Fotografie

16. Mai 2022 - 10:18

Vielleicht habe ich schon einmal erwähnt, dass ich Kunstlehrerin bin (in Österreich heißt das Fach Bildnerische Erziehung). Während des Corona-bedingten Distance Learnings habe ich mit meinen 15jährigen Schülern und Schülerinnen die "Family Portraits" der italienischen Fotografin Camilla Catrambone besprochen und sie aufgefordert, von sich Selbstporträts aus Dingen zu erstellen.

Catrambone hat in ihrer Serie die Verwandten durch (Haushalts-) Gegenstände dargestellt, die für die Personen wichtig sind. Dabei ordnete sie die Gegenstände zu einer sorgfältigen Komposition. Jeder Betrachtende kann sich selbst ein Bild davon machen, wie der Besitzer/die Besitzerin dieser Gebrauchsgegenstände real aussehen würde. Der Glaube an die Fähigkeit der Dinge Informationen über den Besitzer zu bringen ist kulturell gefestigt. Trotzdem bleibt die Frage, ob in den Arbeiten Rollenbilder oder Individualität transportiert wird.

 

Family Portraits, 2013 © Camilla Catrambone
Family Portraits, 2013 © Camilla Catrambone

 

Ich glaube nicht, dass Menschen ohne Hund meinen Blog lesen. Deshalb renne ich sicher offene Türen ein, wenn ich Ihnen erzähle, dass auch Hunde eigenen Persönlichkeiten und Charaktere haben. In "A Dog‘s Life" hat Alicia Rius Catrambones Methode (vermeintlich) auf Hunde angewendet und dabei unterschiedliche Hundetypen und -rassen dargestellt. Im Unterschied zu Catrambones Serie zeigt Alicia Rius allerdings beides: die Hunde und ihre Welt, d.h. die Gegenstände, die ihre Persönlichkeit definieren.

Jeder Hund hat oder tut bestimmte Dinge in seinem Leben, die definieren, wer er ist oder was er gerade durchmacht. Alicia Rius traf sich zu Gesprächen mit den HundehalterInnen, schaute sich die Besitztümer jedes Hundes an, um zu verstehen, inwieweit sie zu dem passten, was der Besitzer über den Lebensstil und die Persönlichkeit seines Hundes zu sagen hatten.

 

Just like humans, dogs form attachments to their personal possessions and can give the viewer deeper insight into their identity. The items that shape their daily routine, that they carry, keep, and even eat- give us a glimpse into their hearts and minds. They show us what makes them most proud or happy and even puts their vulnerability on display. (Alicia Rius zit. n. hier)

Genau wie Menschen hängen auch Hunde an ihren persönlichen Gegenständen und können dem Betrachter einen tieferen Einblick in ihre Identität geben. Die Gegenstände, die ihren Alltag prägen, die sie bei sich tragen, aufbewahren und sogar essen, geben uns einen Einblick in ihr Herz und ihren Verstand. Sie zeigen uns, was sie am meisten stolz oder glücklich macht und stellen sogar ihre Verletzlichkeit zur Schau. (übersetzt mit Deepl.com)

 

Die Gegenstände, die zu jedem Hund gehören, zeigen uns also, was der Hund wirklich ist und wie sich sein reales Leben darstellt. Die künstlerische Aufreihung der persönlichen Dinge des Hundealltags zeugt von viel Liebe und Humor der Fotografin. Die fotografischen Ansammlungen sind überaus liebenswert, entzückend, einfühlsam, berührend.

Sie merken, ich bin von ihrer Serie begeistert und kann mich an den Dingen, die sie für ihre Protagonisten ausgesucht hat, gar nicht sattsehen. Meine besondere Liebe gilt den alten Hunden. Deshalb ist auch "Der Senior" mein Lieblingsfoto, dicht gefolgt von "Der Streuner".

 

The Senior, 2018 © Alicia Rius

 

Der Senior: Haben Sie die kleinen Röntgenbilder mit den zarten, zerbrechlichen Hundepfotenskeletten von Magda, einem 13 Jahre alten Spaniel-Dackel-Mix gesehen? Magda wurde als kranker Hund im Tierheim abgegeben und lebt inzwischen bei einer Pflegemutter. Seither hat sie einen Weg voller Tierarztbesuche, Medikamente, Hautbehandlungen und täglicher Injektionen hinter sich, um wieder auf die Beine zu kommen. Doch trotz ihrer schmerzhaften Geschichte wird sie von Liebe und Hoffnung angetrieben.

 

The Neurotic, 2018 © Alicia Rius

 

Der Neurotische: Bär ist eine 4,5 Jahre alte Englische Bulldogge. Die Rasse ist für ihre Sturheit bekannt. Wenn er nicht bekommt, was er will, kaut er stattdessen auf allem herum, dessen er habhaft werden kann.

 

The Stray, 2018 © Alicia Rius

 

Der Streuner: Der Streuner heißt Marmaduke und ist ein 7,5 Jahre alter geretteter Pitbull-Mix, der aufgrund seiner Rasse ausgesetzt wurde und als Restefresser überleben musste. Das harte, ermüdende und hoffnungslose Leben auf der Straße hat Alicia Rius mit all dem verdorbenen Essen illustriert, das er vor seiner Rettung zu sich nahm. Doch Obacht: Die Karotte hat er nicht angerührt.

 

The Fetcher, 2018 © Alicia Rius

 

The Fetcher (Er holt/bringt die geworfenen Bälle. Dafür finde ich kein passendes deutsches Nomen): Knuckles, der 7 Jahre alte Australian Shepherd, ist energiegeladen, intelligent und davon besessen, Frisbees und Bälle zu apportieren. Trainiert wird mit Leckerlis (Beutel). Die Medaillen zeigen, wie gut er bei Wettbewerben ist.

 

The best in show, 2018 © Alicia Rius

 

Der Ausstellungsbeste: Zig, der afghanische Windhund, verbringt die meiste Zeit seines dreijährigen Lebens damit, auf Hundeausstellungen um den Titel "All-Breed Show" zu kämpfen und zu gewinnen! Bei dieser Veranstaltung werden die Hunde danach beurteilt, inwieweit sie mit dem Perfektionsstandard ihrer Rasse konform gehen. Bemerken Sie den eleganten grauen Hintergrund, auf dem seine Utensilien aufgereiht sind?

 

The Princess, 2018 © Alicia Rius

 

Die Prinzessin: Der junge weiße Malteser-Shih Tzu-Mix Lola Rose ist verwöhnt und wird wie eine Prinzessin behandelt. Selbstverständlich hat er einen eigenen Instagram-Account! Seine Tasche stammt von Pawda!

Wenn ich mir die Besitztümer der Hunde ansehe, merke ich erst, was für ein einfacher, bescheidener Hund meine Hedy ist. Ihr gehören zwei Stofftiere, ein "Furminator" - eine Bürste zur Fellpflege (Huskie!) - und ansonsten nur Verbrauchsgüter: ein Kübel mit Leckerlis, getrockneter Pansen, Ochsenziemer, getrocknete Schweinsohren, Rinderkopfhaut und Stinkestangerl.

Bitte schauen Sie sich die ausführliche Making-of-Dokumentation auf Alicia Rius' Blog an. Niemals hätte ich erwartet, wie aufwändig es war, dieses Projekt durchzuführen.

Interessant ist auch, dass der Impuls zur Arbeit nicht von Camilla Catrambone kommt, wie ich vermutet hätte, sondern von Gabriele Galimberti und deren Serie "Toy Stories". Über zwei Jahre lang hat sie mehr als 50 Länder besucht und farbenfrohe Bilder von Kindern mit ihren Spielsachen gemacht und die spontane und natürliche Freude und den Stolz festgehalten, die Kinder empfinden, wenn sie ihre Besitztümer herzeigen.

 

Toy Stories © Gabriele Galimberti

 

alle Fotos © Alicia Rius

 

Fotografie
9. Mai 2022 - 10:48

Captivity I, 2017 aus Myth of the Flat World © Morgan Barrie

 

Schon auf den ersten Blick hat Morgan Barries Foto etwas Artifizielles. Der Eindruck ist berechtigt, da es sich um eine digitale Collage handelt, die ganz unterschiedliche Pflanzen und Tiere auf einem Bild versammelt.

 

Each work is assembled flower by flower so that the final image contains dozens of individual photographs. Native species mix with non-native and even invasive plants, as do human and animal elements. (zit. n. artist statement)

 

Jedes Werk wird Blüte für Blüte zusammengesetzt, so dass das endgültige Bild Dutzende von Einzelfotos enthält. Einheimische Arten mischen sich mit nicht einheimischen und sogar invasiven Pflanzen, ebenso wie menschliche und tierische Elemente. (übersetzt mit DeepL.com)

 

Morgan Barrie erforscht "die natürliche Welt" sowohl als Ideal als auch als Realität. Sie nimmt ihr Ausgangsmaterial selbst auf (Pflanzen etc) und setzt sie digital zusammen.

Ich musste bei Barries Werk sofort an die Blumenstillleben von Jan Breughel d. Ä. denken, der Pflanzen in detailgetreuer Abbildung versammelt, die niemals auf natürliche Weise in einem Strauß vorkommen könnten, da sie zu unterschiedlichen Jahreszeiten, auf unterschiedlichen Kontinenten blühen. Sie deuten auf einen utopischen Zustand der Welt, womit gemeinhin das Paradies gemeint ist. Unten ein Beispiel seiner vielen Blumenstillleben.

 

Jan Bruegel der Ältere, Blumenstrauß in einer Keramik-Vase, nach 1599, Foto Kun

 

Dass es sich um keine Darstellung eines realen Straußes handelt, erkennt man schon daran, dass fast jede Blume zur Gänze zu sehen ist und es kaum Überschneidungen gibt. Diese akribische, virtuose Wiedergabe zeugt vom wissenschaftlichen Interesse der Künstler an der Natur. Die Maler übertreffen allerdings die Natur selbst, indem sie die Pracht von Pflanzen darstellen, die zu verschiedenen Zeiten blühen und deren kostbare Blüten zudem nicht dem natürlichen Verfall unterliegen.

Da Blumen noch nicht gezüchtet wurden, stellten Blumensträuße eine große Besonderheit dar. Sowohl reale Sträuße wie auch gemalte Exemplare wurden als kostbare Rarität empfunden und zeugten von weitreichenden Handelsbeziehungen in ferne Länder. Die Gemälde repräsentierten den Reichtum ihrer Auftraggeber. Sie enthielten aber auch eine Mahnung, da den Gemälden auch Vanitas-Motive, z.B. Insekten, hinzugefügt wurden, die für Vergänglichkeit alles Irdischen stehen.

Tod und Vergänglichkeit ist auch bei Barrie mittelbar präsent - invasive, also eingeführte  Pflanzen, die überhandnehmen, verdrängen andere.

 

A landscape can be read like a text, each element revealing a piece of a narrative. Weeds can tell stories of traveling across continents and displacing other species to dominate their new terrains. Cultivated plants have survived and spread partially through their seduction of human beings, and some animal species are now believed to have partially domesticated themselves. Landscape is something constructed, piece by piece, by many different players. (zit.ebd.)

Eine Landschaft kann wie ein Text gelesen werden, wobei jedes Element einen Teil einer Erzählung offenbart. Unkräuter können Geschichten erzählen, wie sie über Kontinente wandern und andere Arten verdrängen, um ihr neues Terrain zu beherrschen. Kulturpflanzen haben überlebt und sich teilweise durch die Verführung des Menschen ausgebreitet, und von einigen Tierarten wird heute angenommen, dass sie sich teilweise selbst domestiziert haben. Landschaft ist etwas, das von vielen verschiedenen Akteuren Stück für Stück konstruiert wird. (übersetzt mit DeepL.com)

 

Während mich Barries Werk an Breughel erinnert, gibt die Künstlerin selbst Millefleur-Tapisserien (also Wandteppiche der Spätgotik, die Streublumen - tausend Blumen - als Ornament haben) als Ausgangspunkt für ihre Werke an.

In "Captivity I", 2017 spielt Morgan Barrie auf den Wandteppich "The Unicorn in Captivity" (from the Unicorn Tapestries) von 1495–1505 an, der sich im Besitz des Metropolitan Museum of Art befindet. Sie adaptiert die dekorativen Pflanzen des ursprünglichen Wandteppichs, indem sie nordamerikanische Pflanzen einführt, die sie digital auf einen dunklen Hintergrund collagiert. Statt des Einhorns, das für den gezähmten Geliebten steht, befindet sich der angekettete domestizierte Familienhund in der Mitte eines kleinen umzäunten Areals.

 

The Unicorn in Captivity, Foto The Met New York

 

Nochmals zum Vergleich "Captivity I":

 

Captivity I, 2017 aus Myth of the Flat World © Morgan Barrie

 

Ein zweites Beispiel aus der Serie "Myth of the Flat World"

 

Pieces from an Island that is Still Forming II, 2019 (Copy) aus Myth of the Flat

 

Morgan Barries zweite Serie, in der Hunde vorkommen, ist "Arcadia":

Arkadien bezieht sich auf die idyllische Vision einer unberührten Natur und auf die Vorstellung eines Lebens in Harmonie mit der Natur. Es ist ein unerreichbarer Ort, ein verlorener Garten Eden. Schon in der Zeit des Hellenismus wurde Arkadien zum Ort verklärt wo die Menschen unbelastet von mühsamer Arbeit und gesellschaftlichem Anpassungsdruck in einer idyllischen Natur als zufriedene und glückliche Hirten lebten. In der bildenden Kunst und Literatur der Renaissance wurde die griechische Region Arkadien als perfekte und unberührte, unverdorbene Wildnis wiederbelebt.

In diesem fiktiven Arkadien lebten die Menschen in Harmonie mit der Landschaft und anderen Tieren. Selbst heutzutage gibt es eine Vorstellung von einer vergangenen Zeit, in der die Menschen in einer Art Eden lebten, bevor unsere eigene Natur uns daraus verdrängte.

Einerseits möchte der Mensch weitgehend außerhalb der sehr realen und schmerzhaften Zyklen der Natur existieren, andererseits hat er auch eine gleichwertige, aber gegensätzliche Sehnsucht, sich wieder mit der Natur zu verbinden. Die Serie "Arcadia" beschäftigt sich mit diesen zwei gegensätzliche Haltungen, die der Mensch zur natürlichen Welt einnimmt. Barrie  beleuchtet die Schnittstelle zwischen "menschlichen" und "natürlichen" Orten und Seinszuständen. (vgl. artist statement)

The Conqueror, 2014 aus Arcadia © Morgan Barrie

Pet, 2012 aus Arcadia © Morgan Barrie

 

Scott Falls, 2011 aus Arcadia © Morgan Barrie

 

Morgan Barrie reflektiert über die Zukunft unserer Beziehung zur Natur in einer künstlerischen Weise, die durch ihre Schönheit inspiriert und Resonanz findet.

Die in Ann Arbor (Michigan/USA) lebende Künstlerin und Fotografin studierte am Columbia College Chicago, wo sie ihren Bachelor of Arts machte und an der Eastern Michigan University, wo sie im April 2013 ihren MFA-Abschluss in Fotografie erhielt. Ihre Arbeiten werden national und international ausgestellt. Seit 2019 ist sie Assistenzprofessorin an der University of Wisconsin-Stout.

alle Fotos © Morgan Barrie

 

Fotografie
28. März 2022 - 11:36

Wie bringt man Menschen dazu, auf Fotos schön und glücklich auszusehen? Fotografiere sie neben ihrem Hund! Das ist die Antwort, die der israelische Fotograf Dan Balilty für sich gefunden hat.

 

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty
Hier haben sich zwei gefunden! Herr - Hund - Haus: Eine geschlossene Welt,
großartig und das Herz berührend festgehalten von Dan Balilty.

 

2011 erhielt er beim israelischen Fotojournalismus-Wettbewerb einen Preis für seine Fotoserie "Local Testimony". Er fotografierte Tänzerinnen und Tänzer einer Burlesque-Show auf der Bühne und hinter den Kulissen. Als er sich die Arbeiten genauer ansah, fiel ihm auf, dass viele der KünstlerInnen mit Hunden lebten. "They were looking good", he said, "and I realized they all had dogs."

Nie zuvor hatte Dan Balilty Menschen fotografiert, die so natürlich und schön aussahen, wie jene, die mit ihren Hunden zusammen waren.

 

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

 

Er spürte, dass das Besondere an der Fotoserie in der Anwesenheit der Hunde lag: Menschen wirken anders, sobald man sie neben ihren Hunden fotografiert, weil sie sich mit der Kamera und mit sich selbst wohler fühlen, wenn der geliebte Hund mit auf dem Foto ist. Der Moment, in dem man jemanden mit seinem Hund an der Seite fotografiere, sei ein glücklicher Moment für diese Person. Sie fühle sich gut, sie gebe Liebe und bekomme Liebe - und das komme auf den Bildern rüber, meint Balilty. Er geht noch weiter: Wenn die Hunde nicht dabei sind, können Porträts die Menschen nicht vollständig erfassen: "Die Hunde sind Teil ihrer Geschichte".

Diese Überlegungen brachten ihn 2013 dazu, die Serie: "Dog's Best Friend" zu beginnen, die aus Porträts von Menschen mit ihren Hunden in deren Zuhause besteht.

 

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

 

Beim ersten schnellen Durchschauen der Serie ist mir der oftmals gleiche Blickwinkel auf die sterilen und sauberen Einrichtungen und der immer wiederkehrende Fliesenboden aufgefallen, sodass ich kurz annahm, die Interieurs seien für die Fotos in einem Studio nachgestellt. Die Ähnlichkeit der Fotos hatte allerdings einen einfachen, banalen Grund. Die Wohnungen waren in der Regel klein, und das Sofa war zumeist der einzige Platz, an dem die Leute mit ihren Hunden posieren konnten.

Die Hundehalter und -halterinnen fand er mit Hilfe seiner Freunde in der Nachbarschaft in Tel Aviv. Voraussetzung zum Fotografiertwerden war, dass alle eine gute Beziehung zu ihren Hunden -  die meisten kamen aus Tierheimen - hatten.

 

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

 

Malkiella Benchabat und ihr Husky-Mix JouJoun posierten in einer örtlichen Eisdiele. Sie waren eines der wenigen Paare, die nicht zu Hause fotografiert wurden.

"Auf den Bildern sehe ich, dass die Hunde die Identität ihrer Besitzer vervollständigen", sagte Malkiella und fügte hinzu, sie glaube, dass Hunde und ihre Besitzer sich oft körperlich ähneln, weil sie die Haltungen des anderen aufgreifen und widerspiegeln: "Ich bin ein entspannter Mensch. Ich versuche, mich nicht mit anderen zu streiten", sagte sie. "Er ist genauso. Er ist aufmerksam gegenüber den Hunden um ihn herum."

 

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

 

Dan Balilty, der selbst mit einem Hund lebt, weiß, wie schön die Verbindung zwischen Menschen und ihren Hunden sein kann und dass sie es wert ist, fotografiert zu werden. Er traut den Hunden sehr viel zu! Das Wichtigste, das er bei der Arbeit zu "Dog's Best Friend" gelernt habe, sei, dass das Leben mit Hunden das Beste im Menschen hervorbringe. Sie werden eine bessere Version von sich selbst, wenn sie mit ihren Haustieren zusammen sind. Und selbst wenn sie nicht mit ihnen zusammen sind, verhalten sich Hundebesitzer seiner Meinung nach anständiger als andere. "Sich um Hunde zu kümmern", sagt er, "ist etwas, das die Menschen lehrt, einfach bessere Menschen zu sein".

 

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

 

Bei "Dog's Best Friend" handelt es sich nicht um Haustierfotografie, sondern um eine Dokumentation des täglichen Lebens durchschnittlicher Menschen aus Tel Aviv, deren Gemeinsamkeit ist, dass sie zufällig einen Hund als Haustier haben.

 

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

Dog's Best Friend, 2013 © Dan Balilty

 

Als Fotojournalist habe er ständig das Gefühl gehabt, der Überbringer schlechter Nachrichten zu sein. Die charmante und gänzlich positive Serie "Dog's Best Friend“ markiert seine berufliche Veränderung hin zu dem, was er "positive Nachrichten" nennt.

Dan Balilty (*1979 in Jerusalem/Israel), ist ein Fotograf, der nach einer langen Tätigkeit für die israelischen Presse als Freiberufler für die New York Times, Reuters, Associated Press, Agence France Presse, Time und Newsweek arbeitet. Er lebt in New York und Tel Aviv.

Quelle: israel21c

alle Fotos © Dan Balilty

 

Fotografie
21. März 2022 - 11:17

Ciren Dogs © George Brooks

 

Ciren Dogs ist ein persönliches Projekt des britischen Fotografen George Brooks, an dem er seit mehreren Jahren immer wieder arbeitet. Er fotografiert die wunderbar unberechenbaren Hunde im Cirencester Park, einem schönen Anwesen in den Cotswolds. Gleichzeitig, sozusagen als Kollateralgewinn, hat er damit Porträts der Hundehalter und -halterinnen angefertigt.

 

Ciren Dogs © George Brooks

Ciren Dogs © George Brooks

Ciren Dogs © George Brooks

Ciren Dogs © George Brooks

Ciren Dogs © George Brooks

Ciren Dogs © George Brooks

Ciren Dogs © George Brooks

Ciren Dogs (Max and Daisy) © George Brooks

Ciren Dogs © George Brooks

Ciren Dogs © George Brooks

 

Social Distance ist ein Lockdown-Projekt, das George Brooks durchgeführt hat, ohne sein Haus zu verlassen. Da er die Zeit der sozialen Abschottung bei gleichzeitiger Einhaltung des Lockdowns dokumentieren wollte, machte er die Abriegelungsmaßnahmen kurzerhand zum  Teil eines Projekts vor der eigenen Haustüre.

Er klebte Absperrband zwei Meter von seinem Tor entfernt auf die Straße, stellte Lampen für den Aufhellblitz und seine Kamera mit einem weit geöffneten 50-mm-Objektiv auf einem Stativ vor die Tür. Seine Tochter Eva und sein Hund Ruby halfen ihm Passanten anzusprechen, die an seinem Haus vorbeikamen und sie zur Teilnahme am Fotoprojekt aufzufordern. Fast alle waren einverstanden sich fotografieren zu lassen und ihre Erfahrungen mit dem Lockdown zu teilen.

 

Social Distance (George and Ruby), 2020 © George Brooks

Social Distance (Eva and Ruby - trusty assistants), 2020 © George Brooks

Social Distance (Eva & Ruby - more assisting), 2020 © George Brooks

Social Distance (Frank exercising one of his many dogs), 2020 © George Brooks

Social Distance (Sky with Lady), 2020 © George Brooks

Social Distance (Ali and Monty), 2020 © George Brooks

Social Distance (Sue and Terry with Pip), 2020 © George Brooks

Social Distance (Sue and Bill with Bueno), 2020 © George Brooks

Social Distance (Caley, Sam and Digby), 2020 © George Brooks

Social Distance (Simon, Lisa and Bethany walking Nellie), 2020 © George Brooks

 

Nachdem der in Großbritannien ansässige Fotograf George Brooks 1985 die Kunsthochschule in Bournemouth verlassen hatte, begann er durch Mexiko und die USA zu reisen. Ab 1990 arbeitete er als Fotograf vor allem im redaktionellen Bereich. Seine Arbeiten wurden in Zeitschriften wie The Radio Times, You, Sunday Times, Telegraph und Top Gear veröffentlicht. In den letzten 25 Jahren hat er unter anderem im Nahen und Fernen Osten, in Nordafrika und in den USA gearbeitet. Neben der redaktionellen Arbeit für Magazine fotografiert er vermehrt für kommerzielle Kunden.

Nebenbei entstehen seine persönlichen Fotoserien wie Ciren Dogs und Social Distance.
 

alle Fotos © George Brooks

 

Fotografie
10. Januar 2022 - 10:50

Moo, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Moo, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Moo, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Moo, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Moo, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

 

Vielleicht täusche ich mich, aber ich habe den Eindruck, dass im angloamerikanischen Raum mit der Trauer über ein Tier viel offener, toleranter und unterstützender umgegangen wird als in Europa. Während es in den USA virtuelle Medidationsräume, Netzwerke zur Unterstützung und Therapie-Ideen für trauernde Tier-Eltern gibt, ist mir das "bei uns" nicht bekannt. Noch herrscht eher das Gefühl vor, sich für seine Trauer um ein Tier rechtfertigen oder seine Emotionen verbergen zu müssen.

Doch was die berühmte Psychiaterin, Trauer- und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross über den Verlust von Menschen gesagt hat, gilt auch für den Tod von Tieren:

 

The reality is that you will grieve forever. You will not ‘get over’ the loss of a loved one; you will learn to live with it. You will heal and you will rebuild yourself around the loss you have suffered. You will be whole again but you will never be the same. Nor should you be the same nor would you want to. (Elisabeth Kübler-Ross zit. n. hier)

 

In Erinnerung an ihre verstorbene Katze Lilly hat Lauren Smith-Kennedy das "Tilly Project" ins Leben gerufen, das Hilfsmittel zur Verfügung stellt, um mit diesem Verlust zu leben. Sie hat ebenfalls begonnen, ein "End-of-life pet photography"-Netzwerk einzurichten, eine umfassende Liste von Fotografen in den USA (und darüber hinaus), die Fotografie am Lebensende anbieten.

 

Maggie, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Maggie, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Maggie, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

 

Lauren Smith-Kennedy, in South Portland/Maine ansässig, bietet Haustierhaltern und ihren Tieren, die am Ende des Lebens stehen, ein letztes Fotoshooting an, damit sie sich auch mithilfe der Fotos an diese bedingungslose Form der Liebe und Kameradschaft erinnern können. Ihre Fotos zeigen die zärtlichen und emotionalen Momente, die Menschen mit ihren geliebten tierischen Begleitern teilen, wenn sie sich verabschieden. Die Fototermine bietet Smith-Kennedy kostenlos an, um sie allen zugänglich zu machen.

 

Oscar, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

 

Hauptberuflich leitet Lauren die Entwicklungsabteilung im Saco River Wildlife Center, einem Rehabilitationszentrum für Wildtiere. Als ihre Katze Tilly durch einen Unfall vor ihren Augen starb, beschloss sie, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um so viele andere Tiere wie möglich zu retten. Tilly war "ihre Welt und ihr Licht", und sie ist dankbar für jedes Bild, das sie von ihr hat. Diese Empfindung inspirierte sie auch dazu, ihr fotografisches Talent für Haustiere am Lebensabend einzusetzen. Die fotografische Arbeit ermöglicht es ihr, die eigene Trauer zu verarbeiten, aber auch all der anderen wunderbaren Haustiere zu gedenken und ihr Vermächtnis zu erhalten.

 

Asia, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Asia, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Asia, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

 

Jeder Tierhalter, der ein Haustier verloren hat, weiß, wie erschütternd und herzzerreißend es sein kann, wenn ein tierisches Familienmitglied stirbt. Wenn der Schmerz über den Verlust groß ist, können Fotos und Videos helfen, sich an die schönen gemeinsamen Zeiten zu erinnern.

Lauren Smith-Kennedy freut sich nicht darauf, die gebrechlichen Tiere zu fotografieren, da es auch für sie schmerzvoll ist, ein Haustier, das vielleicht an einer Krankheit leidet, die nicht mehr behandelt werden kann, in seinen letzten Tagen zu besuchen. Sie sieht es vielmehr als Ehre an, dass man ihr das Vertrauen entgegenbringt, solch bedeutungsvolle, verletzliche Momente festzuhalten und dabei die starke Bindung zwischen Tieren und ihren Angehörigen zu zeigen. Bis zu einer Stunde verbringt sie mit jeder Familie, während diese sich von ihrem Tier umarmend und streichelnd verabschiedet oder Lebewohl sagt, um ein fotografisches Andenken zu schaffen, auf das die Trauernden dann gerne zurückblicken.

 

Bella, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Bella, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

 

Die Sitzungen werden so gestaltet, wie ihre Kunden es sich wünschen: sei es, dass sie eine Umarmung teilen oder ein letztes Mal den Lieblingsplatz des Tieres genießen wollen; sei es, dass die ganze Familie miteinbezogen werden will oder nur einzelne Aufnahmen vom Haustier gemacht werden sollen.

Die Fotografin gibt dabei keine Anweisungen oder Ratschläge, sagt nicht, was die Angehörigen fühlen oder woran sie denken sollen, sondern fordert sie nur auf, etwas mit ihrem Hund zu tun oder von ihm zu erzählen. Das allein weckt Erinnerungen und Emotionen, die die Bilder so echt und authentisch wirken lassen. Beim Prozess des Fotografierens ist es für Lauren schwierig, aber wichtig, die nötige Distanz zu den eigenen Gefühlen aufrechtzuerhalten. Aber wenn sie sich die Bilder ansieht, dann holen sie ihre Emotionen ein.

 

Abigail, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Chevy, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Sadie, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Pablo, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Malibu, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Lola, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Winston, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

CC, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Lucca, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Opie, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Cosma und Rascal, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

Rascal, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

 

Obwohl die ergreifenden Porträts von Hunden im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen, wurde Lauren auch gebeten, die letzten Momente anderer Tiere zu fotografieren - darunter die Hausratte Velma. Vielleicht erscheint es für manche Menschen unbegreifbar, dass auch der Verlust einer kleinen Ratte erschütternd sein kann. Aber es geht nicht um die Größe, sondern um die Verbundenheit, die wir zu ihr hergestellt haben. Auch wenn manche Tiere klein sind, haben sie doch großen Einfluss auf unser Leben und lehren uns die wahrhaftigste Form von Loyalität und Liebe.

 

Velma, 2021 © Lauren Smith-Kennedy

 

Instagram, Facebook, The Tilly Project
 

alle Fotos © Lauren Smith-Kennedy

 

Fotografie
27. Dezember 2021 - 11:34

Chien n°1, 2008-2013 © Tina Mérandon

 

Es sind keine Pudel, Spaniel oder Möpse, die uns in der Serie "Les Chiens" (2008-2013) in dynamischen spannungsgeladenen Bewegungen entgegenlaufen und - springen. Die Fotografin wählte vor allem Pitbulls - als Kampfhunde beschrieben oder stigmatisiert -  und Schäferhunde, um Unbehagen und Angst im Betrachter auszulösen. Wo sich die Hunde befinden, ist unklar. Tina Merandon verwendet den schwarzen Hintergrund, um die Szene nicht auf einen Kontext festzulegen und für die BetrachterInnen Raum für einen Traum oder Albtraum zu geben. Die Hunde scheinen aus der Dunkelheit der Nacht zu kommen und ins hell erleuchtete Licht des Blitzes zu springen.

Greifen die Hunde an, um zu kämpfen, schlagen sie zurück, um sich zu wehren? Ihr Motiv ist nicht bekannt. Die Augen sind gerötet, die Münder aufgerissen, die Lefzen zurückgezogen, die Beiß- und Reißzahnreihen entblößt.

 

Chien n°2, 2008-2013 © Tina Mérandon

Chien n°3, 2008-2013 © Tina Mérandon

 

Die Aggression der Hunde provoziert unsere Reaktion, löst Emotion aus, weckt Ängste. Ihre Gewalttätigkeit öffnet eine Tür zu Urängsten und Albträumen, die in unserer Vorstellung lauern und nun zum Vorschein kommen: die irrationale, kindliche Angst vor dem Hundemonster ebenso wie die realistischere, alltägliche Angst vor gegenwärtiger menschlicher Gewalt. Wir sind das verängstigte Kind, der verängstigte Erwachsene, dessen unbewusste Erinnerung von der Gewalt unserer persönlichen und kollektiven Geschichte heimgesucht wird.

 

Chien n°4, 2008-2013 © Tina Mérandon

 

Violence, barbarie, radicalisation fasciste… Je ressentais depuis plusieurs années une ambiance très proche de l’entre-deux-guerres en Europe, autour de 1930. Une violence sourde ou déclarée, une situation explosive. Mes chiens expriment ce que je ressens. (zit. n. fisheymagazine)

 

"Gewalt, Barbarei, faschistische Radikalisierung ... Seit mehreren Jahren spürte ich eine Stimmung, die der Zwischenkriegszeit in Europa um 1930 sehr ähnlich war. Eine dumpfe oder offene Gewalt, eine explosive Situation. Meine Hunde drücken aus, was ich fühle", sagt Tina Merandon, als sie nach dem Ursprung ihrer Serie "Les Chiens" gefragt wird. (DeepL Translate)

 

Je voulais traduire cette peur, cette violence en images. Une manière de dépasser la narration, de se tourner vers la sensation, d’agir immédiatement sur le spectateur en le touchant par l’instinct, la force émotionnelle. (ebd.)

 

"Ich wollte diese Angst und diese Gewalt in Bilder umsetzen. Eine Art, über die Erzählung hinauszugehen, sich dem Gefühl zuzuwenden, unmittelbar auf den Betrachter einzuwirken und ihn über den Instinkt und die emotionale Kraft zu berühren", ergänzt sie. (DeepL Translate)

 

Chien n°6, 2008-2013 © Tina Mérandon

Chien n°7, 2008-2013 © Tina Mérandon

Chien n°8, 2008-2013 © Tina Mérandon

Chien n°9, 2008-2013 © Tina Mérandon

Chien n°11, 2008-2013 © Tina Mérandon

Chien n°12, 2008-2013 © Tina Mérandon

 

In all ihren Fotoserien (z.B. Boxer, Kämpfer/Ringer, Tänzerinnen) nimmt der sich bewegende menschliche oder tierische Körper und seine Empfindungen einen wichtigen Platz ein. Sie erforscht die Mechanismen menschlicher Interaktion: Dialoge und Konfrontationen stehen als Themen im Mittelpunkt. Was hat der Körper mit der individuellen und kollektiven Geschichte zu tun? Was sind die Bedingungen oder Umstände des Menschseins? Was ist die Natur des Menschen? Wie gestalten sich Machtverhältnisse auf politischer, sozialer oder privater Ebene?

Dabei arbeitet sie häufig in den nördlichen Vororten von Paris, im "93". Die Bevölkerung ist dort sehr jung und der Anteil der Einwanderer ist einer der höchsten in Frankreich. Im Oktober/November 2005 geriet das Département überdies aufgrund eskalierender, tagelanger Krawalle in die Schlagzeilen. Die explosive Gewalt der Serie "Les Chiens", die in Zusammenarbeit mit professionellen Hunde-Trainern entstand, kann auch als Metapher für die Aggressivität und Frustration der Vorstadtjugend gelesen werden.

 

Chien n°13, 2008-2013 © Tina Mérandon

 

In "Anima" (2014) und "Fratres" (2015-2016) ist es die Verbindung zwischen Kind/Mensch und Tier, die Komplizenschaft, die verschmelzende Seite ihrer Beziehung, die von der Fotografin erforscht wird. Sie zeigt Momente der Anmut, in denen der Körper des Kindes und der seines Tieres zu verschmelzen scheinen, als würden die beiden Körper zu einem einzigen werden und so die Grenze zwischen Menschlichkeit und Tierlichkeit brüchig machen.

 

Ce qui m’intéresse, c’est le mimétisme, l’osmose entre l’homme et l’animal, comment l’un imprègne l’autre, et réciproquement. Cela questionne l’identité de l’homme dans une société très virtuelle, très déconnectée, avec en même temps des résurgences tribales et primaires. (ebd.)

 

"Was mich interessiert, ist die Mimikry, die Osmose zwischen Mensch und Tier, wie das eine das andere durchdringt und umgekehrt. Es stellt die Identität des Menschen in einer sehr virtuellen, sehr unverbundenen Gesellschaft in Frage, mit gleichzeitig tribalen und primitiven Wiederbelebungen." (DeepL Translate)

 

Anima II n°6, 2014 © Tina Mérandon

Fratres n°14, 2015-2016 © Tina Merandon

 

Tina Merandon (*1963) lebt und arbeitet in Paris. Ihre Fotoserien werden regelmäßig national und international ausgestellt und sind Teil öffentlicher und privater Sammlungen.
 

alle Fotos © Tina Merandon

 

Fotografie
13. Dezember 2021 - 11:16

Er konnte jeden Tag denselben Spaziergang machen und an demselben Stück Gras schnuppern, und es war, als wäre es das beste Stück Gras, das er je geschnuppert hatte. Jeder Tag war ein großer Tag für Benny.

 

Die Fotoserie "Benny Was A Good Boy" von Catherine Panebianco, die das letzte Jahr ihres altersschwachen Hundes zeigt, bewegt und trifft mich unvermittelt. Sie ist melancholisch und deutet Abschied, Vergehen und Vergänglichkeit bereits in jedem einzelnen Foto der Hommage an ihren besten Freund an. Sie  ist auch formal ausgezeichnet: die Hell-Dunkel-Kontraste, Diagonalen, Formkongruenzen ...

 

Benny Was A Good Boy 1 © Catherine Panebianco

 

Streicheln und das Erinnern vorwegnehmen.

 

Benny Was A Good Boy 2 © Catherine Panebianco

 

Ruhen und Spazieren.

 

Benny Was A Good Boy 3 © Catherine Panebianco

 

Schlafen; der Schlaf als kleiner Bruder des Todes; dazu Arthur Schopenhauer: "Jeder Tag ist ein kleines Leben: jedes Aufwachen und Aufstehen eine kleine Geburt, jeder frische Morgen eine kleine Jugend, jedes Ausruhen und Schlafen ein wenig Tod."

 

Benny Was A Good Boy 4 © Catherine Panebianco

 

Winter: Das Jahr geht zur Neige, neige (frz.) = Schnee, der Schnee schmilzt.

 

Benny Was A Good Boy 5 © Catherine Panebianco

 

Neugierig um die Ecke schielen, um die Ecke biegen.

 

Benny Was A Good Boy 6 © Catherine Panebianco

 

Gerade warst du noch da!

 

Benny Was A Good Boy 7 © Catherine Panebianco

 

Länger werdende Schatten künden vom Ende des Tages.

 

Benny Was A Good Boy 8 © Catherine Panebianco

 

Pfotenabdrücke sind Spuren des Vergangenen, die nassen Abdrücke trocknen und verschwinden.

 

Benny Was A Good Boy 9 © Catherine Panebianco

 

Ein Kreis aus Licht und eine Spur im Schnee.

 

Benny Was A Good Boy 10 © Catherine Panebianco

 

Bens in Gips gegossenen Pfotenabdruck berühren - seinen Tod vorwegnehmend/antizipierend.

 

Benny Was A Good Boy 11 © Catherine Panebianco

 

Ins Licht gehen! (Das Stoppschild ist prosaisch.)

 

Catherine Panebianco hat das letzte Lebensjahr ihres vierzehnjährigen Benny fotografisch begleitet. Sie ging jeden Tag zweimal mit ihm spazieren, zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter erlebten sie gemeinsam Abenteuer. Doch wie so oft bei Hunden lag die wahre Schönheit des Lebens mit Benny in den alltäglichen Momenten dazwischen, die Menschen manchmal zu genießen vergessen.

Sie legte ihre Kamera beiseite und verwendete ihr Smartphone, um die intimen, besonderen Momente in ihrer Beziehung festzuhalten. Das Handy war unmittelbarer und verbindender und die Künstlerin schoss verschwommene, körnige Schwarz-Weiß-Fotos, die eine in sich geschlossene Stimmung erzeugten. Was als Chronik begann, wurde die fotografische Geschichte eines langen Abschieds Die Präsentation der Bilder als Diptychen unterstrich die Beziehung des Paares zusätzlich.

Für mich gibt es nichts Liebenswürdigeres als einen alten Hund - matte Augen, grauweiße Schnauzen, steifer Gang - nicht ansatzweise könnte da ein Welpe mithalten. Meine Hedy ist inzwischen elf Jahre alt und immer öfter quält mich der Gedanke, wie lange sie noch leben wird. Der Wunsch, jeden Tag zu etwas Besonderem werden zu lassen, keine gemeinsame Zeit zu verschwenden, wird dringlicher.

Man verliere niemanden ganz, da man die guten Erinnerungen an einen geliebten Menschen, an ein geliebtes Tier behält. Sie bleiben als Schnappschüsse in unserem Gedächtnis, meint die Fotografin. Widerspruch! sage ich, die schon zweimal den Tod eigener Hunde miterleben musste. Der Schmerz über den Verlust nimmt nicht ab, allerdings verblasst die Erinnerung - wir vergessen - was den Schmerz noch vermehrt. Fotografien helfen den Erinnerungen auf die Sprünge. Die Fotos unserer Hunde werden zu einer Erinnerung, nicht an das, was wir verloren haben, sondern an das, was wir hatten.

Dazu passt ein Lied, das ich seit ein paar Wochen fast täglich höre und das mich tröstet, obwohl ich dabei immer weinen muss. Ich denke dabei an Rocco, Lucy, Arrak, Georg und alle anderen betrauerten und unbetrauerten Hunde der Welt.

 

 

 

 

Da die meisten LeserInnen des Blogs vermutlich kein Kärntnerisch verstehen, kommt als kleine Hilfestellung meine Übersetzung von Fuzzman ins Umgangssprachliche:

laufen und lachen

du wirst laufen und lachen und huhu wirst du schreien / und tu mir was äsen (?), wirst du sagen / und die wiesen werden blühen und hoch hinauf wirst du steigen / dort wo nichts jemals zu klein ist was zählt

du wirst springen und jauchzen und du fröhlich wirst du sein / und dich freuen, dass es das alles gibt / wir werden singen und tanzen so wild und so weit / und du bist wieder mitten da drin

dir wird nie mehr was weh tun und nie mehr was fehlen / und du brauchst auch nie wieder einen schuh / es wird alles ganz leicht und es wird wieder schön / und ich wünsch deiner seele jetzt ruhe / deiner seele jetzt für immer ruhe

 

LP/CD Fuzzman: Vernunft, 2021

alle Fotos © Catherine Panebianco

 

Fotografie
6. Dezember 2021 - 12:48

Linda Brant untersucht in ihrer künstlerischen Arbeit (Fotografie, Skulptur, Kunst im öffentlichen Raum und interaktive Projekte) die Art und Weise wie Menschen nichtmenschliche Tiere nach ihrem Tod ehren oder nicht ehren. Während Haustiere häufig betrauert werden, sterben "Nutziere", Wildtiere und Labortiere praktisch unbemerkt und unbetrauert. Was macht eine Tierart der Trauer würdig, eine andere unwürdig? Welche Auswirkungen haben unsere Werte und Urteile über nichtmenschliche Tiere auf die Menschheit?

In ihrem Pet Cemetery Project dokumentiert Linda Brant Grabsteine auf Haustierfriedhöfen in ländlichen und vorstädtischen Gebieten Floridas und kombiniert sie mit Bildern ausgebeuteter Tiere. Die Bildpaare weisen auf Ungereimtheiten und Widersprüche in unseren Beziehungen zu unterschiedlichen Tieren hin.

 

Gracie © Linda Brant

 

Die Künstlerin kombiniert ein Foto des Grabes von Gracie mit einem Bild von zwei Gorillas im Zoo von San Diego; die Mutter untersucht ein i-Pad, das in das Gehege gefallen ist.

 

Pepper © Linda Brant

 

Sie kombiniert das Foto des Grabes von Pepper mit einem Bild eines Zirkuselefanten, der auf einem Ball balanciert.

 

 

Mourned and Unmourned, ein interaktives Kunstprojekt, fand am 25. April 2015 in Orlando/Florida statt. Einmal im Jahr kommt die Gemeinde von Orlando zusammen, um ihrer verstorbenen Hunde zu gedenken. Dabei werden Papierlaternen mit Fotos, Zeichnungen und Botschaften verziert und in der Abenddämmerung auf den See gesetzt. Linda Brants Projekt fand im Rahmen dieser Veranstaltung statt. Sie recycelte die Papierlaternen von früheren Gedenkfeiern und schuf 68 Collagen, die die betrauerten Hunde und ihre fortdauernde Präsenz in unserem Leben darstellen. Doch was ist mit den nicht betrauerten und unbekannten Hunden?  2014 wurden 1583 Hunde von den Orange County Animal Services eingeschläfert.  Die Öffentlichkeit war eingeladen, der Künstlerin beim Aufhängen von 1583 Hundemarken zu helfen, die jeweils mit dem Wort Unknown beschriftet waren. Die Marken für die namenlosen Hunde hingen über den Collagen für die betrauerten Hunde: An alle wurde gedacht.

Auch wenn es nichts mit Hunden zu tun hat, möchte ich ein weiteres Projekt von Linda Brant vorstellen: Auf dem Hartsdale Pet Cemetery in New York hat die Künstlerin eine besondere Gedenkstätte für Nutztiere errichtet. Das Projekt To Animals We Do Not Mourn begann 2015, als Brant das erste von zwei Kreativitätsstipendien der Culture and Animals Foundation erhielt, deren Aufgabe es ist, Künstler und Stipendiaten dabei zu unterstützen, unser Verständnis und unser Engagement für Tiere zu fördern.

Das Mahnmal ist den Tieren gewidmet, die wir normalerweise nicht betrauern, den namenlosen Rindern, Hühnern, Truthähnen, Schweinen und Schafen. Es ist sowohl ein Mahnmal, ein Kunstwerk als auch ein eindringliches Statement für die Notwendigkeit einer größeren Achtsamkeit beim Umgang mit diesen Individuen.

Das Denkmal besteht aus einer sanft geschwungenen, aufrechten Granittafel mit einem gegossenen Rinderschädel in der Mitte.

 

Frontalansicht des Mahnmals © Linda Brant

 

Ein von Hand facettierter Quarzkristall ist an der Stelle platziert, wo das Bolzenschussgerät beim Töten zwischen die Augen geschossen wird. Der Kristall fungiert als Symbol und verwandelt den Ort des Schmerzes in einen Aufruf zum Mitgefühl.

 

Detailansicht des Mahnmals © Linda Brant

 

Das Denkmal wurde am 26. Oktober 2018 auf dem Hartsdale Pet Cemetery aufgestellt. Am 18. Mai 2019 enthüllen Mia MacDonald (Culture and Animals Foundation), Linda Brant und Ed Martin (Haertsdale Pet Cemetary) das Mahnmal. Es befindet sich in der Mitte des Friedhofs in der Nähe des War Dog Memorials, das 1923 aufgestellt wurde. Der 1896 gegründete Haustierfriedhof Hartsdale ist als "The Peaceable Kingdom" bekannt, weil dort alle Tierarten willkommen sind. Er ist der älteste bekannte Haustierfriedhof in den Vereinigten Staaten und steht auf der Liste des National Register of Historic Places.

 

Enthüllung des Mahnmals

Detailansicht des Mahnmals © Linda Brant

 

Jeder Besucher, der die Botschaft des Mahnmals unterstützt, kann einen Stein an seinem Sockel hinterlassen. Die Steine werden gesammelt und bilden die Grundlage für ein neues Mahnmal für die Unbetrauerten. 

Linda Brant lebt und arbeitet als bildende Künstlerin und klinische Psychologin in Orlando/Florida/USA. Sie unterhält eine Privatpraxis und lehrt am Ringling College of Art and Design und an der Saybrook University.

 

30. November 2021 - 13:08

© Aleksey Myakishev

 

Und wieder ein Hund in der Nacht! Nach Rom und Georgien jetzt also Russland.

Das Foto bildet eine Ausnahme im monochromen Schwarz-Weiß des russischen Fotografen und Fotojournalisten Aleksey Myakishev: Es ist ein Farbfoto!

Ich habe mich durch Hunderte seiner Schwarz-Weiß-Fotos über Gebiete im nördlichen Russland geklickt. Assoziationen und Gefühle, die beim Betrachten kommen sind Kälte, Winter, Armut, weite Landschaft, dünne Besiedlung, Einsamkeit, aber auch eine gewisse Zeitlosigkeit. Die Fotos scheinen aus der Zeit gefallen: Nichts Modernes stört das Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt. Myakishev will zeigen, dass das Leben im russischen Dorf in Harmonie zur Natur erfolgt.

Seine teilweise sehr umfangreichen und über einen langen Zeitraum entstandenen Serien sind wie epische Gedichte über die Regionen, Chroniken des bäuerlichen Lebens. In Vyatka fängt Aleksey Myakishev zwei Jahrzehnte (1993-2003) die einfachen Momente des Alltags ein. Aus jedem Foto spricht die Nähe und Verbundenheit zu den Menschen, erkennt man, dass die Sicht des Fotografen von Liebe für die Menschen durchdrungen ist. Die Langfristigkeit des Projekts bedingt es, dass der Fotograf mitfühlender Teil der Welt wird, die er visuell beschreibt.

 

Vyatka © Aleksey Myakishev

Vyatka © Aleksey Myakishev

© Aleksey Myakishev

© Aleksey Myakishev

 

Am Ufer eines Sees liegt das kleine Dorf Kolodozero, eingebettet zwischen Karelien und der Oblast Archangelsk im Nordwesten Russlands (eine Oblast ist eine Föderationseinheit ausgestattet mit einer administrativen Autonomie). Die Einwohner leben vom Holzfällen, Fischen, Jagen, der landwirtschaftlichen Selbstversorgung und dem Sammeln von Metallschrott, der vor Ort verkauft wird. "Das Leben in Kolodozero ist nichts für Zartbesaitete", schreibt Myakishev, doch auch, dass der Ort etwas Besonderes ist.

Was bedeutet es, Jahreszeiten zu spüren? Den Geruch von Schnee, Wasser und Gras wahrzunehmen; in Kolodozero atmet die Natur, es ist ein Ort, "an dem die Seele singt". Zu jeder Jahreszeit kehrt der Fortograf zurück. Die Fotoserie entstand zwischen 2011 und 2015.

 

Das Plätschern des Wassers, das Rascheln der Grashalme und der Wind bewegen mich so, dass ich das Gefühl der Freude in mir kaum unterdrücken kann. Und dann, in einem Wimpernschlag, wird mir klar, dass ich zu Hause bin, und ich fühle, dass ich verstehe, woher ich komme. (Aleksey Myakishev)

 

Aleksey Myakishev bewundert die Natur an diesen Orten im russischen Nordwesten. Ihre Stille, Schönheit und Erhabenheit inspirieren ihn.

 

Nach mehreren Jahren der Wanderschaft (...) habe ich verstanden, dass ich eine erstaunliche, unberührte Welt der rätselhaften russischen Seele berührt habe. (Aleksey Myakishev)

 

Koldozero © Aleksey Myakishev

Koldozero © Aleksey Myakishev

Koldozero © Aleksey Myakishev

 

Was auf seinen poetischen, stillen, schwermütigen, aber ausdrucksstarken Aufnahmen als Melancholie erscheint, beruht nicht auf einer Sehnsucht nach der UdSSR, sondern viel mehr auf dem Studium seiner Vorbilder, das der Autodidakt während der UdSSR in der Stadtbibliothek vorgenommen hat. Er erlernte die Fotografie durch das Durchforsten von Büchern über bildende Künstler wie Edgar Degas und Matisse, die er damals für erstaunlich fotografische Künstler hielt. Auch Sergei Lobowikow, ein russischer Fotograf des frühen 20. Jahrhunderts, hat ihn stark beeinflusst, aber auch Henri Cartier-Bresson und Robert Frank waren ihm bekannt. Von ihnen inspiriert entwickelte er einen Stil, der die Tradition des entscheidenden Augenblicks fortsetzte und sie mit einem tiefen Einfühlungsvermögen für seine Motive verband.

 

Kyrgyzstan © Aleksey Myakishev

Sakhalin © Aleksey Myakishev

Sakhalin © Aleksey Myakishev

Sakhalin © Aleksey Myakishev

Sakhalin © Aleksey Myakishev

Sakhalin © Aleksey Myakishev

 

Schon 1985 begann Aleksey mit dem für ihn erschwinglichen Schwarz-Weiß-Film zu arbeiten, der ihn die Magie der Fotografie spüren ließ: Die Magie, die sich in der Unvorhersehbarkeit des Ergebnisses auf Film niederschlägt, sowie die Magie beim Prozess des Entwickelns.

ihn interessante, inspirierende Region, dort improvisiert er, verlässt er sich auf sein Glück und seine Intuition. 30-40 Filme pro Aufenthalt entstehen, meditative Routine (entwickeln, scannen, drucken ...) folgt, das Material muss den Test der Zeit bestehen. Aus manchen Serien wird ein Buch, ein taktiles Ergebnis jahrelanger harter Arbeit.

Aleksey Myakishev (*1971 in Kirov/Vyatka/UdSSR) arbeitet seit 1991 als professioneller Fotojournalist. Im Jahr 1999 zog er nach Moskau und wurde freiberuflicher Fotograf. Seine Arbeiten wurden in Zeitschriften in Russland und Finnland veröffentlicht und hängen in zahlreichen Privatsammlungen. Er präsentiert seine Fotos in Einzelausstellungen in Russland und Europa.

Er gehört einer humanistischen Fotografie an, die sich dem Menschen in seinem täglichen Leben und Umfeld und mit all seinen Emotionen widmet, und ohne Inszenierung und Künstlichkeit auskommt. Die Themen sind mannigfaltig, aber die Frage bleibt: Was macht uns menschlich, was ist der gemeinsame Nenner der Menschlichkeit?

 

Solovki © Aleksey Myakishev

Solovki © Aleksey Myakishev

 

Das untere Bild muss ich Ihnen einfach zeigen! Es schaut aus, als wäre Erwin Wurm in Russlands Norden vorbeigekommen.

 

© Aleksey Myakishev

 

Quellen: leica, inframe, Photographic Encounters Friends of the Albert-Kahn Museum

alle Fotos © Aleksey Myakishev

 

Fotografie
27. Juni 2021 - 10:54

Together again, 2017 © Hayden Fowler

 

Sein Interesse an der Abkehr der Menschheit von der Natur begleitet den neuseeländischen Künstler Hayden Fowler seit seiner Kindheit. Der Wunsch, die Auswirkungen dieser Entfremdung zu erforschen, hat ihn für sein Studium und seine künstlerische Praxis motiviert. Hayden Fowler begann sein Studium der Biologie, Ökologie und Verhaltensforschung in seiner neuseeländischen Heimat, bevor er nach Sydney zur University of New South Wales Art & Design ging. In den folgenden sechs Jahren absolvierte er ein Studium der bildenden Kunst und begann, sich in der Kunstszene von Sydney zu etablieren. Er nutzt dabei seinen wissenschaftlichen Hintergrund für die Entwicklung seiner künstlerischen Projekte.

2018 absolvierte Hayden Fowler einen einjährigen Aufenthalt im Künstlerhaus Bethanien in Berlin, das sich der Förderung der zeitgenössischen bildenden Kunst widmet.

In seinen komplexen Installationen greift Fowler Ideen aus Biologie, Verhaltens- und Zukunftsforschung auf und schafft Versuchsanordnungen, die von Verlust, Hoffnung und der komplizierten, immer neu zu hinterfragenden Beziehung zwischen Mensch und Natur erzählen. Besonders geht er der Frage nach den kulturellen, spirituellen emotionalen und psychischen Auswirkungen des Artensterbens nach und erforscht, wie Umweltzerstörung ein Ausdruck des Verlusts unserer Beziehung zur Natur ist. Er setzt die Zerstörung der Umwelt mit der Degradierung der Kultur und der Denaturierung der Menschheit in Beziehung. Seine Arbeit und Forschung thematisiert die historischen Einflüsse, die dazu geführt haben ebenso, wie sie einen fiktiven Ausblick auf die Zukunft wagt.

Seine Praxis konzentriert sich auf die Schaffung detaillierter Sets und Dioramen, die Szenen von unberührten futuristischen Innenräumen bis hin zu postapokalyptischen Landschaften darstellen. In diesen aufwändigen Sets choreografiert er menschliche und tierische Subjekte. Methodisch verknüpft er innerhalb dieser fiktiven Räume verschiedene Medien, von Fotografie über Video bis hin zu Performance und Skulptur.

Zurzeit ist er mit einer Arbeit bei der Ausstellung "Ruhr Ding: Klima" vertreten. Ziel ist es, den durch theoretische, wissenschaftliche und journalistische Debatten geprägten Klimadiskurs, um künstlerische Sichtweisen zu ergänzen und zu erweitern. Auf dem Gelände der stillgelegten Zeche General Blumenthal in Recklinghausen legt Fowler eine künstliche Landschaft an. In einer geodätischen Kuppel - einem Gewölbe aus einer Vielzahl aneinandergefügter Dreiecke - sollen Pflanzenarten, die in der durch Schwerindustrie gezeichneten Region bereits ausgestorben sind, zu neuem Leben erwachen.

National und international bekannt wurde Hayden 2007 mit der Arbeit "Call of the Wild" bei der er sich ein Paar ausgestorbener Huia-Vögel über die gesamte Fläche seines Rückens tätowieren ließ. Bereits bei dieser Arbeit verschmolz seine Sorge über das zunehmende Aussterben von Pflanzen und Tieren mit seinem Bewusstsein für die Kraft der Performance-Kunst.

"Together Again" (2017) ist eine Virtual-Reality-Landschaftsinstallation und Live-Performance, die erstmals bei Performance Contemporary im Rahmen von Sydney Contemporary 2017, Carriageworks, Sydney, gezeigt wurde.

Die Beziehung zwischen Fowler und einem australischen Dingo wird nicht in seinem natürlichen Habitat, sondern im Kunstkontext gezeigt und erforscht.

 

 

Together again, 2017 © Hayden Fowler

 

Der Dingo (Canis lupus dingo) ist ein Haushund, der schon vor Jahrtausenden verwilderte und heute in vielen Teilen seines Verbreitungsgebietes, vor allem in Australien, vom Menschen völlig unabhängig lebt. Er ist eine einzigartige Spezies mit einer bedeutenden Geschichte und einem bedeutenden Platz innerhalb des australischen Imaginären.

 

Together again, 2017 © Hayden Fowler

 

Der Dingo und der Künstler besetzen während der vierstündigen Performance gemeinsam einen großen Käfig. Eine Virtual-Reality-Brille lässt Fowler in eine idyllische australische Landschaft eintauchen, während die Bewegungen des Dingos, der mit einem VR-Tracker ausgestattet ist, in die VR-Installation übertragen werden. So können Tier und Mensch in dieser digitalen Neuinterpretation der "Wildnis" "koexistieren".

 

Together again, 2017 © Hayden Fowler

 

Der Titel "Together Again“ täuscht über die Trennung zwischen der virtuellen Welt (eine generisch schöne australische Outback-Landschaft) und der physischen Realität des Raums der Ausstellung und der Performance hinweg. Während der Dingo, der einen VR-Tracker trägt, und der Mensch, der eine VR-Brille trägt, den Käfig physisch durchstreifen, werden ihre Bewegungen direkt in der virtuellen Welt abgebildet.

 

Together again, 2017 © Hayden Fowler

 

The project has developed out of my ongoing concern with the accelerating process of extinction and the relationship between environmental loss and the depletion of human culture and qualitative experience. In particular, the project explores desires for reunion with nature, in the face of the looming impossibilities of this in a near-future world. Research in the development of the project explores indigenous world views, animism, biophilia and the ‘indigenous mind’ (a trait argued to be innate to all humans, instinctively desiring a communal relationship with the rest of nature) as counters to dominant Western thinking.(Hayden Fowler, 2017)

"Das Projekt hat sich aus meiner anhaltenden Beschäftigung mit dem sich beschleunigenden Prozess des Aussterbens und der Beziehung zwischen dem Verlust der Umwelt und der Verarmung der menschlichen Kultur und qualitativen Erfahrung entwickelt. Insbesondere erforscht das Projekt die Sehnsucht nach einer Wiedervereinigung mit der Natur angesichts der sich abzeichnenden Unmöglichkeit einer solchen in einer Welt der nahen Zukunft. Die Forschung während der Entwicklung des Projekts erkundet indigene Weltanschauungen, Animismus, Biophilie und den 'indigenen Geist' (eine Eigenschaft, von der behauptet wird, dass sie allen Menschen angeboren ist, die instinktiv eine gemeinschaftliche Beziehung mit dem Rest der Natur anstreben) als Gegenpol zum dominanten westlichen Denken." (Hayden Fowler, 2017)

 

(Die Biophilie ist nach Erich Fromm die leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen. Edward O. Wilson definiert die Biophilie als "the innate tendency to focus on life and lifelike processes" (vgl. Wikipedia). Seine Idee wird auch zum Ausgangspunkt umweltethischer Überlegungen wie der Conservation Ethic, nach der das Leben und die Artenvielfalt bewahrt und geschützt werden sollte. Ich nehme an, dass sich Hayden Fowler darauf bezieht.

Über seine Motivation zu "Together Again" sagt der Künstler, dass sich die Welt mit einem drohenden Tod des Alten konfrontiert sehe, sowohl in der menschlichen Kultur als auch in der Umwelt, wo die verzögerten Effekte der Moderne und die Beschleunigung der technologischen Industrialisierung zum Tragen kämen. Wir befänden uns an einem kritischen Kipppunkt der Auslöschung und des Verlustes unserer uralten Beziehungen und unserer physischen Erfahrung der Natur und insbesondere der Wildnis.

 

Together again, 2017 © Hayden Fowler

Together again, 2017 © Hayden Fowler

Together again, 2017 © Hayden Fowler

 

Fowlers Projekt wurde im März 2018 in der Zeitschrift Artlink vorgestellt. Im Editorial der Ausgabe stellt die Chefredakteurin Eve Sullivan einen Zusammenhang der Arbeit zu Barbara Creeds „Stray: Human-Animal Ethics in the Anthropocene“ her. Creed, die für ihren Beitrag zur Filmwissenschaft und zum feministischen Denken im Allgemeinen bekannt ist, hat in den letzten Jahren hat ihre Aufmerksamkeit auf das Leben nicht-menschlicher Tiere gerichtet und auf die vielfältigen Möglichkeiten, wie Menschen mit ihren nicht-menschlichen Verwandten umgehen, sie unterdrücken und von ihnen lernen können. Sie fordert gegenseitigen Respekt und Empathie, die darauf basieren, mit und nicht nur auf Tiere zu schauen.

In diesem Sinn kann man Fowlers Arbeit als künstlerische Übersetzung ihrer "Streuner-Ethik" - die Co-Abhängigkeit zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren in Zeiten der Bedrohung und Verlassenheit - bezeichnen.

Wahrscheinlich ist Ihnen auch sofort Joseph Beuys und der Kojote eingefallen. Da heuer Beuys 100. Geburtstag wäre, ist sein Werk auch in vielen Ausstellungen gegenwärtig. Auch Susan Ballard geht bei ihrer Beschreibung von Fowlers Performence kurz auf Beuys ein. Ich folge den Ausführungen ihres Aufsatzes "Heading for trouble: Non-human futures in recent art".

Inmitten des Lärms und des Verkehrs einer Kunstmesse gibt es in diesem abgeschlossenen Raum bei Sydney Contemporary eine einzige, weich gepolsterte Plattform, auf der sich Mensch und Dingo gemeinsam aufhalten. Trotz und vielleicht gerade wegen der räumlichen Beschränkungen stehen der Künstler und das Tier eindeutig in einer Beziehung der Intimität. Joseph Beuys' kämpferisches Einsperren von Mensch und Kojote in einem Galerieraum für die Aktion "I Like America and America Likes Me" (1974) wird hier durch eine Beziehung des scheinbaren gegenseitigen Nutzens ersetzt, die durch sanfte Berührung und langsame Bewegung definiert ist. Der Käfig erscheint trostlos, aber die virtuelle Welt ist erfüllt von Farbe, Licht und der scheinbaren Pracht der Natur, die durch Dingoaugen imaginiert wird. Doch auch die Grenzen dieser Welt sind offensichtlich; nachdem immer wieder dieselben drei Kakadus vorbeifliegen, flacht das visionäre Erlebnis ab. Fowler befindet sich innerhalb dieses Endspiels der Natur, die durch die flachen Ebenen der Wiederholung als ausgedünnte, künstlich destillierte Erfahrung abgebildet wird. Der reduzierten Erfahrung wird der restaurative Trost der Mensch-Dingo-Beziehung mit artübergreifender Kommunikation entgegengesetzt, der den Weg nach vorne weist.

 

 

Together again, 2017 © Hayden Fowler

Together again, 2017 © Hayden Fowler

 

 

 

Diese Arbeit wurde im Garage Museum in Moskau mit einer russischen Landschaft und einem europäischen Wolf wiederholt. Die Zuschauer konnten das VR-Erlebnis über einen Monitor verfolgen, der Fowlers Live-Ansicht übertrug.

 

Together again, 2019 © Hayden Fowler

Together again, 2019 © Hayden Fowler

Together again, 2019 © Hayden Fowler

Together again, 2019 © Hayden Fowler

Together again, 2019 © Hayden Fowler

Together again, 2019 © Hayden Fowler

 

Auch mit  "Captive born" (2020) zeigt der Künstler eine poetische, ritualbasierte Performance, die die Zukunft neu imaginiert und modelliert und versucht historische und systemische Machtstrukturen aufzudecken und aufzubrechen. Bereits der Titel zeigt die Herrschaft des Menschen über das Tier, in Gefangenschaft geboren und zumeist gestorben.
 

 

Captive born, 2020 © Hayden Fowler

 

Ein australischer Dingo - als Exponent einer immer noch erinnerten Wildnis - ist in einem antiquierten Zoo-Gehege eingesperrt. Das Gehege verweist auf die jüngere Geschichte menschlicher Herrschaft und Expansion, symbolisiert durch botanische und zoologische Sammlungen, die verblasste Überbleibsel der Aufklärung sind. Isoliert in seinem konkreten Lebensraum, kommuniziert der Blick des Tieres einen Widerstand gegen die Unterwerfung.

 

Hayden Fowler (*1973 in Te Awamutu/ Neuseeland) lebt in Berlin und Sydney.