Fotografie

19. Februar 2018 - 13:00

Es gibt Fotoserien von Hunden, die ihr nasses Fell ausschütteln, in die Luft springen, sich im Hintergrund tarnen oder auf Objekten balancieren.

Doch alle, die Ihren Hund selbst oft und gerne fotografieren, wissen: Nichts ist schwieriger, als ihn frontal aufzunehmen. Denn der Hund schaut nicht gerne in die Kamera. Sie irritiert ihn. Und alles was ihn irritiert, beschwichtigt er. Er dreht den Kopf zur Seite, fährt sich mit der Zunge über die Lippen, gähnt, schließt die Augen. Es wird ein bisschen eng für den Hund, und das zeigt er uns.

Allen, die diese körpersprachlichen Signale ihres Hundes besser kennenlernen wollen, sei ein grundlegendes und unverzichtbares Buch ans Herz gelegt: Turid Rugaas: Calming Signals – Die Beschwichtigungssignale der Hunde.

Soweit zur "Pflicht" in der Hundebuchsammlung. Doch kommen wir nun zur "Kür": Sit - von Matt Karwen.

 

Sit © Matt Karwen

 

 

Der in Berlin lebende Fotograf Matt Karwen hat mit Einfühlungsvermögen und Geduld und Geduld und Geduld das Kunststück zuwege gebracht, die Hunde frontal zu fotografieren und sie dabei gelassen, stoisch, entspannt aussehen zu lassen. Purer Hund ohne Zierrat oder Kunststück, Verniedlichung oder Überhöhung.

Die Komposition ist klar und eindeutig, komplex ist hingegen die Persönlichkeit des Hundes, der vor dem weißen Hintergrund Raum zur Entfaltung gegeben wird. Was können wir nicht alles in diesen Gesichtern entdecken: Aufmerksamkeit, Neugier, Staunen und Intelligenz.

 

Sit © Matt Karwen

Sit © Matt Karwen

Sit © Matt Karwen

Sit © Matt Karwen

Sit © Matt Karwen

Sit © Matt Karwen

Sit © Matt Karwen

Sit © Matt Karwen

Sit © Matt Karwen

Sit © Matt Karwen

Sit © Matt Karwen

Sit © Matt Karwen

Sit © Matt Karwen

Sit © Matt Karwen

 

Und hier die Hundefotos im Schnelldurchlauf. Unbedingt ansehen!

Das Buch: Matt Karwen - Sit

Die Instagram-Seite zum Buch

alle Fotos © Matt Karwen

 

Buch, Fotografie
14. Februar 2018 - 16:53

Eine stille Meeresoberfläche. Ein Wellenbrecher. Sonne fällt auf Schnee. Dunkelheit senkt sich herab.

Was sind Ihre ersten Empfindungen beim Betrachten dieser Fotografien? Welche Stimmung und Assoziationen lösen sie aus? Wohin leitet uns das tiefe Blau?

 

sea3 © Konrad Kehrer

abyss © Konrad Kehrer

sea and moonlight © Konrad Kehrer

fallen tree © Konrad Kehrer

plant order © Konrad Kehrer

snow © Konrad Kehrer

dark mountain © Konrad Kehrer

mountain light © Konrad Kehrer

mountain2 © Konrad Kehrer

morning mountain © Konrad Kehrer

mountain1 © Konrad Kehrer

breakers © Konrad Kehrer

 

Der österreichische Fotograf Konrad Kehrer spielt mit unserer Wahrnehmung. Seine Bildausschnitte und Bildbearbeitungen lenken uns auf eine falsche Fährte, in eine von ihm beabsichtigte Richtung.

Gleichzeitig sensibilisiert er uns für die Möglichkeit der Manipulation durch Einschränkung unseres Blicks, durch die Vorenthaltung des Kontextes. Medienkritik wird von Konrad Kehrer künstlerisch umgesetzt. Dass er für diese Umsetzung die Fellstruktur von Hunden verwendet, ist für uns HundeliebhaberInnen besonders erfreulich.

Der Künstler erklärt seine Absicht folgendermaßen:

 

Der Arbeit liegen verschiedene Überlegungen zugrunde - der zentrale Gedanke geht vom Umstand aus, dass Fotos landläufig als Beweis für das Dargestellte gesehen werden. Bilder, die uns täglich als Wahrheit in den Medien präsentiert werden, zeigen zwangsläufig nur einen Teil des Geschehens. Fotograf bzw. Bildbearbeiter zensurieren mit Hilfe des Bildausschnitts, was dem Konsumenten letztendlich gezeigt wird - wir wissen nicht, ob außerhalb des Bildrandes neben dem Mann, der die Tote betrauert, nicht noch die "smoking gun" liegt.

Hunde oder Teile von Hundekörpern als Landschaften zu inszenieren, war ein Mittel das aufzuzeigen. Der gedankliche Schritt zurück, lässt, wenn man sich Zeit nimmt und das Bild aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und Optionen in Betracht zieht, auch bei "Dogscapes" wieder den Hund in Erscheinung treten und soll zum kritischen Hinterfragen des Gesehenen anregen. Bezüglich der Form der Arbeit ist sie von Hiroshi Sugimotos "Seascapes" inspiriert, woher auch der Titel "Dogscapes" rührt.

 

alle Fotos © Konrad Kehrer

 

Fotografie
14. November 2017 - 23:00

Ein Packerl kommt © Petra Hartl

Jö! © Petra Hartl

 

Die Freude war groß, als dieses heiß ersehnte Buch-Paket aus London bei mir in Wien ankam: Really Good Dog Photography sein aussagekräftiger Titel und im feinen East Londoner Hoxton Mini Press Verlag erschienen. Das Buch zeigt fotografische Arbeiten von dreißig Künstlern und Künstlerinnen, die sich mit Hingabe und Leidenschaft der Fotografie von Hunden verschrieben haben.

 

Hedy und Buchcover © Petra Hartl

 

Die meisten der vorgestellten Fotografen und Fotografinnen sind Ihnen vermutlich bekannt, da ich sie - manche schon vor Jahren -  in meinem Blog vorgestellt habe (Charlotte Dumas, Alec Soth, Daniel Naudé, John Divola, Jo Longhurst, Erik Kessels, Nancy LeVine, Hajime Kimura).

Doch es gibt nicht nur ein Wiedersehen, sondern auch Neuentdecken von Künstlern und Künstlerinnen, die ich nicht gezeigt habe, da sie mir zu bekannt erschienen (wie William Wegman) oder mich ihr Werk so zu Tränen rührte, dass ich nicht darüber schreiben konnte (wie Traer Scott). Ein paar wenige waren auch mir unbekannt, wie etwa Tim Edgar, der die hündischen Urinspuren fotografisch sammelt oder Delphine Crépin, die alte zerkaute Hundebälle ablichtet.

 

Really Good Dog Photography © Hoxton Mini Press

Really Good Dog Photography © Hoxton Mini Press

Really Good Dog Photography © Hoxton Mini Press

Really Good Dog Photography © Hoxton Mini Press

Really Good Dog Photography © Hoxton Mini Press

Really Good Dog Photography © Hoxton Mini Press

 

Dogs and photography have gone hand in paw almost since the medium was invented and our passion remains undiminished, with pictures of adorable, bright-eyed dogs all over the internet.

The photographs in this book offer an alternative to all the fluff. They approach the dog as a dignified, intelligent and noble being, and they consider our relationship with man's best friend for the extraordinary thing it really is. Elegant, beautiful, surprising, sometimes comical, full of drama and heart, these images show the world's best-loved animal in a remarkable new light. (Hoxton Mini Press)

 

Interessant! © Petra Hartl

Jetzt bin ich müde ...r © Petra Hartl

 

Die Texte im Buch stammen von Lucy Davies, die unter anderem für den Telegraph über Kunst und Fotografie schreibt.

Herausgeber des Fotobuches ist übrigens Martin Usborne, seine Fotoserie The Silence Of Dogs In Cars habe ich bereits 2011 in einem meiner ersten Blogartikel gezeigt. Das freut mich ganz besonders!

Würde sich das wunderschön gestaltete Buch nicht als Weihnachtsgeschenk für einen Hunde-Aficionado eignen? Oder noch besser: Schreiben Sie es doch auf ihren eigenen Wunschzettel!

Das letzte Foto von Hedy ist ein bisschen unscharf, passt aber zu ihrem verträumten Blick. Gleich fallen ihr die Augen zu und sie begibt sich auf die Traumreise zu den Hunden dieser Welt.

 

Schlaft gut! © Petra Hartl

 

Bilder von "Really Good Dog Photography" (ohne Hedy) © Hoxton Mini Press

 

Buch, Fotografie
19. September 2017 - 19:40

My morning routine - coffee, paper, and a nap... © RaisingTheRuf.com

My morning routine - coffee, paper, and a nap...

 

Sara Rehnmark, eine Hunde-Fotografin aus Santa Monica in Kalifornien, zeigt uns, wie entzückend und humorvoll Fotos eines Hundes sein können, auch ohne ihn zu verkleiden. Ruf scheint vielmehr Teil einer liebevollen Montage aus Stoffen und Stofftiergefährten zu sein, die uns an seinen traumhaften Abenteuern teilhaben lässt.

 

How's it hangin'? © RaisingTheRuf.com

How's it hangin'?

This week I've been working like a dog. TGIF!!!! © RaisingTheRuf.com

This week I've been working like a dog. TGIF!!!!

Every bunny was kung fu fighting... (and some pigs, frogs and dogs too) © Raisin

Every bunny was kung fu fighting... (and some pigs, frogs and dogs too)

Dogysseus and the singing Sirens ... © RaisingTheRuf.com

Dogysseus and the singing Sirens ...

Hop over the bunny and through the woods, to Grandmother's house we go! © Raisin

Hop over the bunny and through the woods, to Grandmother's house we go!

It's a jungle out there!!! © RaisingTheRuf.com

It's a jungle out there!!!

Reindeers and chipmunks and rabbits, OH MY! © RaisingTheRuf.com

Reindeers and chipmunks and rabbits, OH MY!

Hold your horses... © RaisingTheRuf.com

Hold your horses...

 I'll get you, my pretty, and your little dog too....  © RaisingTheRuf.com

 I'll get you, my pretty, and your little dog too.... 

 

Rufus' Frauchen hofft, dass uns die Fotos des vierjährigen Pharaonenhundes zum Schmunzeln bringen, und ich hoffe, meine Auswahl aus der Serie "Adventures while sleeping" gefällt Ihnen!

Ich möchte mich an dieser Stelle bei Andrea Antoni bedanken, die mir den Link zu diesen bezaubernden Hundefotos zukommen ließ!

Noch viele andere Fotos von Rufus können Sie in Sara Rehnmarks Blog bestaunen.

alle Fotos © Sara Rehnmark/RaisingTheRuf.com

 

LeserInnen empfehlen, Fotografie
1. September 2017 - 17:20

aus der Serie: In Bed © Lisa Strömbeck

 

Die schwedische Künstlerin Lisa Strömbeck zeigt in ihrer Fotoserie "In Bed" (2015) den physischen Kontakt zwischen Tier und Mensch im Bett. Die Schönheit von schlafenden, in sich ruhenden Lebewesen interessiert sie dabei ebenso, wie das Phänomen der Ruhe, das im Bett als stillsten und intimsten Ort seinen Ausdruck findet.

Entstanden sind Fotos, die Wärme, Vertrauen und Verbundenheit ausdrücken. Ist es nicht unmöglich, sich einsam zu fühlen, wenn der Hund, der uns vorbehaltlos liebt, neben einem atmet?

 

aus der Serie: In Bed © Lisa Strömbeck

aus der Serie: In Bed © Lisa Strömbeck

aus der Serie: In Bed © Lisa Strömbeck

aus der Serie: In Bed © Lisa Strömbeck

aus der Serie: In Bed © Lisa Strömbeck

aus der Serie: In Bed © Lisa Strömbeck

 

Das letzte Bild zeigt Lisa Strömbecks Mann Niels neben ihrem alten Hund Ivan, in dessen Lieblings-Schlafposition. Im Laufe seines fast sechzehnjährigen Lebens half ihr Ivan, ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit zurückzuerlangen, das sie aus ihrer Kindheit kannte, wenn sie sich neben ihrem Hund zusammenrollte.

Als die Künstlerin 2009 auf Meg Daley Olmerts Buch "Made for Each Other – the Biology of the Human-Animal Bond” stieß, fand sie endlich das bekräftigt, was sie ohnehin fühlte. Ihre Empfindungen wurden in neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen bestätigt:

Es macht den Menschen nicht nur glücklich mit einem Hund zu leben, es ist auch gesund. Das Streicheln des Hundes stabilisiert den Blutdruck, vermindert Stress und lindert Schmerzen. Wenn wir unseren Hund streicheln, erhöht das die Produktion des Hormons Oxycotin, das uns nicht nur vertrauen lässt, sondern alle sozialen Interaktionen beeinflusst.

Lisa Strömbeck (*1966 in Andrarum/Schweden) beschäftigt sich vor allem mit den Medien Fotografie, Video und Collage. Immer wiederkehrend ist das Motiv des Tieres und die Beziehung und Hierarchie zwischen Tieren und Menschen.

Die Fotoserie "Uniform" (2008/09) zeigt unter anderem Hunde, die von Menschen gehalten werden. Dabei ähnelt die Pelzbekleidung der Menschen dem Fell der Tiere in Farbe und Textur. Auf den ersten Blick sehen wir lediglich eine einheitliches und gleichförmiges Fellkonglomerat, ergänzt durch Hände, Zungen und Augen. Vordergründig betrachtet sind die Fotos witzig und formal sehr gelungen. Doch auf den zweiten Blick sind sie ein Beispiel dafür, wie der Mensch Tiere kategorisiert (Nutztiere, Haustiere, etc.) und kulturell unterschiedlich bewertet.

Denn darauf lenkt Lisa Strömbeck unser Augenmerk: Wir verwöhnen unsere Haustiere, den anderen ziehen wir das Fell ab. Während die Empörung groß ist, wenn in China Hunde und Katzen für Pelzverbrämungen auf Kapuzen getötet werden, ist es stiller, wenn es um Pelzfarmen geht, in denen die Tiere durch Elektroschocks im Anus langsam und qualvoll sterben. (Zu dieser Fotoserie gibt es auch einen Text auf der Website der Galerie Martin Asbaek von Jane Rowley.)

 

aus der Serie: Uniform © Lisa Strömbeck

aus der Serie: Uniform © Lisa Strömbeck

aus der Serie: Uniform © Lisa Strömbeck

aus der Serie: Uniform © Lisa Strömbeck

 

Auch "In Memory of All Those Who Work Without Ever Getting a Reward" (2007/08) ist eine dreiteilige Videoarbeit über Hierarchien und Machtstrukturen zwischen Mensch und Tier. Ein kleiner Hund muss eine Wurstscheibe auf der Nase balancieren, er muss hinter einem Haufen Wurst sitzen, die er nicht essen darf und er muss liegen bleiben, während auf seinen Pfoten Salamischeiben liegen.

Die Videos erscheinen fast wie Standbilder, so wenig bewegt sich der Hund. Doch gerade weil so wenig passiert, sind sie umso eindringlicher: Mich macht diese Dressur und das darin erkennbare Machtgefälle sehr traurig und betroffen - vor allem das dritte Video, in dem der Terrier immer wieder beschwichtigend zu (s)einem Menschen blinzelt. Da die Protagonisten vor und hinter der Kamera aber vermutlich Ivan und Lisa sind, bin ich überzeugt, dass der Hund eine großzügige Belohnung erhalten hat.

 

 

Alle drei Videos sind auch auf Lisa Strömbecks Homepage zu sehen.

alle Fotos © Lisa Strömbeck

 

20. Juni 2017 - 10:27

Akihiro Furuta, Son & Olddog

 

Vor wenigen Tagen habe ich auf dem Vienna Photobook Festval ein kleines Buch gekauft: Son & Olddog. Es hat 48 Seiten und wurde vermutlich von Akihiro Furuta, dem Fotograf, selbst veröffentlicht. Es finden sich keine weiteren Angaben darin. Wie es wohl seinen Weg nach Wien gefunden hat? Es zeigt das Leben und das Sterben des Familienhundes. Schon beim Durchblättern musste ich zu weinen beginnen. Nichts bewegt mich mehr als der Tod eines Hundes.

Ich möchte Ihnen diese bewegenden, berührenden Bilder nicht vorenthalten, deshalb habe ich einige aus dem dünnen Fotobuch abfotografiert und am Rand ganz wenig beschnitten.

 

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

Akihiro Furuta, Son & Olddog

 

Furutas Hund wurde 16 Jahre alt. Er war sechs, als sein Sohn geboren wurde. Der Hund war ihm Beschützer, Spielkamerad und Freund. Mit seinem Tod hat er dem Sohn den Wert des Lebens gelehrt.

"Forever. And live happily in heaven", schreibt Furuta in einem kurzen Nachwort.

Alle Bilder habe ich aus dem Buch "Son & Olddog" abfotografiert.

Homepage von Akihiro Furuta

 

Buch, Fotografie
23. Februar 2017 - 10:48

Die Video- und Fotoarbeiten von Anna Jermolaewa bestechen durch eine unprätentiöse, prägnante Bildsprache. Doch nur vordergründig erscheinen die kurzen Filmstücke anspruchslos und schlicht. Auf den zweiten Blick entblößen sie verstörende Bedeutungsebenen: Die Filmsequenzen thematisieren die sozialen Beziehungsabläufe und Routinen unserer Gesellschaft, zeigen Macht- und Kontrollmechanismen. Dabei steht die Einfachheit der filmischen Darstellung im Gegensatz zur Hintergründigkeit ihrer Werke.

Anna Jermolaewa sieht sich nicht als Videokünstlerin im eigentlichen Sinne, da sie kaum mit dieser Technik experimentiert und das Videomaterial auch nicht durch digitale Nachbearbeitung oder Spezialeffekte manipuliert. Einzig durch den Einsatz des Loops, eines ihrer Markenzeichen, wird die gefilmte alltägliche Situation, das alltägliche Motiv potenziert.

Ich möchte drei Videoarbeiten vorstellen, die mit dem Motiv des Hundes arbeiten.

Untitled, Video, 1 min., 2004

Dieses Video bietet nur einen ersten Eindruck, in besserer Qualität und voller Länge finden Sie die Arbeit auf der Homepage der Künstlerin.

 

 

 

Wie meist in ihren Arbeiten wird der Zuschauer auch hier mit einem starren, das Geschehen strikt begrenzenden Bildausschnitt konfrontiert. Wir sehen batteriebetriebene Spielzeughuskys, deren Augen nacheinander rhythmisch zu blinken beginnen. Erst dieses Blinken verwandelt die Spielzeuge in etwas Außergewöhnliches. Verwandeln sich die Spielzeughunde, ergänzt durch den "belebenden" Ton aus dem Inneren, in Wesen, die bedrohen, ängstigen und nicht nur unterhalten? Kippt des Alltägliche und Belanglose ins Unheimliche? Oder zwinkern sie uns doch nur ironisch zu?

Von drei Seiten ist der Besucher von den blinkenden Huskys umgeben. Wird er Augen- und Ohrenzeuge einer quasi unaufhörlichen Besessenheit und Zwanghaftigkeit?

 

Ausstellungsansicht Galerie XL, Moskau, 2008
Ausstellungsansicht Galerie XL, Moskau, 2008

 

Untitled, Video, HD, 3.48 min., Loop, 2010/2012

Ein Schäferhund ist auf einem Gepäckförderband auf einem russischen Flughafen zu sehen. Er beschnüffelt, von einer Sicherheitsbeamtin instruiert, die Koffer und springt dann vom Fließband hinunter und aus unserm Blickfeld hinaus. Die statische Kamera ist quasi teilnahms- und emotionslos auf die Koffer und mit Plastik verschnürten Pakete gerichtet, die sich in der Kurve stauen, weiterschieben, auftürmen und herunterfallen.

Mein erster Gedanke war, dass es um die Funktionalisierung des Hundes für menschliche Zwecke geht. Der (Arbeits-)Hund hat in dieser Situation keine Entscheidungsgewalt über sein Tun, sondern seine Beziehung zum Menschen ist z.B. von Gehorsam oder Gefallen-Wollen geprägt, sodass er als Drogenhund benützt werden kann. Der öffentliche Ort einer Transitzone im Flughafen wird nicht nur durch Überwachungskameras kontrolliert, auch die Gepäckstücke unterliegen organisierter staatlicher Kontrolle. Die Kontrollgesellschaft hat einen Teil dieser Überwachung an den Hund abgegeben, der ungewollt zum Komplizen des Überwachungs-Staates wird.

Erst beim weiteren Betrachten fiel mir die Ähnlichkeit zum Video "Überlebensversuche" auf, in dem Spielzeug-Stehauffiguren sich immer schneller bewegen, bis sie vom Tisch hinunterfallen. Auch bei Untitled, Video, HD, 3.48 min., Loop, 2010/2012 lässt Anna Jermolaewa die Dingwelt sprechen, die Videoprotagonisten sind allerdings Gepäckstücke. Sind die Koffer Metaphern für das Weiterkommen, Auf-der-Strecke-Bleiben, Hinausfallen (aus der Gesellschaft, dem Arbeitsprozess etc.)? Die Tonspur bringt dumpfe verzerrte Geräusche der weitertransportierten Bündel auf dem Fließband und erzeugt ein Gefühl der Beklemmung.

 

Motherhood, Video, 33 sec., Loop, 1999

Leider habe ich zu diesem Video nur Filmstills gefunden, weshalb das Gezeigte für mich nicht eindeutig ist. Auch in den kunsttheoretischen Texten finden sich unterschiedliche Sichtweisen und Bewertungen. Ich habe vor allem diese Quellen verwendet: Dr. Ulrike Ritter: Narrationen gegen die Monumentalisierung des Bildes, Martin Prinzhorn: Der Blick vorbei aufs Ganze, Martin Pesch: Anna Jermolaewa sowie Texte auf Anna Jermolaewas Homepage.

Der Titel "Mutterschaft" lässt Bilder des Umsorgens, des zärtlichen Zuwendens zu den Welpen in uns entstehen, doch die Filmstills zeigen etwas anderes:

 

Anna Jermolaewa, Standbild aus dem Video Motherhood, 1999

Anna Jermolaewa, Standbild aus dem Video Motherhood, 1999

Anna Jermolaewa, Standbild aus dem Video Motherhood, 1999

Anna Jermolaewa, Standbild aus dem Video Motherhood, 1999
Anna Jermolaewa, Standbilder aus dem Video "Motherhood", 1999, Quelle mumok

 

Während die Welpen an den Zitzen einer Hündin saugen, gilt die Aufmerksamkeit der Hundemutter einer menschlichen Hand, die sie füttert. Die andere Hand hält den Hund an einer Hautfalte am Nacken fest. Dabei ist unklar, ob sich die Hundemutter von selbst dem Menschen zuwendet oder am Nacken gezogen wird.

Der fütternde und manipulierende Mensch, der an einem Tisch sitzt, bleibt für den Betrachter/die Betrachterin ebenso außerhalb des Bildausschnitts wie die Tischrunde, auf deren Gespräch er sich der konzentriert. Viele Arbeiten Anna Jermolaewas handeln von Manipulation. Die Künstlerin sagt selbst: "Wer oder was manipuliert, bleibt dabei fast immer außerhalb des Bildfeldes. Die Machtmechanismen, die ein Individuum heute beeinflussen oder lenken, werden immer feiner und unsichtbarer".

Alexandra Henning beschreibt das Video als "ein so eindringliches wie idiosynkratisches Beispiel für das Ungleichgewicht von Liebe und Zuneigung, Macht und Ohnmacht, Abhängigkeit und Manipulation" (vgl. Anna Jermolaewas Homepage)

Ich möchte mich dem anzuschließen: Wenn man die kleine Szene nicht nur kunsttheoretisch betrachtet, sondern auf die Körpersprache der Hündin achtet, bemerkt man, dass sie die Ohren zurücklegt, also zumindest Unbehagen ausdrückt. Die menschliche Berührung ist ihr unangenehm. Trotzdem nimmt sie das Futter an.

Die Videostills bzw. das Video zeichnen in ihrem unklaren Beziehungsgeflecht der Abhängigkeiten ein deprimierendes, hoffnungsloses Bild, das durch unser unbeteiligtes Betrachten umso dramatischer wird.

Die mit 17 Jahren aus Russland geflohene Anna Jermolaewa (geb.1970 in St.Petersburg) studierte in Wien Kunstgeschichte und anschließend bei Peter Kogler an der Akademie der bildenden Künste. Einem größeren Publikum wurde sie 1999 durch Teilnahme an der Biennale Venedig bekannt.

Homepage von Anna Jermolaewa

 

Fotografie, Video
17. Januar 2017 - 8:23

Das ist Burschi!

 

Peter Dressler, Aus Zwischenspiel, 1970-74 © Fotohof Archiv

 

Ihn hat der große österreichische Flaneur und Fotograf Peter Dressler auf seinen Streifzügen durch Wien aufgenommen. Gibt es ein besseres Beispiel für einen Hund der 1970er Jahre als diesen Mix, der uns mit intelligenten Augen, ein bisschen misstrauisch und fragend anblickt und dessen kompakter Körper schon damals ein Brustgeschirr trug? Wohl kaum! (Heute ist auch Wien überwiegend von Möpsen und Französischen Bulldoggen bevölkert).

Bei Spaziergängen im Wienflussbecken entdeckte Dressler eine Gedenktafel mit der Inschrift "Unserem lieben Burschi!", so kam der Hundemischling zu seinem Namen.

 

Hedy blättert in Peter Dresslers Zwischenspiel, Foto: Petra Hartl

 

Doch was macht Burschi im Museum?

 

In Pose. Fotofertig im Kunsthistorischen Museum - „Mit großem Interesse“ (1989)

 

Haben Sie sich auch täuschen lassen? Was Sie hier sehen, ist nur ein Pappkamerad. Peter Dressler hat ein Foto des Hundes auf Karton affichiert und mehrere Kartonschichten zusammengeklebt, sodass eine quasi körperhafte, standfeste Hundeplastik entstand.

Hier sehen Sie Burschis schnittigen Körper:

 

Kunsthaus Wien Ausstellungsansicht, Foto: Petra Hartl

 

Das Hundeobjekt hat Peter Dressler als Co-Akteur bei Fotodokumentationen an viele Orte in Wien und im Ausland begleitet.

 

Peter Dressler, Mit großem Interesse, Naturhistorisches Museum 1989 © Fotohof Ar
Burschi in Wien ...

Peter Dresseler, Zu Besuch im Museum of Modern Art © Fotohof Archiv
in New York ...

Peter Dressler, Aus Changement de Propriétaire, 2007-2008 © Fotohof Archiv
in Paris ...

 

Als wissbegieriger und kunstbeflissener Hund ergänzt er nicht nur die Tapire im Wiener Naturhistorischen Museum, sondern auch das Große Glas von Marcel Duchamp im Philadelphia Museum of Art oder Légers Gemälde im MoMA. Peter Dressler nannte diese Serie, die über viele Jahre hinweg entstand, "Mit großem Interesse". Interessiert nimmt Burschi die unterschiedlichen Settings zur Kenntnis, er verwandelt und verfremdet die Orte durch seine bloße Anwesenheit mit subtilem Humor und nimmt den Kunststätten ein wenig von ihrer Aura und Ehrwürdigkeit. Burschi bleibt nur kurz im Museum, seine Anwesenheit ist unspektakulär, er hinterlässt keine Spuren.

 

Hedy blättert im Ausstellungskatalog Wiener Gold, Foto: Petra Hartl

Hedy blättert im Ausstellungskatalog Wiener Gold, Foto: Petra Hartl

 

Peter Dressler spazierte fotografierend durch Wien und erstellte quasi eine Datenbank an Fotos, die er immer wieder in unterschiedlichen formalen und inhaltlichen Zusammenhängen verwendete und kombinierte, dabei entstanden Serien und Tableaus. Er ließ sich dabei von Assoziationsketten leiten und kreierte eine eigene Bildsprache, fand eine eigene Grammatik der Stadt. „Die Ketten der Assoziationen sind meine Welt, da deklariere ich mich!“, sagte er während einer Vorlesung (zit. nach Ausstellungskatalog "Wiener Gold", S 139). Das Ergebnis dieser Assoziationsketten ist poetisch, nicht laut, expressiv, dramatisch, aber auch ironisch und voll hintergründigem Humor. Dresslers Fotogeschichten erschufen neue wehmütige Wirklichkeiten.

 

Peter Dressler, Extérieur, 1975 © Fotohof Archiv

 

Auch Burschi hat Peter Dressler in einem seiner Tableaus gemeinsam mit anderen Wiener Sehenswürdigkeiten gruppiert, zum Beispiel mit einer Statue zwischen deren Beinen ein Hundkopf lugt.

Die Serialität hat sich für Peter Dressler als künstlerisches Hauptprinzip herauskristallisiert. Ab den 1980er Jahren ging er dazu über, in seinen Fotoserien Erzählngen zu inszenieren, in denen er auch als Akteur vorkommt.

"Zwischenspiel", sein bedeutendes Künstlerbuch, entwickelt seinen besonderen Reiz aus den vielfältigen Bezügen und Anspielungen zwischen den Einzelbildern. Schön gemacht ist auch das Cover: Burschi hebt sich erhaben vom Untergrund ab. Folgen Sie Hedys Pfote!

 

Zwischenspiel mit Hedy, Foto: Petra Hartl

 

Das Kunsthaus Wien zeigt noch bis zum 5. März 2017 in der Retrospektive "Wiener Gold" das Werk von Peter Dressler, in dem Wien eine zentrale Position einnimmt. Peter Dressler (1942 - 2013) hat als Fotograf und Filmemacher, Akademielehrer, Sammler, Theoretiker und nicht zuletzt als Leit- und Integrationsfigur die heimischen Fotoszene seit den 1970er-Jahren mit beeinflusst.

Zur Ausstellung erscheint der Katalog: Peter Dressler, Wiener Gold, 978-3-902993-41-0

 

Kunsthaus Ausstellungsansicht © KUNST HAUS WIEN 2016, Foto Thomas Meyer

 

Ausstellung, Buch, Fotografie
1. November 2016 - 10:20

Grabstein in Irland, Foto Andrea Antoni

 

Loved and faithful friend for 14 years / You've gone old friend / A grief too deep for tears / Fills all the emptiness / You've left behind / Gone is the dear / Companionship of years / The love that passed / All love of humankind

 

Grabstein in Irland, Foto Andrea Antoni

Grabsteine in Irland, Foto Andrea Antoni

 

Vielen, vielen Dank an Andrea Antoni, die mir erlaubt hat, ihre Fotografien zu verwenden. Sie hat die Grabsteine mit den herzzerreißenden Inschriften in Irland aufgenommen.

alle Fotos © Andrea Antoni

 

LeserInnen empfehlen, Fotografie
21. Oktober 2016 - 8:49

Lebenszeichen © Daniel Zakharov

 

Was mit der Sichtung eines Papageienpärchens aus Porzellan in einem Fenster seiner Wohnumgebung begann, entwickelte sich für den Kölner Fotografen Daniel Zakharov zu einer Foto-Serie von "Lebenszeichen" unterschiedlichster Kategorien. 200 Motive aus den Bereichen Skelette, Helden, Antike, Spielzeug, Frauengestalten, Menschenfiguren, Köpfe und Tiere entstanden bisher. Ich greife nur die Hunde und Hunde-Helden heraus.

Wer stellt was warum ins Fenster? Was ist den BewohnerInnen hinter den Hausfassaden so wichtig an den Objekten, dass sie sie der Außenwelt, den rasch Vorbeigehenden präsentieren? Welche Geschichten verbergen sich hinter den Gegenständen? Sowohl unsere Fantasie über die Persönlichkeit der BesitzerInnen als auch das Erfinden von Erzählungen wird angeregt. In Zeiten, in denen fast jeder fast alles in sozialen Netzwerken veröffentlicht und sich zur gläsernen Person macht, lenken die Fotografien unsere Wahrnehmung auf individuell Geheimnisvolles, auf Leerstellen, die nicht ausformuliert sind.

Doch nicht nur die Objekte erzählen von ihren Besitzern, auch die Fotografien sprechen zu uns: Sie erzählen von einer formalen Stringenz und ausgewogenen Komposition.

In der großartigen oberen Fotografie bildet der Vorhang den Rahmen einer Guckkastenbühne, aus der heraus die Protagonisten agieren - fast hat man Angst um die vorwitzigen Hunde. Die rosa Ohren des corgiartigen Hundes korrespondieren mit Farbe der Mauer.

 

Lebenszeichen © Daniel Zakharov

 

Die Spiegelung des Gegenübers - wir sehen worauf der sehnsuchtsvolle Blick des Hundes fällt, der aus dem Fenster der tristen Architektur blickt. Die Dachrinne nimmt die Vertikalen der Fensterrahmen wieder auf.

 

Lebenszeichen © Daniel Zakharov

Lebenszeichen © Daniel Zakharov

 

Die Struppis bilden mit dem Fenster einen klaren Schwarz-Weiß-Kontrast, erweitert um Tims Farbakzent. Die horizontale und vertikale Struktur erhält als Formgegensatz die runden Dalmatinerpunkte. Die Textur des Vorhangs korrespondiert mit dem "Fell" der Pudel.

 

Lebenszeichen © Daniel Zakharov

Lebenszeichen © Daniel Zakharov

 

Lange musste ich in meinem Bloggedächtnis graben, bis mir einfiel, woran mich die Serie erinnerte. Vielleicht erging es Ihnen ja ebenso, wenn Sie zu meinen ersten LeserInnen gehören. Rachel Bellinsky hat Hunde hinter Fensterscheiben in San Diego fotografiert. Ein Beispiel zur Erinnerung unten. Während für mich bei Daniel Zakharov die genaue Beobachtung der formalen Aspekte im Vordergrund steht, fokussiert Rachel Bellinsky eher auf den neugiergen oder sehnsuchtsvollen Blick des Hundes. Doch wie auch immer, beide kommen zu wundervollen Ergebnissen, vergleichen Sie am besten selbst!

 

Fishbowl © Rachel Bellinsky

Tails from the Fishbowl © Rachel Bellinsky

 

Daniel Zakharov ist seit seiner Kindheit von Fotografie fasziniert. Wenn er nicht gerade einen Auftrag realisiert, arbeitet er akribisch an persönlich motivierten Langzeitprojekten. Er lebt und arbeitet in Köln.

alle Bilder mit Ausnahme des letzten © Daniel Zakharov

 

Fotografie