kunkel Fine Art, München
Ferdinand von Keller, Selene, Karlsruhe, 1886 © Kunkel Fine Art, München

Thomas Theodor Heine, Siegfried, Dießen am Ammersee, 1921 © Print & Coffee
Thomas Theodor Heine, Siegfried, Dießen am Ammersee, 1921 © Print & Coffee

Ferdinand Georg Waldmüller, Waldmüllers Sohn Ferdinand mit Hund, Wien, 1836 © Ba
Ferdinand Georg Waldmüller, Waldmüllers Sohn Ferdinand mit Hund, Wien, 1836
© Bayerische Staatsgemäldesammlungen

 

Heute habe ich endlich meinen Katalog zur Ausstellung (Deutscher Kunstverlag, 320 Seiten, 262 Abb., ISBN: 978-3422981089) bekommen, einen umfangreichen Wegweiser durch die Vielfalt der Mensch-Hund-Beziehung zum Staunen und Schmökern. Sicher kein Ersatz für einen Ausstellungsbesuch, aber trotzdem mehr als ein Trostpflaster!

Hedy hat schon entschieden, wer zuerst reinschauen darf!

 

Hedy nimmt sich den Ausstellungskatalog © Petra Hartl

Hedy schmökert im Ausstellungskatalog © Petra Hartl

Hedy schmökert im Ausstellungskatalog © Petra Hartl

Zu viel Text, Hedy fallen die Augen zu! © Petra Hartl

 

Die Sonderausstellung "Treue Freunde - Hunde und Menschen" ist im Bayerischen Nationalmuseum noch bis zum bis 19. April 2020 zu sehen, jeweils Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr sowie Donnerstag bis 20 Uhr.

 

4. November 2019 - 10:22

Als begleitende Veranstaltung zur Biennale zeigt die Fondazione Querini Stampalia die erste große Jörg-Immendorff-Ausstellung in Italien: Ichich, Ichihr, Ichwir / We All Have to Die.

Dabei handelt es sich nicht um eine Retrospektive, sondern um eine Präsentation seines Spätwerks, in dem er sich mit der Rolle des Künstlers in Gesellschaft und Geschichte auseinandersetzt.

Ab 1998 - Immendorf erfährt von seiner ALS-Erkrankung - ist sein Werk weniger erzählend oder politisch motiviert. Er nimmt vielmehr vermehrt Anleihen bei der Renaissance. Dahinter steht einerseits ein ganz grundlegendes Interesse an der Kunstgeschichte, das ihn seine gesamte Schaffensphase hindurch begleitete. Er musste aber auch eine Methode finden, die es ihm ermöglichte, seine Arbeit trotz seiner sich verschlimmernden Nervenkrankheit, die ihn immer mehr bewegungsunfähig machte, fortzuführen.

Immendorff konzipiert nun die Bilder: Er malt quasi mit dem Kopf und nicht mehr mit den Händen; beschreibt seinen Assistenten, wie die Werke auszusehen haben. Diese müssen die Anweisungen dann ausführen. Hierfür eignet sich logischerweise ein Zurückgreifen auf das bereits bestehende Repertoire der Kunstgeschichte.

 

Jörg Immendorff, Malsand, 2006, Foto Petra Hartl

Jörg Immendorff, Malsand, 2006, Detail, Foto Petra Hartl

Jörg Immendorff, Malsand, 2006, Detail, Foto Petra Hartl

 

Vor monochrome Hintergründe setzt Immendorff geheimnisvolle Figuren, die zu einer eigenen Ikonographie führen. Auch bei "Malsand" sind die sitzende und dahinter stehende Figur vor einem monochrom schwarzen Hintergrund und einer schwarzen felsigen Landschaft zu sehen.

Der Hund erinnert mich ein bisschen an den Windhund von Dürer, der auch in Dürers "Der heilige Eustachius" vorkommt, vielleicht ist "Malsand" von ihm inspiriert.

 

Albrecht Dürer,  A greyhound, um 1500, Royal Collection Trust
Albrecht Dürer,  A greyhound, um 1500, Royal Collection Trust

 

Albrecht Dürer,  Der heilige Eustachius, ca. 1501, Staedel Museum
Albrecht Dürer,  Der heilige Eustachius, ca. 1501, Staedel Museum

 

Jörg Immendorff (1945-2007) war einer der wichtigsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit. Seine Arbeiten werden seit Mitte der 1960er Jahre international ausgestellt. Er nahm 1972 und 1982 an der Documenta teil, 1976 an der Biennale Venedig. Er lebte und arbeitete in Düsseldorf und Hamburg.

Die Immendorff-Ausstellung in der Fondazione Querini Stampalia ist noch bis zum 24. November 2019 zu sehen.

 

Ausstellung, Malerei
28. Oktober 2019 - 10:25

Valentin de Boulogne, Fröhliche Gesellschaft mit Wahrsagerin (die fünf Sinne), 1

 

Wieso schiebt sich in diesem großen Bild, das Valentin de Boulogne kurz vor seinem Tod fertiggestellt hat, eine Hundeschnauze ins Bild? Und wieso hängt es in der Caravaggio & Bernini-Ausstellung im KHM?

Die zweite Frage ist leicht beantwortet: Valentin de Boulogne zählt zu den Nachfolgern Caravaggios, die sein Themenrepertoire weiterentwickelt und sein Werk zum Ausgangspunkt für eigene Schöpfungen verwendet haben. Schon Caravaggio hat sich mehrmals mit dem Thema der Wahrsagerin, die einem Soldaten die Hand liest, beschäftigt.

 

Valentin de Boulogne, Fröhliche Gesellschaft mit Wahrsagerin (die fünf Sinne)

 

Valentin de Boulogne verwendet die für ihn typischen Personen aus dem Wahrsager-, Wachstuben- und Musikantenmilieu, ganz dem Wunsch des Auftraggebers entsprechend, der dieses Figurenrepertoire im Gemälde verwirklicht sehen wollte. Es wird musiziert, zwei Männer sind in eine Rauferei verwickelt, ein Mädchen versucht eine Geldbörse zu stehlen und eine Wahrsagerin liest einem jungen Mann aus der Hand. Allen Protagonisten gemeinsam ist, dass sie an die Wahrnehmung des Betrachters appellieren. Das Gemälde "Fröhliche Gesellschaft mit Wahrsagerin" trägt auch den Titel "Die fünf Sinne", da es auch als Allegorie auf die Sinne verstanden wird.

An Sinnesmodalitäten sind vertreten: der Tastsinn in der Handleseszene, der Gehörsinn durch die Musikanten, der Geschmackssinn durch das Weintrinken und der Sehsinn durch die intensiven Blicke einerseits und den blinden Musiker am Rand. Und hier kommt auch wieder der Hund ins Geschehen. Als Darstellung des Geruchssinns bringt sich der Hundekopf ins Spiel.

Valentin de Boulogne verbindet eine Allegorie der Sinne mit den verschiedenen aus dem eigenen Oeuvre bekannten Figuren und Szenen zu einer Meditation über das Leben. Wunderbar, dass auch ein Hund daran teilnimmt.

Quellen: Booklet zur Caravaggio & Bernini-Ausstellung im KHM, Liechtenstein. The Princely Collections

 

Ausstellung, Malerei
23. Oktober 2019 - 9:10

Pierre Bonnard, Der Kaffee, 1915, Le Cafe © Tate

 

Das Kunstforum Wien zeigt Pierre Bonnard (1867–1947) in der Ausstellung "Farbe der Erinnerung". Schon im Titel stecken zwei wesentliche Merkmale von Bonnards Malerei: Er malt aus der Erinnerung und sein Thema ist die Farbe, dargebracht vor allem an den Motiven Figur, Interieur und ihn umgebende Landschaft.

Keine Wirklichkeit, kein Motiv soll den Post-Impressionisten von der Farbe ablenken, die er sowohl minimalistisch dünn als auch pastos aufträgt. Immer wieder malt er seine Freundin und spätere Ehefrau in wiederkehrenden Ansichten ihres Zuhauses. Dabei schafft er Durchsichten von innen nach außen (Fenster- und Türdurchblicke), malt Spiegel, die den Blick in den Raum erweitern und ungewöhnlich komplexe sowie angeschnittene Kompositionen, die schon den kommenden Jugendstil andeuten.

Immer wieder verschwimmen Motive im farbenfrohen Punkt- und Liniengewirr. Auch so mancher Hund ist erst auf den zweiten oder dritten Blick zu erkennen.

Obwohl Bonnard viele Hunde gemalt hat, habe ich nur diese drei in der Ausstellung entdeckt:

 

Pierre Bonnard, Der Kaffee, 1915, Detail, Foto Petra Hartl

Pierre Bonnard, Esszimmer, Vernon, um 1925, Detail, Foto Petra Hartl

 

Im "Esszimmer, Vernon" sehen wir einen Innenraum, der durch eine Tür zum Garten geöffnet ist. Die Szene spielt sich im für Bonnards Malerei so charakteristischen Bereich zwischen innen und außen ab. Alles scheint zu flimmern, hinter der geöffneten Gartentür erkennen wir ein verschwommenes Gesicht - vielleicht Bonnard selbst - der die Szene beobachtet. Die Kinder richten ihren Blick auf eine dunkle Stelle neben dem Esstisch. Erst auf den zweiten und dritten Blick erkennen wir eine Hundeschnauze.

 

Pierre Bonnard, Esszimmer, Vernon, um 1925

Pierre Bonnard, Esszimmer, Vernon, um 1925, Detail, Foto Petra Hartl

Pierre Bonnard, Esszimmer, Vernon, um 1925, Detail, Foto Petra Hartl

 

Auch im "Haus unter Bäumen" finden wir einen kleinen Hund, der seine Besitzerin beim Spaziergang begleitet.

 

Pierre Bonnard, Haus unter Bäumen, 1918, Foto Petra Hartl

Pierre Bonnard, Haus unter Bäumen, 1918, Detail, Foto Petra Hartl

Pierre Bonnard, Haus unter Bäumen, 1918, Detail, Foto Petra Hartl

 

Die Retrospektive im Kunstforum Wien entstand in Kooperation mit der Tate, London und der Ny Carlsberg Glyptothek, Kopenhagen. Unterstützt durch den Bonnard Exhibition Supporters Circle und Tate Members. Sie konzentriert sich auf Bonnards reifes Werk, das nach seinem ersten Besuch an der Côte d’Azur 1909 und der tiefgreifenden Erfahrung des Mittelmeerlichts einsetzt.

Die Ausstellung ist noch bis zum 20. Jänner 2012 zu sehen.
 

Ausstellung, Malerei
4. Oktober 2019 - 15:00

Sit and wait, 2018 © Benjamin Nachtigall

 

Liebevoll umarmt der "Zitronenmann" in "Sit and wait" seinen Hund, beide sind entspannt und heben den Kopf in eine Richtung, vielleicht sehen sie selbstvergessen der Sonne entgegen. Auch "The stranger" wird von seinem Hund begleitet. Aus beiden Arbeiten spricht Zärtlichkeit und Bindung zum Tier.

 

The stranger, 2018 © Benjamin Nachtigall

 

Benjamin Nachtigalls Figuren sind aus Keramik, jede ein von ihm selbst angefertigtes Unikat.

Er arbeitet spontan und intuitiv. Das keramische Material kommt ihm sehr entgegen, da es sich beim Trocknen und Brennen verformt, biegt und mitarbeitet. Die Glasuren werden auf die Plastik geworfen, die Farbtöne fließen ineinander und erzeugen Unerwartetes. "Gefühle, Ängste und Wünsche, die wir alle teilen - und die uns trennen, interessieren mich, nichts Konkretes, Persönliches", sagt Nachtigall (vgl. Wiener Zeitung)

Seine Protagonisten entstammen einer kuriosen, eigentümlichen Figurenwelt, seine humanoiden Figuren tragen Früchte statt Köpfen. Dabei legt er den Fokus eher auf die Geste und die Form selbst sowie auf das Erzeugen einer surrealen Dynamik als auf die Biographie einer Figur. (vgl. artist statement)

Die Fruchtköpfe verhindern, dass wir Individuen erkennen. Gemeinsam mit der Nacktheit der Figuren erzeugt Benjamin Nachtigall eine allgemeine über das Persönliche hinaus gehende Melancholie und Verletzlichkeit, die auch alltäglichen Situationen und Gesten - ein Tier berühren, die Natur erleben - innewohnt.

"Für mich ist ein Kunstwerk ein Rätsel, das nie ganz aufgelöst werden kann", sagte der Künstler bereits 2012 auf Ö1. Dies gilt auch für seine jüngsten Werke, die noch bis zum 12. Oktober 2019 in der Einzelausstellung "Symbiose" in der Galerie Gerasdorfer zu sehen sind.

Benjamin Nachtigall (*1988 in Wien/Österreich) schloss 2015 die Klasse für Grafik und Druckgrafik an der Universität für angewandte Kunst Wien ab.
 

alle Fotos © Benjamin Nachtigall

 

Ausstellung, Skulptur
29. August 2019 - 14:30

Was für ein charmantes Bild! "Die Möglichkeit eines Wolfes"!

 

Die Möglichkeit eines Wolfes, 2019 © Holger Kurt Jäger

 

Zur Einstimmung auf meinen Biennale-Besuch hatte ich das Kunstforum durchgeblättert und war sofort bei der Anzeige der Galerie von Braunbehrens hängengeblieben, die mit diesem Gemälde die Ausstellung von Holger Kurt Jäger, "Hallo Echo", ankündigte. Ich bin seiner Anziehungskraft sogleich erlegen. Innerhalb von Sekunden purzelten vielfältigste Assoziationen durch meinen Kopf. Hatte ich nicht so einen Hund unter dem Handtuch auf einer Ikea-Reklame gesehen, allerdings herziger und weniger melancholisch? Verhüllt der Fotograf Thorsten Brinkmann nicht auch Hunde? Und William Wegman - er fotografiert seine Weimaraner surrealistisch verfremdet! Und erst der Titel: "Die Möglichkeit eines Wolfes" lässt mich sofort literarische - "Die Möglichkeit einer Insel" (Michel Houellebecq) - oder musikalische - "Die Möglichkeit eines Lamas" (Frittenbude) - Bezüge herstellen.

Nachdem ich mir Jägers andere Arbeiten auf seiner Homepage angesehen und ein bisschen recherchiert hatte, war klar, dass dies kein Zufall war, sondern so sein musste: Referenzen sind sein Ding! Er durchforstet Printmedien und das Internet nach Anregungen für seine Gemälde, montiert das Ausgewählte zu witzigen oder surrealen Kompositionen, benützt das vorgefundene Material, um neue Zusammenhänge herzustellen, neue Bedeutungen zu generieren. Nicht zufällig heißt eine Bildserie "Referenzkultur".

Doch wer hat denn nun "Die Möglichkeit eines Wolfes"? Auf den ersten Blick scheint der Dackel gemeint zu sein, der dasitzt, als hätte er kein Hinterteil. Aber auch der in zu kurzer, blasslachsener Hose und Hausschuhen gewandete Mensch - es ist bloß seine untere Hälfte zu sehen - scheint die harmlose Figur, die er abgibt, durch den Wolfspelz-gefütterten Mantel überspielen zu wollen. Die Armbündchen des Pullovers sind schon aufgeschlitzt, steht die Wandlung der Hände in Pfoten bevor?

Alles an dem Gemälde ist realistisch, erst der Titel verleiht ihm einen unwirklichen, träumerischen und sehnsüchtigen Spin. "Könnte ich mich doch verwandeln, verwirklichen, - könnte ich doch verwildern", scheinen sich beide zu wünschen.

 

Referenzkultur 1 © Holger Kurt Jäger

 

Zu Jägers neuesten Arbeiten gehören Darstellungen junger stilvoller Menschen in hellen banal-surrealen Umgebungen. Doch keine kommt an die lavendel-beige-lachs-farbige Schönheit und Melancholie der "Möglichkeit" heran.

 

Ausstellungsansicht Galerie von Braunbehrens

 

Unten eine kleine Auswahl an Malereien mit Hundemotiv der letzten Jahre:

 

Die Jägerprüfung, 2017 © Holger Kurt Jäger

Die Gattin, 2015 © Holger Kurt Jäger

Hui buh, 2014 © Holger Kurt Jäger

 

Bekannt wurde Jäger unter anderem durch seine Waschlappenbilder, quasi einer Chronik des Zeitgeschehens auf Baumwolle. Er bemalte die Lappen mit Porträts von Politikern, Verbrechern, Künstlern, von Menschen, die unsere Gegenwart prägten oder nur im Gespräch waren: Ob die Dargestellten durch Material und Funktion des Bildträgers gedemütigt oder durch die Verwendung der klassischen Ölmalerei überhöht werden sollten, bleibt offen.

Neben den Waschlappenbildern haben auch Jägers bemalte Airbags oder seine vieräugigen Politikerporträts von Merkel oder Obama Aufmerksamkeit erregt. Der deutsche Maler (*1979 in Düsseldorf), der vom Graffiti kommt, hat sich nun anscheinend wieder mehr der traditionellen Ölmalerei zugewandt (auf Leinwand!). Mich freut das sehr.

Die Ausstellung in der Galerie von Braunbehrens ist noch bis zum 6. September 2019 zu sehen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
 

 

Ausstellung, Buch, Malerei
21. August 2019 - 13:20

Hedy mit Postkarte, Foto Petra Hartl

Hedy mit Postkarte, Foto Petra Hartl

 

Die letzte Station meines Ausstellungsmarathons war die Punta della Dogana, neben dem Palazzo Grassi die zweite große Ausstellungsfläche der Stiftung Pinault: eine Oase der Ruhe an der äußersten Spitze der Halbinsel zwischen Canale Grande und Canale della Giudecca, im Stadtteil Dorsoduro. Auf der gegenüberliegenden Seite des Canale Grande befindet sich der belebte Markusplatz.

Das 1682 fertiggestellte Gebäude war bis in die 1980er Jahre ein Zollamt und damit untrennbar mit der Geschichte Venedigs verbunden. 2007 erhielt die Pinault-Collection den Zuschlag, das dreiecksförmige Gebäude in einen zeitgenössischen Kunstraum zu verwandeln. Die Restaurierung des imposanten Komplexes begann, und im Juni 2009 war die Punta della Dogana wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Sie präsentiert seitdem wechselnde Ausstellungen. Heuer ist "Luogo e Segni" zu sehen, in der über hundert Werke von 36 KünstlerInnen versammelt sind, die eine besondere Beziehung zu ihrem urbanen, sozialen, politischen, historischen und intellektuellen Umfeld herstellen.

Das Gebäude ist riesig und die Arbeiten - vor allem Konzeptkunst, Minimal Art, Videokunst - sind so großzügig präsentiert, dass es mir fast obszön erschien. Schon im Palazzo Grassi bei Luc Tuymans war ich erstaunt, wie viel Platz den Werken eingeräumt wurde.

Obwohl ich beim Durchstreifen der riesigen Räume schon erschöpft und kaum mehr aufnahmefähig war, entging mir dieser kleine Hundekunstschnipsel nicht: eine kleine Postkarte mit Hund, die zu dem 90teiligen Gemeinschaftswerk "Monotype Melody (Ninety Works for Marian Goodman)" von Tacita Dean und Julie Mehretu gehört.

Von diesen 90 Arbeiten sind in Venedig 25 gerahmte Postkarten und 25 gerahmte Monotypien zu sehen. Sie spiegeln die einzigartige Zusammenarbeit und den intensiven und fruchtbaren Dialog der langjährigen Freundinnen Tacita Dean und Julie Mehretu wider. Beide Künstlerinnen arbeiteten unabhängig voneinander in Los Angeles und New York an ihren Monotypien und entwickelten ein Netz aus subtilen Referenzen und Verbindungen zwischen den einzelnen Arbeiten. In Venedig werden die Werke der einen zwischen den Werken der anderen präsentiert, es entsteht ein Puzzle aus schwarz-weißen Monotypien und farbig überarbeiteten Postkarten, eine rhythmische Verflechtung, die man beim Ausstellungsbesuch in ihrer Gesamtheit wahrnehmen kann.

 

Werktitel, Foto Petra Hartl

Installationsansicht Tacita Dean und Julie Merhetu, Foto Petra Hartl

Installationsansicht Tacita Dean und Julie Merhetu, Foto Petra Hartl

Tacita Dean, Found Postcard, Monoprint (Finger), 2018, Foto Petra Hartl

Postkarte, Foto Petra Hartl

 

Tacita Dean hat mit alten gefundenen Postkarten gearbeitet, auf die sie mit Tinte kleine Ergänzungen eingetragen oder Überarbeitungen durchgeführt hat.

Obwohl sie auch fotografiert und zeichnet, ist Tacita Dean (1965, Canterbury/UK) vor allem für ihre 16mm-Filme bekannt, in denen sie sich besonders mit historischen oder fiktiven Geschichten beschäftigt. Wiederkehrende Themen in ihrer Arbeit sind die Begriffe Zeit und Erinnerung - einschließlich des analogen Gedächtnisses des Films und der Herausforderungen seiner Erhaltung/Konservierung.

Julie Mehretu (*1970 in Äthiopien) malt und zeichnet seit fast 20 Jahren an zumeist großformatigen, gestischen Gemälden, die aus mehreren Schichten unterschiedlicher Materialien (Acrylfarbe, Bleistift, Feder, Tinte) bestehen.

 

Ausstellung, Grafik, Installation, Malerei