Malerei

24. Januar 2022 - 0:00

Pet cuddle © Daniel Tetteh Nartey

 

Der ghanaische Künstler Daniel Tetteh Nartey stellt seine Figuren in alltäglichen Posen dar. An der Körpersprache und den Haltungen zum Tier kann man die Zuneigung und Nähe ablesen, die Personen selbst zeigen keinen sichtbaren Ausdruck oder eindeutige Emotion. Stattdessen führt er eine Linientechnik ein, die Gesichter wiedergibt und ihr Wesen in einem Zustand der Entwicklung festhält. Die Hunde haben keine Gesichtszüge - spricht Ihnen Daniel Tetteh Nartey Entwicklungspotenzial ab?

Er bezeichnet seine Malerei als abstract pop fusion. Den Figuren gemeinsam ist die blaue Hautfarbe. Die flächig aufgetragenen Bereiche kontrastieren mit einer Vielzahl von Texturen, die er z.B. für Gras oder goldene Socken verwendet.

 

In the midst of comfort, 2021 © Daniel Tetteh Nartey

People and pets © Daniel Tetteh Nartey

 

Daniel Tetteh Nartey (*1991/Ghana) beschreibt seinen künstlerischen Prozess als eine Gelegenheit zur Selbstverwirklichung. Er benutzt die Leinwand als Spiegel, um die eigene Gemütsverfassung (state of mind) zu visualisieren.

Er studierte am Ghanatta College of Art and Design, das Künstler wie Amoako Boafo, Otis Qwaku und Kwesi Botchway hervorbrachte.

Seine letzte Ausstellung fand in der Galerie Christopher Moller statt.

Instagram

alle Bilder © Daniel Tetteh Nartey

 

Malerei
17. Januar 2022 - 10:07

Car wash animals © Ricardo Passaporte

 

Das Werk des portugiesischen Künstlers Ricardo Passaporte wird mit der Pop Art in Verbindung gebracht. In Hinblick auf die Wahl seiner Themen ist diese Einschätzung richtig. Wie Andy Warhol, für den Motive wie Kühe, Dollarnoten, Prominente, Suppendosen etc. bei der Darstellung gleichwertig waren, verwendet auch Passaporte Motive der Werbung und Alltagsästhetik sowie Logos und Tiere in seinen Malereien und Installationen.

Oben sehen Sie ein gespraytes Bild, das in seiner letzten Ausstellung "Car Wash Animals" zu sehen war, bei der er verschiedene Tiere zeigte (Hunde, Papageien, Tiger). Als Vorlage wählte er Bilder aus, die er im Internet, in den Printmedien, in der Werbung und in Geschäften und Vitrinen gefunden hatte; ebenso eignete er sich Details von Straßenansichten auf Google Maps an.

Passaporte arbeitete zunächst als Graffiti-Künstler und wurde durch seine vom Discounter Lidl inspirierte Serie von Gemälden bekannt. (Beispiele zeige ich ganz unten). Er schuf auch Skulpturen und Installationen, die sich mit der Ästhetik und Allgegenwärtigkeit von Unternehmensmarken beschäftigten, von Footlocker über Tesco bis hin zur Westminster Kennel Club Dog Show.

Womit wir auf den Hund gekommen wären. Besser gesagt, auf die "Best In Show"!

Die Besten jeder Rasse bei der letzten Westminster Kennel Club Dog Show zeigte Passaporte 2021 in der Galerie Steve Turner in Los Angeles.

 

Babar, 2020 © Ricardo Passaporte

 

Während die gesprühten Porträts von Rumor, Flynn, King, Babar, Miss P und CJ einen einheitlichen blauen Hintergrund haben, ist jeder Hund eine spezifische, identifizierbare Rasse, eine "Marke", die um Popularität, "Likes" und Marktanteile kämpft. Den Hunden fehlen jedoch die üblichen "niedlichen" Eigenschaften, die mit Rassen und Hundeporträts assoziiert werden. Stattdessen hat Passaporte das Klischee durch eine neutrale Qualität ersetzt, die sowohl den Hund als auch den Betrachter von den erdrückenden Auswirkungen von Marketing, Werbung und Konsumismus befreit. (vgl. Steve Turner, übersetzt mit DeepL)

CJ, 2016 © Ricardo Passaporte

Flynn, 2018 © Ricardo Passaporte

King, 2019 © Ricardo Passaporte

Miss P, 2015 © Ricardo Passaporte

 

Rumor, 2017 © Ricardo Passaporte

 

Passaportes Arbeit hat nicht nur mit der Pop Art und deren Warenästhetik zu tun, sondern - durch die häufige Wahl von Sprühfarben - auch mit der Ästhetik der Graffiti-Künstler. Allerdings betont er, dass es einen Unterschied zwischen der künstlerischen Praxis für Galerien und seinen Graffitis gebe und dass seine Kunst keine Weiterentwicklung oder gar "Verbesserung" seiner Praxis als Graffiti-Künstler sei.

Er sprayt die Farbe aus einer gewissen Entfernung auf, was seinen Arbeiten weiches Aussehen und Unschärfe verleiht. Außerdem führt der Abstand zur Leinwand zu einer Unkontrollierbarkeit im Entstehungsprozess, woraus sich unbeabsichtigte Fehler ergeben: Der Raum für Zufall und Überraschung öffnet sich.

 

Best In Show. Installation view, Steve Turner, 2021

Best In Show. Installation view, Steve Turner, 2021

 

Mit der Tiermalerei begonnen hat Passaporte bereits 2020. Auf Mallorca fand seine Ausstellung mit dem wunderbaren Titel "If dogs don’t go to heaven, I want to go where they go", statt.

 

Untitled, 2020 © Ricardo Passaporte

Untitled, 2020 © Ricardo Passaporte

Super cute dog, 2020 © Ricardo Passaporte

6 50 pm, 2020 © Ricardo Passaporte

Good dog, 2020 © Ricardo Passaporte

Two baby poodles, 2020 © Ricardo Passaporte

 

Wie man unschwer an all seinen Arbeiten erkennen kann, ist für Ricardo nicht Brillanz, sondern unbeholfene Darstellung, das weitgehende Fehlen eines "guten" Geschmacks oder der akademischen Gebote von Perspektive und Komposition wesentlich. Er will bei der Kunstproduktion vielmehr Emotionen auf unmittelbare und reine Weise ausdrücken. Deshalb ist er auch von Dingen fasziniert, die auf unprätentiöse Weise entstanden sind wie naive Graffitis oder Kinderzeichnungen. Sein Ziel ist es, vollkommen frei zu malen/sprayen und dem Ergebnis unbekümmert gegenüberzustehen.

Er verwendet verschiedene Medien und Techniken, um zu seinen "naiven" Ergebnissen zu kommen. Seine künstlerische Sprache und Ästhetik sind die Folge eines sehr persönlichen und intimen Prozesses. Seine scheinbare Lockerheit ist darauf zurückzuführen, dass er sich zur Spontaneität zwingt und Raum für Fehler zulässt.

Group of dogs, 2020 © Ricardo Passaporte

Group of dogs, 2020 © Ricardo Passaporte

Poodle with blue background, 2019 © Ricardo Passaporte

Poodle with red background, 2020 © Ricardo Passaporte

 

Mit den Arbeiten zu Lidl wurde Ricardo Passaporte 2016 bekannt. Er setzte sich intensiv mit der Geschichte des Pop auseinander und unterstrich die sich entwickelnde Beziehung zwischen Kunst und Kommerz. Indem er sich diese Logos aneignete, sie abstrahierte und zu seiner persönlichen Sprache machte, unterbrach Passaporte die Beziehung zwischen Marke und Verbraucher.

 

Ausstellungsansicht Galeria Alegria, 2016
Ausstellungsansicht Galeria Alegria, 2016

Ausstellungsansicht Galeria Alegria, 2016

Ausstellungsansicht Ruttkowski;68, 2018
Ausstellungsansicht Ruttkowski;68, 2018

Ausstellungsansicht Ruttkowski;68, 2018

 

Ricardo Passaporte (*1987 in Lissabon/Portugal) lebt und arbeitet in Lissabon.

 

Installation, Malerei, Skulptur
6. Januar 2022 - 10:14

His Master's Virus, 30x50cm, 2021 © Chantalle Demierre

 

Kommt Ihnen das Bild auch surreal vor ? Was kann es bedeuten? Die Hunde stehen wie vor einer Kulisse oder einem Bühnenbild; einer der beiden steckt seine Schnauze in eine Art schwebenden Doppeltrichter!

Unten kommen schon realere Versuche: Tierversuche?

 

His Master's Virus, 30x50cm, 2021 © Chantalle Demierre

Coronadog, 75x90cm, 2020 © Chantalle Demierre

His Master's Virus, 30x50cm, 2021 © Chantalle Demierre

 

Ausnützung des Spieltriebs! Coronaspürhunde stecken ihre Schnauzen in Trichter, in denen sich Stoffstückchen mit dem Schweiß der Testpersonen befindet. Zuvor wurden sie darauf trainiert, Corona anhand des menschlichen Geruchs festzustellen.

 

Trainiert werden die Hunde ähnlich wie für die Suche nach Drogen oder Vermissten: Man präsentiert ihnen zuerst den Geruch, den sie sich merken sollen. Später sollen sie ihn wiedererkennen. Gelingt das, werden sie belohnt. Im Falle der Virensuche laufen sie an einer Apparatur mit negativen und positiven Proben entlang und schnüffeln sie nacheinander ab. Sobald sie den gesuchten Duft identifizieren, setzen sie sich hin. Bei einem Treffer gibt es eine Belohnung.
(zit. n. ZEITonline, Seite 1)

 

Die Trainingsapparatur hat die Künstlerin in kalten Farben und sehr steril und artifiziell anmutend widergegeben. Vorlagen dazu fand sie in analogen und digitalen Medien und auf YouTube.

 

Trackingdog, 130x165cm, 2020 © Chantalle Demierre

 

Das Interesse der Künstlerin an Hunden und Wölfen hält seit vielen Jahren unverändert an, wenngleich sie auch vermutet, dass sie als Künstlerin weniger ernst genommen wird, weil sie sowohl gegenständlich als auch Tiere malt.

Da Chantale Demierre zurzeit ohne eigenen Hund lebt, borgt sie sich manchmal den braunweißen Mischling eines Freundes aus, der früher als mazedonischer Straßenhund lebte. "Arbeitslos" schläft er eingerollt.

 

Schlafender Hund, 40x40cm, 2020 © Chantalle Demierre

 

Die Bieler Künstlerin nimmt zurzeit an der "Cantonale Berne Jura" (2021/22) teil, einem Zusammenschluss von zehn Ausstellungsinstitutionen, die das Kunstschaffen der Kantone Bern und Jura in einer gemeinsamen Jahresausstellung  präsentieren. Ihre Arbeiten sind im Kunsthaus Interlaken und in der Kunsthalle Bern zu sehen.

Chantale Demierre (*1982 in Biel/Schweiz) hat von 2003-2006 an der Hochschule der Künste Bern Kunst studiert und 2013-2015 ihren Master an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel gemacht. Sie lebt und arbeitet in Nidau.

Quellen zu den Coronaspürhunden: FAZ, ZEITonline, Deutsche Apotheker Zeitung

alle Bilder © Chantale Demierre

 

Ausstellung, Malerei
3. Januar 2022 - 9:44

Wie reagiert ein Hund, wenn ein neuer in das Rudel kommt, der vielleicht nicht die gleiche "Sprache" spricht wie die etablierte Gruppe? Die Rudelmentalität kann zu Angst oder Aggression führen, wenn der Hund auf Unterschiede trifft.

 

Imposter, 2013 © Helen Cann
"Imposter", lackiertes Acryl und Tinte auf MDF

 

Die in Brighton lebende Malerin und Illustratorin Helen Cann interessiert sich für dieses Verhalten und hat es in "Imposter" charmant umgesetzt.

Ich habe dieses "Doppelporträt" zufällig im Internet gefunden und der in das Quadrat gepresste Terrier hat mich sofort für sich eingenommen. Im Hintergrund raufen gemalte Hundeumrisse. Wer ist der "Imposter" (der Betrüger, Schwindler, Hochstapler)? Der gefaltete Papierhund der Gattung Origami?

Es ist das einzige Hundebild der Künstlerin, die aber eine Affinität zu Hunden haben dürfte, da sie dieses Werk 2013 bei einer Charity-Ausstellung für Streunerhunde ausgestellt hat.

Ich besitze sogar ein Buch von der Künstlerin, wie ich bei meinen Recherchen bemerkt habe, nämlich "Maps!" (Haupt Verlag 2017). In ihrer Tätigkeit als Illustratorin ist sie auf handgezeichnete Karten spezialisiert. Helen Cann gibt regelmäßig Workshops zum Gestalten von Plänen, Karten und Skizzen in Galerien und Museen.

Imposter © Helen Cann

 

Malerei
25. November 2021 - 9:19

Drei Mädchen beugen sich zu einem Hund, der sie freudig begrüßt und an einer der jungen Frauen hochspringt. Ein Mädchen umfasst den Hund mit manieriert gedehnten Armen.

 

Adolf de Haer, Drei Mädchen mit Hund, um 1919 © Adolf de Haer
Adolf de Haer, Drei Mädchen mit Hund, um 1919

 

Das Bild vereint Merkmale des Kubismus und Expressionismus. Expressiv ist die Farbgestaltung, die durch den Komplementärkontrast (gelb-blau) bestimmt wird. Die gelbgrüne Hautfarbe der Mädchen ist lichtdurchflutet, ihr Haar glänzt blau. Kubistisch ist die Zerlegung der Körper und Kleidung in kristalline Dreiecksformen. Der Hintergrund geht in eine flächige rhythmische abstrakte Komposition über. Vieles ähnelt dabei dem Werk der Expressionisten Franz Marc und Ernst Ludwig Kirchner, den Kompositionen Lyonel Feinigers oder erinnert an den Futurismus.

 

Meine Erlebnisse und Visionen suchte ich in ein tektonisches Bildprinzip zu bannen. Mit den primitivsten (geometrischen) Formen baute ich meine Bilder. (Adolf de Haer zit.n.hier)

 

Adolf de Haer, Drei Mädchen mit Hund, Detail, um 1919 © Adolf de Haer
 

Adolf de Haers (*1892 in Düsseldorf/D, gest. 1944 bei Osnabrück/D) bedeutendste Werke datieren zwischen 1919 und 1921, in der Zeit entstanden auch seine großartigen kubistisch-expressiven Holzschnitte, Radierungen und Lithografien. In den nächsten zwei Jahrzehnten nimmt er eine Entwicklung von der Abstraktion zur Gegenständlichkeit. Nach Expressionismus und impressionistischen Tendenzen arbeitet er in einem immer schlichter werdenden Naturalismus der weiblichen Akte und Blumenstillleben. Dieses Spätwerk macht verständlich, warum er als Künstler der zweiten Reihe in Vergessenheit geriet.

Obwohl de Haer schon Mitte der zwanziger Jahre die kubistisch-expressionistische Abstraktion aufgegeben hatte, wird das frühe Werk Adolf de Haers 1937 aus dem Kunstmuseum Düsseldorf von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und als entartet eingestuft. Vielleicht erklärt sich auch dadurch seine späte Hinwendung zu einer sehr gefälligen, konventionellen Malerei: Der Schock der Verfemung von 1937 war möglicherweise zu stark.

Seine "Drei Mädchen mit Hund" sind vom 19. September 2021 bis 23. Januar 2022 im Sauerland-Museum in der Ausstellung "Im Westen viel Neues: Facetten des rheinisch-westfälischen Expressionismus" zu sehen.

Die Ausstellung rückt die vielfältigen Facetten des Expressionismus im Rheinland und in Westfalen in den Mittelpunkt und beleuchtet damit den Westen als ein wichtiges künstlerisches Zentrum neben Berlin und München. Eine neue Generation von Kunstschaffenden empfindet Formzertrümmerungen und leuchtende Farben als passende Ausdrucksmittel für die existentiellen Erfahrungen und Wirren der Zeit.

Unten sehen Sie das Ausstellungsplakat. Aus Sicht der Hundefreunde und -liebhaberinnen gänzlich misslungen, fehlt doch der Hund! Unklar ist nun, worauf die jungen Mädchen blicken, Aussage und Sinn des Werks sind unter der Typografie verloren gegangen.

 

Ausstellungsplakat
Plakat von hier
 

 

Ausstellung, Malerei
6. Juni 2021 - 8:28

Aus unerfindlichen Gründen habe ich auf Facebook eine Gruppe "Masculinity in male portraits" vorgeschlagen bekommen, wo dieses interessante Porträt "Hans und George" vom australischen Künstler Robert Hannaford gepostet wurde.

 

Hans und George © Robert Hannaford

 

Interessant deshalb, weil der Hund von hinten zu sehen ist, was ich wirklich ungewöhnlich finde. Zweifellos wäre es dem geübten Porträtisten möglich gewesen, den Hund auch von vorne zu erfassen.

Schauen Sie den Hund auf dem unteren Gemälde "Bill" an: Dieser Blick! Welch weichen, melancholischen, sensiblen, gar sprechenden Ausdruck er hat; ganz im Gegensatz zu seinem Halter, einem Jackaroo mit eher martialischer Miene und harten Zügen. Sie werden mir sicher zustimmen, dass die Darstellung des Hundes den Cowboy in den Schatten stellt.

Peter Jacobsen beschreibt auf The Varnished Culture Hannafords Arbeitsprozess:

 

“Whereas many work from photographs, he demands that you sit. And sit. And sit. He props you on a little stage he constructs (he’s a far better painter than carpenter), sticks his easel beside you, spreads out a drop sheet, kicks off his shoes, stands back five yards, stares at you intently – and charges. Literally. He makes a brushstroke, just one, and retreats…And this goes on and on for days.” (zit. n. The Weekend Australian Magazine, June 2016)

"Während viele nach Fotos arbeiten, verlangt er, dass man sitzt. Und sitzen. Und sitzen. Er stellt Sie auf eine kleine Bühne, die er selbst gebaut hat (er ist ein viel besserer Maler als Schreiner), stellt seine Staffelei neben Sie, breitet ein Bettlaken aus, zieht seine Schuhe aus, tritt fünf Meter zurück, starrt Sie aufmerksam an - und stürmt los. Buchstäblich. Er macht einen Pinselstrich, nur einen, und zieht sich zurück... Und das geht tagelang so weiter."

 

Wenn ich davon ausgehe, dass die Rückenansicht des Hundes nicht darin begründet ist, dass er von vorne nicht ruhig sitzen und sitzen und sitzen wollte, hat sie vielleicht einen formalen, in der Komposition liegenden Grund: Der Rücken des Hundes bildet eine formidable Parallele zum Bein von Hans. Und Bills Hund hat vor dem Hocker keinen Platz.

Beide Porträtierten sehen uns direkt und frontal an. Sie sind nicht in ihrer Beziehung zum Tier dargestellt, es gibt weder Blickkontakt noch Berührung. Die Hunde sind bloß weitere Elemente, die den Dargestellten näher charakterisieren, ebenso wie Hans´ Stock und Schiebermütze oder Bills Zigarette und Cowboyhut.

Mir gefällt das intensive und ergreifende Porträt des alten Hans, der in all seiner Unvollkommenheit, mit eingefallenen Wangen und Mund, dargestellt wird. Das satte Grün des Pullovers und das Blau der Hose unterbrechen die Monochromie der braunen Ödnis und verleihen seinem Träger etwas Modernes und Zeitgenössisches.

 

Bill © Robert Hannaford

 

Robert Hannaford malt Stillleben, Landschaften, aber vor allem Porträts und Selbstporträts. Letztere erinnern mich von der Bildauffassung und dem Blickwinkel stark an Lucian Freud. Die Porträts sind einer naturalistischen Tradition verpflichtet, er stellt bewusst die Repräsentation über die Abstraktion. Dabei arbeitet er nach dem Modell und nicht nach Fotos, mit dem Ziel das Wesen seiner Subjekte einzufangen. Für ihn ist der Prozess des Porträtierens eine Erforschung das Charakters, der über die Fotografie hinausgeht. Durch das Modellstehen über einen langen Zeitraum hinweg erhält der Künstler Einblick in verschiedene Emotionen der Porträtierten, die im Gemälde spürbar werden.

Als einer der bedeutendsten Porträtkünstler Australiens, hat er bereits Hunderte von Porträts gemalt. Dabei genießt er einerseits die Disziplin, die ihm ein Auftrag auferlegt, ist aber andererseits auch offen für die Ideen seiner AuftraggeberInnen, hinsichtlich darauf, wie sie dargestellt werden möchten. Deren Ideen führen ihn oft zu neuen Sichtweisen und Kompositionen.

Robert Hannaford (*1944 in Riverton/Australien) wuchs im ländlichen Südaustralien auf, arbeitete als politischer Karikaturist beim 'Adelaide Advertiser', ab Ende der 1960er Jahre wendet er sich als Autodidakt ganz der Malerei und Skulptur zu. Nach Jahren in Melbourne, Adelaide und Sydney lebt und arbeitet er heute mit seiner Frau, der Künstlerin Alison Mitchell, wieder in der Nähe von Riverton.

alle Bilder © Robert Hannaford

 

Malerei
1. Juni 2021 - 9:42

Hunde sind ein nur selten dargestelltes Motiv des chilenischen Künstlers Fernando Alday. Doch die wenigen Arbeiten, die ich gefunden habe, strahlen eine Anmut und ruhige Präsenz aus, als wüssten die Tiere um die Bedeutung, die ihnen der Künstler gibt.

Alday achtet sorgfältig auf Proportionen und Komposition, aber vor allem auf die Farbe. Beachten Sie den grünen Schmetterling, dem der Hund mit seiner grünen Schnauze folgt! Sensibilität, Einfallsreichtum und chromatische Virtuosität sind Eigenschaften, die den Werken gemeinsam sind.

 

Perro, 2019 © Fernando Alday

Perro, 2018 © Fernando Alday

Perro, 2018 © Fernando Alday

 

Die Sensibilität und Leidenschaft für Papier, die den chilenischen Künstler Fernanda Alday auszeichnet, reicht bis in die Kindheit zurück. Als Sohn eines Antiquitätenhändlers hat er Zugang zu Manuskripten und mittelalterlichen Tinten. Früh interessiert er sich für Kalligrafie und für alte Bücher, die er nach Farben ordnet und in deren Textur und Inhalt er sich vertieft, früh lässt er sich als Suchender auf Papier, Farbe und Textur ein. Inzwischen arbeitet er auch mit alten Dokumenten und Büchern, die er auf Flohmärkten findet.

Mit dem Verwenden alter Papiere versucht er das Vergehen der Zeit darzustellen und das Ephemere des Lebenszyklus zu vermitteln.

 

"I start with an almost archaeological research on colour and texture. In my work I use old paper as my primary object, along with medieval ink. I am interested in the fact that these materials expose the passage of time, but in the sense that they make you feel that the present is within the circle of life". (zit.n.hier)

"Ich beginne mit einer fast archäologischen Forschung über Farbe und Textur. In meiner Arbeit verwende ich altes Papier als primäres Objekt, zusammen mit mittelalterlicher Tinte. Ich interessiere mich dafür, dass diese Materialien den Lauf der Zeit sichtbar machen, aber auch dafür, dass sie das Gefühl vermitteln, dass die Gegenwart im Kreislauf des Lebens liegt".

 

Alday wählt als erstes das Material aus, das er verwenden möchte. Das Material selbst kann bereits das Thema der Arbeit vorgeben. Er klebt es als Oberfläche auf die Leinwand, auf der er weiter zeichnet und collagiert. Seine eleganten, poetischen und stillen Mischtechniken aus Collage und Malerei strahlen Balance und Harmonie aus. Alte vergängliche Materialien werden in neuem Kontext wiederbelebt. Er entreißt das organische Papier - Briefe Manuskripte - dem Zerfall. Alte Bedeutungszusammenhange tauchen als Hundekopf oder Hundekörper wieder auf, wobei er geschickt schichtet, überlagert, malt und kritzelt. Vergangene private und kleine Geschichten werden derart Teil einer neuen Kunstgeschichte.

 

Perro, 2018 © Fernando Alday

Perros, 2018 © Fernando Alday

Llibre, 2019 © Fernando Alday

Llibre, 2018 © Fernando Alday

 

 

Papier, aber auch alte Bucheinbände werden ihrer Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit entzogen, verändert, wiederbelebt. Stilisierte Figuren tauchen auf: ein Hund, ein Maultier, ein Stier, ein Stuhl, eine Landschaft. In vielen Werken gibt es Anspielungen auf die Kunstgeschichte, Elemente primitiver Kunst, Affinitäten zur präkolumbianischen Ikonographie, aber auch zu Klee und Goya. Der Künstler nimmt sowohl das Klassische als auch das Moderne auf und macht es sich zu eigen. Manche Werke erinnern an die Patina alter Mauern mit Schichten an Übermalungen und abgerissenen Plakaten.

Fernando Alday (*1959 in Santiago de Chile/Chile) hat in Chile Grafikdesign studiert, übersiedelte in die USA und begann autodidaktisch mit der Malerei. In seinen Anfängen malte er abstrakte oder symbolische, präkolumbianisch inspirierte Bilder. Erst später begann er sich für die Figuration zu interessieren. Er lebt seit über 20 Jahren in Barcelona, stellt international aus und nimmt an europäischen Kunstmessen teil.

Kennengelernt habe ich Aldays Werk durch einen Hinweis von Anke Dilé Wissing, die mir seine Instagram-Seite empfahl. Vielen Dank, liebe Anke und Grüße an Puck!

Quellen: Villa del Arte Galleries

alle Bilder © Fernando Alday

 

Collage, Malerei
29. März 2021 - 10:24

Im Magazin Monopol war kürzlich eine Aufstellung der am teuersten lebenden Künstler zu lesen. Platz 9 nimmt Zeng Fanzhis "The Last Supper" mit 23,3 Millionen US-Dollar ein.

 

Das teuerste jemals versteigerte Gemälde ist der "Salvator Mundi" von (vielleicht?!) Leonardo da Vinci für 450 Millionen. Die Hommage an Leonardos Abendmahl vom chinesischen Maler Zheng Fanzhi erzielte nur ungefähr ein Zwanzigstel dieser Summe. Allerdings ist das immer noch ziemlich teuer für einen Tisch mit maskierten jungen Kommunisten, die ein Wassermelonenmassaker veranstalten. (zit.n.Monopol)

 

The Last Supper, 2001 © Zeng Fanzhi

 

Zeng Fanzhi? Tief in meiner Erinnerung vergraben, fiel mir ein Ordner mit Arbeiten seiner Masken-Serie ein, den ich vor Jahren angelegt hatte. Zu einem Blogeintrag kam es nicht, mir waren seine Bilder zutiefst unangenehm. Ohne näher darüber reflektiert zu haben, empfand ich wahrscheinlich deren unterschwellige Gewalt und psychologische Spannung. Nachdem ich mich inzwischen in Fanzhis Werk eingelesen habe, sehe ich auch die Männer hinter den Masken anders, empfinde ich nahezu Mitgefühl mit ihnen, gleichzeitig habe ich meine Abneigung verloren, die Arbeiten sind für mich "schöner" geworden.

Fanzhis Werk ist sehr vielfältig und stilistisch uneinheitlich. Ich beschränke mich auf seine Langzeitserie Mask (1994-2004), da bei dieser Serie manchmal ein Hund dabei ist.

 

mask series © Zeng Fanzhi

 

Wir sehen Männer am Strand oder in nicht oder nur karg möblierten Innenräumen. Die Settings sind sauber, glatt und poppig eingefärbt, aber auch flach und unnatürlich, sie spiegeln die polierte Erscheinung der Figuren wider. Der Kontrast zwischen diesen überschwänglich leuchtenden Farben und den traurigen angstbesetzten Figuren erzeugt Spannung und Unbehagen.

Köpfe und Hände sind übergroß, die Gesichter tragen Masken, die an Stelle der Figuren Gefühle zeigen. Zu bedrohlich scheint die Entblößung der eigenen Emotionen, die Offenbarung des wahren Selbst zu sein. Die Masken stehen dementsprechend sowohl für An- als auch Abwesenheit der Emotion.

Die unbeholfenen Hände sind expressiv gemalt und erinnern teilweise an rohes Fleisch, an ihnen wird die Verletzlichkeit der Protagonisten deutlich. Die Augen blicken leer, passiv, doch erwartungsvoll auf den Betrachter.

 

mask series © Zeng Fanzhi

 

Die jungen Männer sind elegant gekleidet, die Haare sorgfältig frisiert: Eleganz als Rüstung und Schutz vor einer unsicheren Welt. Anfang und Mitte der 1990er Jahre, in einer Zeit der rasanten Modernisierung Chinas, stieg die Zahl der wohlhabenden jungen Städter stark an. Sie lebten in urbanen Zusammenhängen, ohne ihren Platz gefunden zu haben.

 

mask series © Zeng Fanzhi

 

Der Hund könnte auch eine Katze oder eine Tasche sein, er ist nicht mehr als ein modisches  Accessoire, ein Ausstattungsdetail. Nicht seine Existenz als Hund wird verhandelt, er ist lediglich Projektionsfläche der konsumorientierten aufsteigenden Gesellschaft. Auch als tierischer Partner spiegelt er nur die Gefühle des Menschen: Der traurige Mann im ersten Bild ist in Tränen aufgelöst, auch der Hund weint um seinetwillen.

 

mask series © Zeng Fanzhi

mask series © Zeng Fanzhi

mask series © Zeng Fanzhi

 

Die Masken sind Metaphern für Verlust und Entfremdung. Sie verbergen den Schmerz und die Agonie hinter einem sozial akzeptablen Gesicht, beschönigen die chinesischen Gesellschaft, in der niemand ohne Maske auftritt.

Gleichzeitig üben seine Maskenbilder Kritik am Sozialistischen Realismus als einzig erlaubtem figurativen Stil, der nur idealisierte Bilder von glücklichen und gesunden Bürgern zeigte.

Neben der politischen und psychologischen Dimension hat die Serie, mit der sich Fanzhi zehn Jahre auseinandersetzte, auch eine persönliche Komponente: 1993 zieht er von Wuhan nach Peking. Bereits 1994 beginnt er mit der Maskenserie als Reaktion auf Gefühle der Einsamkeit und auf die Verwerfungen, die ein Leben in existenzieller Sorge in einer oberflächlichen urbanen Umwelt mit sich bringt. Mit der Maskenserie visualisiert er eine Zeit des persönlichen Umbruchs sowie eine Zeit beschleunigter gesellschaftlicher Veränderungen.

 

mask series © Zeng Fanzhi

 

Zeng Fanzhi (*1964 in Wuhan/China) schließt sein Studium der Malerei am Hubei Institute of Fine Arts in Wuhan im Jahr 1991 ab. Während seiner frühen Ausbildung in Wuhan beschäftigt er sich mit westlicher Kunst, Philosophie und der New-Wave-Art-Bewegung, die nach Jahren des Sozialistischen Realismus zeitgenössischen Impulsen der globalen Kunstwelt nachspürte und die chinesische Kunst internationalisierte. Auch Zeng Fanzhi sucht nach einer neuen, konzeptuelleren Bildsprache, er räumt dem Konzept bis heute Vorrang gegenüber dem Bild ein.

Seit über drei Jahrzehnten übt Zeng Fanzhi nun mit seiner Kunst Kritik am zeitgenössischen chinesischen Leben und stellt gleichzeitig einen Dialog zwischen östlichen und westlichen künstlerischen Traditionen her. Er lebt und arbeitet in Peking.

 

mask series © Zeng Fanzhi

 

Zu den Porträts, die Fanzhi im Laufe seiner Karriere entwickelt hat, gehören auch "unmaskierte" Bildnisse von Freunden und von ihm geschätzter Künstler. Einer davon war Lucian Freud. Fanzhi malte ihn nach Fotos, um den lange Bewunderten seinen Respekt zu erweisen.

 

Lucian Freud, 2017 © Zeng Fanzhi Studio

 

Und weil dieses Gemälde mit Hund so bezaubernd ist … eine "Zugabe" mit Fuchs!

 

Artist Series Lucian Freud, 2011 © Zeng Fanzhi Studio

 

Quellen:

Hauser & Wirth, Widewalls, GagosianThe Art Story, Sotheby's

alle Bilder © Zeng Fanzhi Studio

 

Malerei
15. März 2021 - 11:17

To Live © Jong Seok Yoon

 

Es ist nicht viel über diesen koreanischen Künstler im deutsch- und englischsprachigen Internet zu finden und die Einträge sind schon mehrere Jahre alt. Trotzdem möchte ich Ihnen die sympathischen und ansprechenden Arbeiten von Yoon Jong Seok zeigen. Ich werde mich allerdings nicht zu Interpretationen versteigen, da die Malereien für mich nicht mehr als das sind, was sie darstellen: gemalte Kleidungsstücke aus unterschiedlichen Farben und Mustern - Blumen, Punkte, Streifen, Rhomben -, die gefaltet werden und etwas Neues entstehen lassen. Die Faltungen verwandeln den Stoff in Pistolen, Sofas, Schmetterlinge, aber auch in Hunde. Darüber hinaus sind die in Hundeform gefalteten Hemden und T-Shirts akribisch aus Punkten zusammengesetzt.

 

To Live © Jong Seok Yoon

Dog, 2009 © Jong Seok Yoon

© Jong Seok Yoon

Net Hanging Down The Concealed Side, 2008 © Jong Seok Yoon

Flowing Lightness-Dalmatian, Polka-dot Clothes, 2007 © Jong Seok Yoon

Rival- Barcelona, 2009 © Jong Seok Yoon

Rival - Manchester United, 2009 © Jong Seok Yoon

Same Bloodline, 2010 © Jong Seok Yoon

 

Jong Seok Yoon (*1970) lebt und arbeitet in der Republik Korea.

 

alle Bilder © Jong Seok Yoon

 

Malerei
8. März 2021 - 10:53

Schon vor Jahren ist mir Bärbel Rothhaar mit ihren Bienenprojekten im Internet begegnet. Da diese nicht zu meinem Blogthema passten, blieb es bei der Speicherung eines Links. Manchmal stöbere ich in meiner viele Jahre alten Linksammlung und spüre einzelnen KünstlerInnen nach. Und siehe da: Bei Bärbel Rothhaar habe ich Patti gefunden!

 

Patti, 2015 © Bärbel Rothhaar

 

Das Bild ist aus vordergründig disparaten Elementen zusammengesetzt: formlosen wässrigen Flächen und lasierenden Flächen, die Schatten bilden; konzentrischen Linien, die auf eine Wasserlacke hindeuten; dem Hund und den Pflanzen. Die Wörter, es handelt sich um botanische Begriffe, verweisen auf das Dargestellte: Google erklärt es näher. Eustoma grandiflorum ist der großblütige Prärieenzian, früher als Lisianthus bekannt. Stamina (Mz.), die Staubblätter, sind die Pollen erzeugenden Organe bei zwittrigen oder rein männlichen Blüten der Bedecktsamer. Das Stigma (die Narbe) dient der Aufnahme des männlichen Pollen. Der Stylus (der Griffel) in einer Blüte ist der Teil eines Fruchtblatts oder Stempels, der die Narbe trägt.

Die gelbgrünen Formen sind die Pollen, hoch ästhetische Gebilde, die seit der Erfindung des Mikroskops nicht nur WissenschaftlerInnen, sondern auch KünstlerInnen immer wieder faszinieren.

Patti, ein Whippet, kratzt mit der Pfote im Wasser. Malerischer Zufall und wissenschaftliche Genauigkeit ergänzen einander in dieser auf Braun- und Grüntöne beschränkten Arbeit. Auch wenn ein Teil des Bildrätsels gelöst ist, bleibt die Kombination der Teile in dieser Malerei doch geheimnisvoll und unergründlich.

Bärbel Rothhaar arbeitet oft in Serien, wobei ihre Themen (Natur, Naturwissenschaften und Ökologie) bei unterschiedlichsten Kunstprojekten vorkommen und Querverbindungen mit anderen Werken, wie Skulpturen oder Performances, eingehen.

So bildeten Aspekte von Symbiosen zwischen Lebewesen 2015 den Ausgangspunkt eines Kunstprojekts im Botanischen Museum in Berlin. Auch hier richtete sich der Blick der Künstlerin auf die Pollen der Pflanzen - auf Ihre Rolle in der Symbiose zwischen Pflanzen- und Tierwelt und natürlich auf die enorm wichtige Rolle der Bienen bei der Bestäubung.

 

Patti, 2020 © Bärbel Rothhaar

 

In einem perspektivisch uneindeutigen Raum sitzt Patti auf einem nach vorne geneigten roten Hocker, von dem sie eigentlich herunterrutschen müsste. Den oberen Bildraum nimmt eine Art Brücke ein. Die Verbindung von Innen und Außen bleibt unklar. Auch hier wirkt die Zusammenfügung von Gegensätzen - ornamentalen und informellen Bildteilen - charmant und anziehend.

Unten ein kleines Bild (30 x 40 cm) eines Kojoten, der in einer flachen Kuhle liegt: Drückt er schlafend die bunten Blumen zusammen oder wurde er, der Verstorbene, mit Blumen bekränzt? Ich tendiere zu Letzterem. Vielleicht wurde er von einem Auto angefahren und blieb leblos am Straßenrand liegen. Und die Künstlerin hat ihn malerisch zur Ruhe gebettet.

 

Kojote, 2020 © Bärbel Rothhaar

 

Inzwischen kenne ich die Erzählung hinter "Kojote, 2020". Er lebte in der kalifornischen Mojave-Wüste und war einer der zahlreichen Kojoten in dieser Gegend: Ein räudiges, krankes Tier, das von Nathini, der Tochter der Künstlerin, versorgt wurde. Sie gab ihm gelegentlich Wasser und Futter, das mit Medikamenten gegen Räude gemischt war.

 

An einem Ostersonntag ging das Leben des Kojoten aber dann doch zu Ende und er hat sich dafür die Terrasse ihres Hauses ausgesucht, um dort in der Nacht zu sterben. Das Foto mit den Wüstenblumen ist bei der Kojoten-Beerdigung entstanden und es hat mich so sehr berührt, dass ich es malen wollte. (Bärbel Rothhaar)

 

Beides, sowohl das Bild als auch die Geschichte, berührt auch mich. Ein Kojote, der so großes Vertrauen zu einem Menschen hat, dass er dessen Terrasse als Rückzugsort zum Sterben wählt. Eine Frau, die nicht gleichgültig gegen das Leid eines Tieres ist, ihm im Leben hilft und auch nach dessen Tod seine Würde achtet, indem sie ihn mit Zuneigung zu Grabe trägt. Und eine Künstlerin, die die Erinnerung an "Kojote" festhält.

Hunde kommen auch in Bärbel Rothhaars Arbeiten auf Papier vor, in Mischtechnik oder mit Tusche.

 

Quiet Hour, 2020 © Bärbel Rothhaar

Hund, 2018 © Bärbel Rothhaar

 

Weniger emotional herausfordernd ist eine Serie von Aquarellen auf A4-Papier, die ab Sommer 2020 enstand und Mensch-Tier-Metamorphosen zum Inhalt hat, darunter vier mit Hunden. Der Mensch ist schon so lange mit dem Hund verbunden, dass die beiden Spezies eine große Nähe und gegenseitiges Verstehen entwickelt haben. Ja es kommt sogar zu physiognomisch frappierenden Ähnlichkeiten. Das bringt die Künstlerin mit viel Humor und genauer Beobachtung z.B. bei "Dog Lady" oder "Bulldog Man" zum Ausdruck. Hätte Letzterer andere Ohren, würde ich meinen Onkel erkennen!

 

Bulldog Man, 2020 © Bärbel Rothhaar

Dog Dancer, 2020 © Bärbel Rothhaar

Dog Lady, 2020 © Bärbel Rothhaar

Hundemetamorphose, 2020 © Bärbel Rothhaar

 

 

Bärbel Rothhaar widmet sich in ihrer Arbeit als bildende Künstlerin experimentellen Kunstformen, wie beispielsweise prozesshaften Arbeiten im Bereich Kunst und Natur, u.a. Kunstprojekten mit Bienenvölkern. Sie zeichnet (analog und digital), malt und beschäftigt sich mit Enkaustik, der Malerei mit erhitztem, pigmentiertem Wachs.

In den Jahren der Auseinandersetzung mit Bienen spielten für Bärbel Rothhaar viele Faktoren und Ereignisse eine Rolle, die den künstlerischen Prozess motiviert und in Gang gehalten haben:

Zuerst beschäftigte sie sich mit der überaus vielfältigen Bienensymbolik in allen Kulturen. Ab 1999 begann sie mit lebenden Bienenvölkern zu experimentieren. Sie setzte unterschiedliche Objekte - Zeichnungen, Knochen, Metallobjekte - in die Bienenkästen ein und ließ sie von den Bienen verändern und überbauen. Es ging bei dieser "Wildwuchs" genannten Kooperation um den Dialog ihrer eigenen künstlerischen Intention mit natürlichen Prozessen, die nicht immer kontrollierbar waren.

Einige Methoden ihrer Arbeit näherten sich fast der naturwissenschaftlichen Forschung an, ohne das Gleiche zu sein. Dazu gehören Fragestellungen als Motivation und Ausgangspunkt der Arbeit, Interesse am Prozessualen, aber auch Versuchsreihen und Selbstversuche. In "Sleeping in a Beehive" lebte die Künstlerin einige Wochen mit einem Bienenvolk in ihrer Wohnung.

Näheres über Bärbel Rothhaars Bienenprojekte können Sie auf ihrem Blog oder auf ihrer Homepage nachlesen.

Bärbel Rothhaar (*1957 in Rockenhausen/D) hat Bildende Kunst an der Universität der Künste Berlin studiert und anschließend am Whitney Museum Independent Study Program in New York teilgenommen. Sie erhielt zahlreiche Stipendien, u.a. von der Studienstiftung des Deutschen Volkes, dem DAAD, der Karl-Hofer-Gesellschaft Berlin sowie dem Hanse-Wissenschaftskolleg. Seit 1980 stellt sie im In- und Ausland aus und führt Projekte durch.

 

alle Bilder © Bärbel Rothhaar

 

Malerei, Skulptur, Zeichnung