Grafik

30. November 2018 - 10:36

Paula Rego (*1935) bezieht die Inspiration für ihre figurativen Werke vor allem aus der realistischen und fantastischen Literatur sowie der bildenden Kunst vergangener Jahrhunderte. Sie mischt diese Referenzen mit autobiografischen Elementen und gesellschaftspolitischen Themen. So entstehen oft mehrteilige Gemälde, deren Erzählung nicht eindeutig ist und die eine surreale Atmosphäre schaffen.

Zum Beispiel bezieht sich das untere Werk "The Betrothal" von 1999 auf William Hogarths sechsteiligen Zyklus "Marriage a la Mode" von 1743, in dem es um eine arrangierte Hochzeit geht. Es bildet den rechten Teil eines großen Pastell-Triptychons. Rego transferiert die Szene - die Mütter handeln den Kontrakt aus - ins Portugal der 1950er Jahre.

Im Vordergrund sitzt die junge Braut in einem roten Armlehnstuhl, ihr Fuß ruht auf dem Rücken des Hundes vor ihr. Beide, Hund und Mädchen, blicken auf den Vater, der für uns im Spiegel zu sehen ist. In einer bizarr anmutenden Inszenierung wird hier die Situation der Frau, die der elterlichen Autorität unterliegt, thematisiert.

 

The Betrothal, 1999 © Paula Rego

 

Paula Rego ist zweifellos eine der bedeutendsten Künstlerinnen ihrer Generation. Monumentalität, psychologisches Drama, Menschen in geheimnisvollen und beunruhigenden Zusammenhängen bestimmen ihr Werk. Umso erstaunlicher ist es, wie diese Künstlerin mit einem Jahrzehnte umfassenden Werk spurlos an mir vorüber gehen konnte.

Meine erste google-Bildersuche zeigte ein ungemein kraftvolles Œuvre, das mich stilistisch sofort an viele Werke bekannter Künstler des 20. Jahrhunderts erinnert hat, wie Beckmann (die Triptychen und kontrastreiche Farbgestaltung), Picasso (die Monumentalität der Figuren), Balthus (die verstörenden sexuellen Anspielungen in familiären Interieurs), die Surrealisten, Ensor, Degas etc. Ihre Bezugnahme auf kunsthistorische Werke ist nicht imitierend oder eklektizistisch, sondern zeigt vielmehr eine postmoderne Herangehensweise. Rego malt gegen das Innovationsstreben der Moderne an, bedient sich an historischen Elementen, die sie in neue Zusammenhänge setzt und kritisch reflektiert.

Zu Regos immer wiederkehrenden Motiven gehören Hunde, Mädchen, dominante Vaterfiguren, klaustrophobische Familienszenen: Sie schaffen eine einzigartig persönliche Ikonographie.

Mitte der 1980er-Jahre beginnt Paula Rego mit der "Girl and Dog"-Serie, bei der ein oder zwei Mädchen einen kranken Hund pflegen. Sie helfen ihm beim Essen, Trinken und Ankleiden (legen ihm ein Halsband um). Der Hund hebt sogar vertrauensvoll seinen Kopf, um sich die Kehle rasieren zu lassen. (Biographischer Hintergrund ist die Erkrankung von Paula Regos Mann an multipler Sklerose). Die Hunde nehmen in den Gemälden den Platz des Mannes ein. Die Künstlerin setzt sich dergestalt mit Kraft und Zärtlichkeit, aber auch Abhängigkeit und Ohnmacht in Beziehungen auseinander.

 

Dog and Girl - Serie @ Paula Rego

Dog and Girl - Serie @ Paula Rego

Dog and Girl - Serie @ Paula Rego

Dog and Girl - Serie @ Paula Rego

Dog and Girl - Serie @ Paula Rego

Dog and Girl - Serie @ Paula Rego

Dog and Girl - Serie @ Paula Rego

 

In "Looking Back" scheinen die großen Mädchen erleichtert, dass ein viel jüngeres mit seinem kleinen Welpen spielt. Die Pelzdecke könnte einen getöteten größeren Hund symbolisieren.

 

Looking Back, 1987 © Paula Rego

 

Die in Lissabon geborene Künstlerin verließ als Jugendliche das diktatorische Regime von Salazar und studierte an der Slade School of Fine Art in London. Sie verkehrte mit Francis Bacon, Lucian Freud, Frank Auerbach und David Hockney und war die einzige Frau der Künstlergruppe School of London.

Frauen spielen in ihrem singulären Werk fast immer die Hauptrolle: Sie zeigt deren Rolle in der Gesellschaft, ihr Leid und ihre Unterdrückung. Während sie in ihren Anfangsjahren als Künstlerin noch mit Collagen arbeitete, malte sie später Acrylgemälde auf Papier. Mit Beginn der 1990er-Jahre verwendet sie nur noch Pastellkreiden für ihre großformatigen Zyklen.

Auch in ihrem umfangreichen druckgrafischen Werk verarbeitet sie literarische Bezüge und setzt sich subversiv und expressiv mit der Rolle der Frau und ihren Verstrickungen auseinander.

 

Doctor Dog, 1982 © © Paula Rego

© Paula Rego

© Paula Rego

© Paula Rego

 

Unter dem Titel "Die grausamen Erzählungen von Paula Rego" stellt das Musée d’Orangerie bis zum 14. Jänner 2019 etwa 70 Gemälde und Zeichnungen der britischen Künstlerin aus. Ihr Werk wird mit einigen Zeichnungen und Druckgrafiken von Daumier, Goya und Degas kontrastiert und ergänzt.

 

Ausstellung, Grafik, Malerei
19. Februar 2017 - 20:36

Wie erfreulich für uns, dass das Sammeln von Zeichnungen für Wohlhabende ein kultivierter Zeitvertreib war! Eine Sammlung - ein Konvolut an Zeichnungen, das auch zweihundert Tierdarstellungen enthielt - kaufte 1772 das Braunschweiger Herzog Anton Ulrich Museum an. Darunter eine Arbeit, die dem deutschen Tiermaler Johann Melchior Roos (1663-1731) zugeschrieben wurde. Erst dem Leiter des Kupferstichkabinetts Thomas Döring, der bei der Inventarnummer 719 immer ins Sinnieren kam, ist es zu verdanken, dass sie neu bewertet und als Rembrandt erkannt wurde. Vorausgingen eingehende Recherchen, darunter mikroskopische Untersuchungen, Studium von vergleichbaren Originalen Rembrandts in Amsterdam, Paris und Wien sowie Konsultationen von internationalen Autoritäten der Rembrandt-Forschung.

Kein anderer jedoch als Rembrandt hätte einen Arbeitshund so trefflich und mit "traumwandlerischer Sicherheit" porträtieren und auf nur 82 x 99 mm sein ganzes Elend darstellen können. Der Hund ist nicht nur mit expressivem Strich, sondern auch vom Leben gezeichnet: Erschöpft vom arbeitsamen Dasein blickt er uns an!

 

Rembrandt  Harmenszoon van Rijn (1606-1669), Studie eines sitzenden Hundes, um 1
Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606-1669), Studie eines sitzenden Hundes, um 1637

 

Immer wieder tauchten Hunde im Werk Rembrandts auf. Vor allem in den 1630er Jahren bereicherte der Künstler seine Gemälde und Radierungen bevorzugt mit Darstellungen von Hunden als bedeutungsvollen Nebenmotiven. Er sammelte seine gezeichneten - und offenbar größtenteils verlorenen - Tierstudien in einem Band, den er mit "beesten nae ’t leven" (dt. Tiere nach dem Leben) beschriftete. Darin dürfte sich ursprünglich auch die neu entdeckte "Studie eines sitzenden Hundes" befunden haben.

Den neuen Rembrandt können Sie erstmals ab dem 6. April 2017 im Rahmen der Ausstellung "Dürer, Cézanne und Du. Wie Meister zeichnen" betrachten, der ersten großen Sonderausstellung des Ende Oktober 2016 neu eröffneten Herzog Anton Ulrich Museum.

Als Draufgabe sehen Sie unten noch eine sehr realistische und karge Winterlandschaft, durch die ein kleiner Hund trottet.

 

Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606-1669), Winterlandschaft, 1646
Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606-1669), Winterlandschaft, 1646

 

Ausstellung, Grafik, Malerei, Zeichnung
16. Oktober 2016 - 7:12

Dog, 2009 © Karl de Vrommen

 

Das Bild des auf dem Rücken liegenden Windhunds hat mich sofort begeistert. Schläft er? (Wenn Sie auch mit einem Hund leben, wissen Sie natürlich, in welch eigentümlichen Körperhaltungen Hunde dösen.) Oder ist ein Moment festgehalten, während er sich genüsslich im Gras hin und her wälzt?

 

Vilma, 2010 © Karl de Vrommen

 

Auch Vilma liegt zufrieden und entspannt auf dem Teppich, während die Bleistiftzeichnung unten einen fragilen Moment des Schwebens darzustellen scheint.

 

Falling dog © Karl de Vrommen

 

Vilma hat der Künstler auch in einer Monotypie verewigt. Durch die Schwärze des Hintergrunds und die Kopfüber-Darstellung des Hundes kommt eine Atmosphäre der Beunruhigung, eine Stimmung des Unbehagens dazu, die aus dem Schweben ein Fallen macht.

 

Vilma © Karl de Vrommen

 

Karl de Vrommens Hunde lassen uns über deren Befindlichkeiten im Unklaren und gehen damit über die Eindeutigkeit des bloßen Naturstudiums hinaus.

Der 1982 in London geborene Künstler lebt und arbeitet in Newcastle upon Tyne.

alle Bilder © Karl de Vrommen

 

Grafik, Malerei, Zeichnung
20. Februar 2016 - 9:07

Untitled (God Lived as a Devil Dog), 2013 © James Siena
Untitled (God Lived as a Devil Dog), 2013 © James Siena

 

Formal ist diese Arbeit von James Siena ein schönes Stück visueller Poesie. Über die Bedeutung des Satzes "God Lived as a Devil Dog" müssen Sie nicht lange grübeln, denn auch der Inhalt ist formal determiniert. Es handelt sich um ein Satz-Palindrom.

Palindrome müssen nicht immer einen Sinn ergeben, die Zeichenkette muss allerdings von vorne nach hinten und von hinten nach vorne bezüglich der Reihenfolge der verwendeten Zeichen übereinstimmen. (Quelle: Wikipedia)

James Siena (*1957in Oceanside, California/USA) ist ein ungegenständlicher Zeichner, Druckgrafiker, Maler und Bildhauer. Mit den Schreibmaschinen-Zeichnungen begann er 2013 während eines Rom-Aufenthalts. Dort schrieb er aus therapeutischen Gründen auf einer alten Olivetti, um sein verletztes Handgelenk zu trainieren. Daraus ging die Untersuchung des Potenzials des anachronistischen Relikts "Schreibmaschine" zur Kunsterzeugung hervor. (Diese prosaische Darstellung findet sich jedenfalls im Online-Ausstellungskatalog).

Mehr Typewriter Drawings von James Siena bei Hiram Butler.

 

Grafik
24. Mai 2015 - 8:30

Kaum von meinem Kurzurlaub in Berlin zurückgekommen, erreicht mich die Ankündigung einer Ausstellung, die es wert wäre, schon wieder hinzufahren. Im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin findet die Sommerausstellung "Wir kommen auf den Hund!" statt. Vielleicht haben Sie ja die Möglichkeit diese Präsentation zu sehen.

 

Federico Zuccari, Studienblatt mit einem spanischen Windspiel, um 1564-65
Federico Zuccari: Studienblatt mit einem spanischen Windspiel, um 1564-65.
© Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Foto: Volker-H. Schneider

Max Thedy, Weiblicher Akt mit Hund, um 1880/1900
Max Thedy: Weiblicher Akt mit Hund, um 1880/1900. © Staatliche Museen zu Berlin,
Kupferstichkabinett / Foto: Jörg P. Anders

Félix Vallotton, Le Coup de Vent (Der Windstoß), 1894
Félix Vallotton: Le Coup de Vent (Der Windstoß), 1894. © Staatliche Museen zu Berlin,
Kupferstichkabinett / Foto: Jörg P. Anders

Max Liebermann, Im Kahn, 1917
Max Liebermann: Im Kahn, 1917. © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett /
Foto: Volker-H. Schneider

Pablo Picasso, Le Chien (Der Hund), 1936
Pablo Picasso: Le Chien (Der Hund), 1936. Staatliche Museen zu Berlin,
Kupferstichkabinett. © Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2015 /
Foto: Volker-H. Schneider

Dieter Roth, Selbstbild, als Hundehauf in Stuttgart am 27.10.73, 1973
Dieter Roth: Selbstbild, als Hundehauf in Stuttgart am 27.10.73, 1973.
Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett. © Dieter Roth Estate,
Courtesy Hauser & Wirth/ Foto: Volker-H. Schneider

 

Die Ausstellung zeigt in sechs Kapiteln eine große Bandbreite an Themen, die Kunst und Hund verbinden. Die Werke zeigen, wie er als Wach-, Hüte-, Jagd- und Begleithund dient und in der Großstadt Straßen und Plätze belebt. Fellstruktur, Anatomie und Bewegung von Hunden wird in Zeichnungen, Druckgraphiken, Ölskizzen und Aquarellen eindrucksvoll vermittelt. Zu sehen sind Werke u. a. von Agostino Carracci, Albrecht DüŸrer, Rembrandt und Goya bis hin zu Adolph Menzel, Otto Dix, Pablo Picasso und Dieter Roth.

„Wir kommen auf den Hund! Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett“ ist vom 26. Juni 2015 bis zum 20. September 2015 zu sehen. Im Juni 2015 erscheint im Imhof Verlag eine Publikation mit 50 Abbildungen und Texten in deutsch und englisch.

 

Ausstellung, Grafik, Zeichnung
21. Januar 2015 - 11:34

Dieses wunderbare Porträt der kleinen "Folette" können schnell entschlossene WienerInnen oder Wien-BesucherInnen noch bis zum 25. Jänner 2015 im Kunstforum betrachten. Noch drei weitere Hundedarstellungen habe ich in der Ausstellung  "Henri Toulouse-Lautrec - Der Weg in die Moderne" entdeckt, die die erste umfassende Retrospektive zum Werk von Toulouse-Lautrec in Österreich anlässlich seines 150. Geburtstags ist.

 

Henri Toulouse-Lautrec, Folette, 1890, Philadelphia Museum of Art, Bequest of Li
Henri Toulouse-Lautrec, Folette, 1890, Philadelphia Museum of Art,
Bequest of Lisa Norris Elkins, 1950

Henri Toulouse-Lautrec, Reiter im Trab mit kleinem Hund, 1879, Musée Toulouse-La
Henri Toulouse-Lautrec, Reiter im Trab mit kleinem Hund, 1879,
Musée Toulouse-Lautrec, Albi

Henri Toulouse-Lautrec, Pferdewagen, angespannt mit einem Cab, 1900, Musée Toulo
Henri Toulouse-Lautrec, Pferdewagen, angespannt mit einem Cab, 1900,
Musée Toulouse-Lautrec, Albi

Henri Toulouse-Lautrec, Im Zirkus: Clown Footit - Dresseur, 1899, Statens Museum
Henri Toulouse-Lautrec, Im Zirkus: Clown Footit - Dresseur, 1899,
Statens Museum for Kunst, Kopenhagen

 

Mit fast vierzig Zirkus-Zeichnungen hat sich Toulouse-Lautrec übrigens aus der Nervenheilanstalt frei-gezeichnet. In ihrer Präzision, Altmeisterlichkeit und ungewöhlicher Perspektive lieferten diese Arbeiten den Beweis, dass er nicht geisteskrank war.

 

Ausstellung, Grafik, Malerei, Zeichnung
23. Oktober 2014 - 12:45

Das sind Winnifred und Kennedy ...

 

Winnifred und Kennedy © Kelly Puissegur

 

und das sind sie ebenfalls, ...

 

© Kelly Puissegur

 

künstlerisch in Szene gesetzt von ihr: Kate Puissegur AKA Retro Whale.

 

Kelly bei der Arbeit © Kelly Puissegur

 

Beim Blick ins Atelier sieht man sofort, worum es ihr geht: Bilder mit ornamentaler und verspielter Qualität herzustellen, um uns heiter zu stimmen und zum Lachen zu bringen. Und es gelingt ihr mithilfe der schrulligen Figuren anscheinend mühelos. Nicht nur ihre beiden Hunde finden sich auf ihren farbenprächtigen Arbeiten wieder, auch andere Tiere oder maskierte Menschen bevölkern ihr zeichnerisches Universum.

 

Marriage © Kelly Puissegur

Sweet © Kelly Puissegur

A Little Dancing Before We Head Home © Kelly Puissegur

Scram © Kelly Puissegur

Dear Harvey © Kelly Puissegur

Nice to Meet You © Kelly Puissegur

Nice Hair © Kelly Puissegur

Pug Love © Kelly Puissegur

 

Die US-amerikanische Illustratorin lebt mit Sohn, Ehemann und zwei Hunden in LA, lässt sich von Musik, Filmen, Kuriositäten, den Menschen und Tieren in ihrer Umgebung, von Arbeiten ihrer  KünstlerkollegInnen, nicht zuletzt von Winnifred und Kennedy zu ihren Zeichnungen und Malereien inspirieren.

Natürlich besitzt Kelly Puissegur ein oder mehrere Skizzenbücher, in denen sie Ideen festhält, doch die meisten Illustrationen entstehen planlos und intuitiv; sie zeichnet und malt, ohne das Ergebnis vor Augen zu haben, ohne zu wissen, wohin der schöpferische Prozess sie führen wird - mit Tusche, Acryl- und Ölfarben auf handgeschöpftes Papier oder auf strukturierte gemaserte quadratische Holzplatten. Auch alte Skate- oder Surfboards werden zum Bildträger. Manchmal scannt sie ihre Zeichnungen ein, um sie später am Computer farbig zu bearbeiten.

Sie können mehr von Kellys Arbeit auf ihrer Website Retro Whale sehen, Drucke in ihrem Etsy-Shop, Originale bei Saatchi Online kaufen.

alle Arbeiten © Kelly Puissegur

 

Grafik, Malerei
9. Oktober 2014 - 17:00

Als ich kürzlich die Sammlung Titze im Winterpalais des Prinzen Eugen von Savoyen sah, fiel mir ein gewaltiges Gemälde auf: gewaltig nicht nur in den Ausmaßen (200 x 340 cm), gewaltig auch hinsichtlich des Eindrucks, den es auf mich machte. Es handelte sich um Adrian Ghenies "The Flight Into Egypt". Ghenies Namen hatte ich schon gehört und im tief im Hinterkopf wusste ich, ich hatte den Künstler auch schon in Zusammenhang mit dem Motiv Hund gespeichert.

 

Adrian Ghenie, The Flight Into Egypt I, 2008

Adrian Ghenie, The Flight Into Egypt, 2008

 

Ghenie beschäftigt sich mit gesellschaftlicher und politischer Macht und deren Missbrauch, mit Ausbeutung, Unterdrückung, erzwungenem Exil und Migration. Besonderes Augenmerk legt er auf totalitäre Regime, wie es auch das Rumänien seiner Kindheit – er ist 1977 geboren - unter Ceausescu war.

Als Geschichtenerzähler schickt er den Betrachter auf eine Zeitreise, ermöglicht ihm einen Blick auf seine Interpretation der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sein besonderes Interesse gilt der Kluft zwischen großer "objektiver" Geschichte und subjektiver Erinnerung, der Widersprüchlichkeit der Aufzeichnung und Erfahrung von Geschichte.

In seinen eigenwilligen, komplexen Kompositionen wechselt er zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Als Ausgangspunkt dienen ihm historische Fotos, Propagandapostkarten der NS-Zeit, Fotos aus dem Internet, Standbilder aus Filmen, alte Möbelkataloge etc. Die Anleihen aus der Kunst- und Filmgeschichte verbindet er mit persönlichen Erinnerungen, die er teilweise auch zu Collagen oder dreidimensionalen Modellen verarbeitet.

Auch Ghenies Technik ist außergewöhnlich: Er bringt mehrere Lagen Farbe auf und kratzt sie anschließend teilweise mit der Stahlspachtel wieder ab, wodurch einmalige Strukturen mit hohem taktilem und materiellem Reiz entstehen. Die Bilder scheinen bereits eine Patina zu besitzen. In seinen düsteren Szenarien beschränkte Ghenie seine Farbpalette zunächst auf Schwarz und Grau sowie dunkles Rot, erst in jüngerer Zeit hellt er sie zunehmend auf.

Durch die unscharfe Gestaltung historischer Figuren entstehen Porträts, die in ihrer Wirkung verfremdet, mysteriös und verstörend sind. Auch wenn sie nur vage ausgeführt sind, sind die Schreckensgestalten des 20. Jahrhunderts unschwer zu erkennen.

 

Adrian Ghenie, The Nightmare, 2007

 

In "The Nightmare" und "The Devil" erkennen wir, obwohl fast als Rückenfigur dargestellt, Adolf Hitler. Sein Bild ist Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Blickt er auf Eva Braun? Befinden sich beide in der Wolfsschanze? Der müde und verschlafen dreinblickende Wolf deutet darauf hin.

 

Adrian Ghenie, The Devil 2, 2010

Adrian Ghenie, The Devil 3, 2010

 

"The Dada Room" ist ein Modell der Ersten Internationale Dada-Messe, die 1920 in Berlin stattfand. Ein deutscher Schäferhund ist als Gemälde präsent. In "Dada Is Dead" verwendet Ghenie ein Foto dieser Dada-Ausstellung als Grundlage sowohl für eine Collage als auch für ein Gemälde.

 

Adrian Ghenie, The Dada Room, 2010, mixed media

Adrian Ghenie, Dada Is Dead, Study, 2009

Adrian Ghenie, Dada Is Dead, 2009

 

Fast als kometenhaft ist Adrian Ghenies Aufstieg in der internationalen Kunstwelt zu bezeichnen. Nachdem er 2001 sein Studium abschloss, wurde sein Werk bereits ab 2006 in Einzelausstellungen in der Schweiz, den USA, Deutschland, Belgien und Großbritannien gezeigt. 2009 erschien eine Monographie im Hatje Cantz Verlag (vergriffen), 2014 ein Bildband mit neueren Werken von 2009-2013. Auf der Verlagsseite finden Sie auch ein sehr informatives Künstlerporträt von Stefanie Gommel.

 

Adrian Ghenie, The Blue Rain, 2009

Adrian Ghenie
Foto von hier

Adrian Ghenie, Foto: Tim van Laere Gallery
Adrian Ghenie, Foto: Tim van Laere Gallery

 

Wenn Sie sich mehr für diesen außergewöhnlichen Künstler interessieren, empfehehle ich exemplarisch die Seiten der Galerie Tim van Laere (viel Bildmaterial) sowie der Galerie Nolan Judin (umfassende Information zum Werk).

alle Bilder © Adrian Ghenie

 

Grafik, Installation, Malerei
30. September 2014 - 17:45

Meg Cranston, Poodle Mix, 2014
Meg Cranston, Poodle Mix, 2014

 

 

Obwohl ich im Juli in Berlin war, habe ich die Ausstellung von Meg Cranston, "Poodle Mix", in der Galerie Michael Janssen versäumt, die mir sicherlich gefallen hätte. Erst kürzlich und zufällig bin ich auf die US-amerikanische Künstlerin aufmerksam geworden.

 

Meg Cranston, Poodle Mix, 2014
Meg Cranston, Poodle Mix, 2014

Meg Cranston, Poodle Mix, 2014
Meg Cranston, Poodle Mix, 2014

 

Scheinbar leicht vereint Meg Cranston Malerei und Collage, wobei sie deckende Farbflächen und Fotos der Populärkultur kombiniert. Was unangestrengt aussieht, ist allerdings theoretisch unterfüttert. Mit der Collage verwendet und anerkennt Meg Cranston ein Medium, dem in der Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts große gesellschaftspolitische Bedeutung zukam. Cranstons semiotischen Verwendung von Farbe, Textur und Form sind eine Anspielung auf die kommerzielle Werbung und die Nutzung der Fotomontage. Weiters spielt sie auf ironische Weise mit der Zeichensprache und Symbolik der US-amerikanischen Alltagskultur, die sie zitiert und umdeutet. Auch das Motiv des Hundes ist nicht zufällig gewählt, es ist universell verständlich, kulturell aufgeladen und lässt Raum für individuelle Assoziationen.

 

Meg Cranston, untitled, 2012
Meg Cranston, untitled, 2012

 

Meg Cranston (*1960) lebt in Los Angeles, ist bildende Künstlerin, Autorin und Kuratorin. Sie hat unter anderem gemeinsam mit John Baldessari ausgestellt und Ausstellungen kuratiert. Weiters ist sie Vorsitzende des Fine Arts Department am Otis College in Los Angeles, an dem sie über zwanzig Jahre Professorin war. Die Künstlerin arbeitet in vielen Medien - Skulptur, Video, Performance, Installationen, Konzeptkunst - und stellt seit 1988 international aus.

alle Bilder © Meg Cranston

 

Ausstellung, Collage, Grafik, Malerei
17. Mai 2014 - 9:58

o.T., 2009 © Yvonne Schneider

 

Schwungvollste breite Pinsel- oder Bürstenstriche. Farbe, die wie Wasserfälle von Blüten rinnt. Figuratives und Ornamentales, das sich in mehreren deckenden und lasierenden Schichten vor und hinter den gleichbleibenden Hundeshilouetten befindet: In der Hunde-Serie von Yvonne Schneider wechseln Transparenz und Durchblick mit hermetisch verdichteten Flächen. Der Hund wird selbst zum Muster und „schafft in der Wiederholung neue bildimmanente Verhältnisse, Bewegung und Dynamik. Auf dem Grat zwischen abstrahierender Ornamentik und Realitätsillusion stellt sich die Frage nach der Wirklichkeit neu.“ (vgl. Yvonne Schneider in ihrem Abstract)

 

o.T., 2009 © Yvonne Schneider

o.T., 2009 © Yvonne Schneider

o.T., 2009 © Yvonne Schneider

o.T., 2009 © Yvonne Schneider

o.T., 2009 © Yvonne Schneider

o.T., 2009 © Yvonne Schneider

 

Yvonne Schneider arbeitete bei der Hunde-Serie mit Öl, Tempera und Siebdruck auf mdf. Sie wurde 1963 in Stuttgart/Deutschland geboren, studierte in München und Bologna und arbeitet seit 1991 freischaffend in ihrem Atelier in München/Gauting.

 

alle Bilder © Yvonne Schneider

 

Grafik, Malerei