25. Juli 2022 - 10:25

Kira, 2012 © Nebojsa Despotovic

 

Dieses Bild stellt Kira dar. Es ist ein seltenes Bild im Werk des serbischen Künstlers Nebojsa Despotovic, da es die Realität wiedergibt und nichts darüber hinaus. Doch bereits in diesem Bild des ruhigen nachdenklichen Hundes von 2012 findet sich der graue Hintergrund, der auch spätere Arbeiten auszeichnet.

Der Künstler arbeitet zumeist in Serien, bei denen enge Beziehungen zwischen den Werken bestehen. Ich zeige hier nur für unsere Thematik relevante Einzelwerke.

 

o.T., 2010, Acryl und Öl auf Leinwand © Nebojsa Despotovic

Spaziergang im Wald, 2011, Collage und Acryl auf Leinwand © Nebojsa Despotovic

 

Zwischen Figuration und Abstraktion oszillierend, dokumentieren die Arbeiten nicht die Wirklichkeit, sondern zeigen mentale Konstruktionen, die auf Gedächtnis und Fotografien basieren. Nebojsa Despotovic sucht nach Bildern in alten Geschichtsbüchern, Enzyklopädien und Schulbüchern, die er auf Flohmärkten aufstöbert. Auch Bilder aus Magazinen oder aus der Anonymität des Internets sind Quellen, aus denen der Künstler die Inspiration für seine rätselhaften Figuren und geheimnisvollen Schauplätze schöpft.

Er findet Porträts von Personen, die er durch den Malakt vor dem Vergessen bewahrt, und in einem aufwändigen Prozess mit anderem Bildmaterial und Erinnerungen kombiniert. Dabei weicht eine eindeutige Erzählung zugunsten einer poetischen Konstruktion des Werks: Vergangenheit und Gegenwart, Fantasie und Realität, Emotion und Erinnerung werden vermischt und zusammengefügt. Es entstehen rätselhafte Arbeiten, die lediglich durch die sehr poetischen Bild- und Ausstellungstitel  Interpretationsmöglichkeiten andeuten.

 

Happy Dog Sad Dog, 2018, Öl, Acryl and Glaspartikel auf Leinwand © Nebojsa Des

Happy Dog Sad Dog, Detail, 2018, Öl, Acryl and Glaspartikel Leinwand © Nebojsa

 

Matte, bleierne Farben, dunkle und doch lebhaften Grautöne sowie nie vollständig definierten Figuren und kaum skizzierten Details bestimmen seine Bildsprache.

 

Unterschlupf in einer stillen Umgebung, 2019, Öl auf Leinwand © Nebojsa Despoto

Dogs, 2019 © Nebojsa Despotovic

Ausstellungsansicht Little Puff Of Wind, 2020 © Nebojsa Despotovic
Ausstellungsansicht "Little Puff Of Wind", 2020 © Nebojsa Despotovic, Galerie Boccanera

 

Nebojsa Despotovic (*1982 in Belgrad/Serbien) lebt und arbeitet zwischen Treviso und Berlin. 2006 machte er sein Diplom in Malerei und 2011 in Bildender Kunst, beides an der Akademie der Schönen Künste von Venedig.

Quelle: Galerie Boccanera

alle Bilder © Nebojsa Despotovic

 

Malerei
18. Juli 2022 - 10:53

Maddy Buttlings kleinformatige Gemälde (sie sind meist nur 10-20 cm groß) zeigen Hunde, Katzen und Hamster zumeist in ihren vertrauten häuslichen Interieurs, wobei sowohl Humor als auch Zärtlichkeit der Darstellung bestimmende Elemente sind. Die intimen Bilder spiegeln das Pathos des Alltäglichen wider.

Die Künstlerin hat sich schon immer sehr für Kunst und Tiere interessiert. Zusammen finden beide Interessen als Abra, der Hund ihrer Kindheit, starb. Wie besessen begann Maddy Buttling, einer wiederholenden, fast rituellen Praxis gleich, gegen ihren großen Verlust anzumalen. Abra zu malen, wurde zu einer Methode, um ihre Trauer zu verarbeiten, eine Trauer, die nicht nur den Verlust ihrer Gefährtin betraf, sondern auch das symbolische Ende ihrer Kindheit.

Das ist Abra!

 

abra blanket, 2018 © Maddy Buttling

 

Maddy begann sich mit der Idee zu beschäftigen, Tieren ein Denkmal zu setzen, nobilitiert und erhöht durch die Erhabenheit der Ölfarbe. Das Format allerdings bleibt klein, es ist eines der wichtigsten Elemente ihrer leisen und sensiblen Arbeit. Die Bilder sind Fenster in private Räume und es liegt nicht in ihrer Natur, eine ganze Wand zu füllen.

Obwohl kleinformatige Bilder mit Tiermotiven im heutigen Kunstkanon nicht sehr populär sind, möchte Maddy Buttling keine Kompromisse eingehen. Sie weiß, dass ihre Arbeiten - sowohl das "Haustierporträt" als auch die "Miniatur" - als ironischer Kitsch gelesen werden können, sie bezeichnet sie aber als authentisch sentimental. Ihre Praxis spielt mit dem Malen von Tieren als einem echten Akt der Hingabe.

 

mr-bones, 2021 © Maddy Buttling

bon the snail, 2021 © Maddy Buttling

 

My practice revolves around a fascination with the human experience of animal death. Made on an intimately small scale, my paintings ritualistically stalk household pets. Working in series, I follow animals and the spaces they occupy, as they inevitably die and are replaced along with the furniture. I devote myself to unironically deifying the ephemeral pet, while observing the humour and tenderness of the relationship between human and animal. (zit. n. hier)

 

Ihre Arbeit beschäftigt sich also mit dem Leben und dem Tod von Haustieren und den Erfahrungen, die der Mensch beim Tod eines geliebten Tieres macht. In ihren Gemälden zeigt sie die Tiere in ihren häuslichen Umgebungen, während sie unweigerlich sterben und zusammen mit den Möbeln ersetzt werden. Sie widmet sich der unironischen Vergötterung des vergänglichen Haustiers und beobachtet gleichzeitig die Heiterkeit und die Zärtlichkeit der Beziehung zwischen Mensch und Tier.

Maddy Buttling malt oft in Serien und greift dabei auf dieselben Motive zurück. In der Regel plant sie Bilder anhand von spontan aufgenommenen Handy-Fotos, die sie manchmal zuschneidet, aber ansonsten kaum bearbeitet.

Unten sehen Sie zwei Bilder der Serie "crufts", die auf Fotos zurückgehen, die sie auf der Crufts-Hundeschau 2019 von einer Gruppe von Whippets gemacht hat, die sich für den Heimweg fertig machen. Die Künstlerin hat den Hintergrund an das Filzgrün der Wettbewerbsarena angepasst. Ganz auffällig sind die entzückenden Gewänder der Hunde. Mich erinnern diese Malereien in ihrer Warmherzigkeit ein bisschen an meinen Lieblings-Bilderbuch-Illustrator John A. Rowe, z.B. an sein Buch "Jap, der Hund".

 

crufts, 2019, 2019 © Maddy Buttling

crufts, 2019 no.2, 2021 © Maddy Buttling

John Rowe, Cover, Jack, the dog

 

"Motzy" (kurz für Mozzarella) hatte eine Entwicklungsstörung, die ihre Familie "floppy dog syndrom" nannte. Man erinnert sich, dass Motzy die meisten ihrer Ausflüge damit verbrachte, fröhlich auf dem Boden herumzuhüpfen. Statt auf einem Hintergrund liegt sie am zweiten Bild auf der sichtbaren Sperrholzplatte. Die Maserung des Holzes kommt zum Vorschein, da Maddy die Holztafeln mit klarem Gesso grundiert, sodass die Maserung und der Farbton des Holzes zum Grund werden.

 

floppy dog syndrome, 2019 © Maddy Buttling

floppy dog syndrome 2, 2021 © Maddy Buttling

 

Eine ganz besondere Idee liegt den nächsten beiden Bildern zugrunde. Sie sind Teil der Lockdown-Serie "unsolicted grief paintings", bei der die Künstlerin die kleinen Gemälde unaufgefordert an BesitzerInnen von kürzlich verstorbenen Haustieren verschenkte. Ihr diente es als Übung für das Schaffen unbeschwerterer Werke und als Übung im Loslassen. Da sie die Malereien direkt in das Haus des überraschten Trauernden brachte, wurde die Lieferung selbst zum Ausstellungsraum.

 

santa-dog, 2021 © Maddy Buttling

slug-dog, 2021 © Maddy Buttling

 

Das Gemälde "10:18" zeigt ihren Hund Frida im Schlafzimmer während des Lockdowns. Er leckt sich sittsam den Hintern, während er auf ihrem Kopfkissen sitzt. Das Bild ist nach der Uhrzeit betitelt, zu der das Referenzfoto aufgenommen wurde.

Dass die leeren Welten von Edward Hopper, Andrew Wyeth und Vilhelm Hammershoi die Künstlerin beeinflussen, kann man am unteren Bild gut nachvollziehen.

 

10:18, 2020 © Maddy Buttling

 

Anfang 2020 hat Maddy Buttling mit der Arbeit an einer Reihe von Gemälden rund um eine Hundefamilie begonnen, mit der die der Youtuberin "Jenna Marbles" lebt. Jedes Bild ist nach dem Video betitelt, aus dem Maddy Buttling die Referenz auf dem Bildschirm aufgenommen hatte. Die Bilder sind und auf Tafeln gemalt, die auf die gleichen Maße wie der YouTube-Vollbildschirm auf ihrem Laptop hatte. Die Serie "youtube screen-captures" ist eine Hommage an die flüchtigen Online-Hunde-Idole.

Die Links zu den Videos finden Sie auf Maddy Buttlings Homepage.

 

my dogs try on halloween costumes 3, 2020 © Maddy Buttling

 

Nur eine Mützen-Assoziation, die sich bei mir sofort einstellte! (unten Michael Borremans)

 

© Michael Borremans

my dogs try on halloween costumes 3 #2, 2020 © Maddy Buttling

i made a train for my dogs, 2020 © Maddy Buttling

teaching my dogs how to swim, 2020 © Maddy Buttling

buying my dogs everything they touch, 2019 © Maddy Buttling

 

Maddy Buttling hat 2020 ihren BA in Bildender Kunst am Chelsea College of Arts gemacht.

 

Maddy Buttling in ihrem Studio © Jackson's
Maddy Buttling in ihrem Studio. Foto von Jackson's

 

Die Instagram-Seite der Künstlerin

Meine hauptsächliche Quelle war ein Interview mit der Künstlerin, in dem sie auch über den handwerklichen Aspekt ihrer Arbeit Auskunft gib, z.B. über die Akkuratesse ihrer Tapes-Verwendung oder über das Mischen der Farbe.

alle Bilder © Maddy Buttling

 

Malerei
11. Juli 2022 - 10:44

Working dogs © Dede Gold

Working dogs © Dede Gold

Working dogs © Dede Gold

 

Als ich die Serie "Working Dogs" von Dede Gold erstmals sah, erinnerte ich mich sofort an Kirstin Kolb, die bei ihren Malereien Bücher als Malgrund verwendete. Während Kirstin Kolb inhaltliche Zusammenhänge zwischen Buchtitel und Malerei herstellt, bringt Dede Gold ihre Hunde auf Zeitungspapier mit Londoner U-Bahn-Stationen in Verbindung. Besonders passend: Barking!

 

Working dogs © Dede Gold

 

Dede Gold ist bekannt für ihre Hundeporträts. Oft malt sie Terrier, Jagdhunde oder Mischlinge, die sie in ihrem Zuhause besucht, um einen Eindruck von ihren unverwechselbaren Eigenheiten und Macken und ihren besonderen Charakterzügen zu bekommen. Es sind die Hundeseelen, die sich in Haltung und Ausstrahlung manifestieren, für die sich Dede Gold interessiert und nicht die offensichtliche äußere Attraktivität.

 

Thinking Dog © Dede Gold

 

Mir gefällt der "Thinking Dog" am besten: Wir alle wissen, ein schöner Rücken kann entzücken, ein "verlängerter Rücken" natürlich ebenso. Kompakt und sehr körperlich sitzt der Terrier vor dem leuchtend roten Hintergrund und bildet eine außerordentlich gelungene und einprägsame Komposition.

 

Jack the Lad © Dede Gold

One Posh Pointer © Dede Gold

Honest Joe © Dede Gold

o.T. © Dede Gold

Marlowe I  © Dede Gold

 

Schade, dass die Künstlerin nicht öfter leuchtende und kräftige Farben verwendet, die Hintergründe sind meist sehr monochrom an die Farbigkeit der Hunde angepasst, wodurch Dede Gold eine stimmige Ausgewogenheit erzeugt. Ihre Hunde strahlen Ruhe und Gelassenheit aus: Abwartend, beobachtend, neugierig oder aufmerksam besetzen sie den großzügigen Freiraum oder sind wie der Dackel ins Bild gezwängt.

 

Cheryl © Dede Gold

 

Dede Gold (*1971) wuchs in Irland auf und machte 1993 ihren Abschluss in Rechtswissenschaften am Trinity College in Dublin.  Nachdem sie als Anwältin in Dublin und London gearbeitet hatte, verbrachte sie einige Jahre in der Welt der Pferderennen in Newmarket, bevor sie sich der Kunst zuwandte. Dede Gold teilt ihre Zeit als Malerin zwischen ihrem Atelier in den Cotswolds und ihrer irischen Heimat auf.

 

Are You Looking For Me? In The Library © Dede Gold

 

Because I'm Happy!

 

Because I'm Happy...In The Library © Dede Gold

 

alle Bilder © Dede Gold

 

Malerei
4. Juli 2022 - 10:21

One-Dog Policy, Harmi © Maija Astikainen

 

Heute möchte ich Ihnen eine alte entzückende Serie von Maija Astikainen zeigen, die zwischen 2010 und 2016 in Finnland, Großbritannien und Spanien entstanden ist. Die Serie trägt den Titel One-Dog-Policy, also Ein-Hund-Politik, und schon im Titel gibt es Assoziationen zu China, wo neben der Ein-Kind-Politik auch eine Ein-Hund-Politik durchgesetzt wird.

Hunde sind heute Familienmitglieder und werden oft als pelzige Babys vermenschlicht. Sie repräsentieren sowohl die wilde Natur in unseren Häusern als auch Geschöpfe, die uns ähnlich sind. Sie sind wie wir, aber dennoch anders.

 

One-Dog Policy, Mindy © Maija Astikainen

 

Die Hundeporträts können auf mehrere Arten gelesen werden: Da Maija Astikainen die Hunde meist in ihren Häusern, ohne Menschen, fotografiert, erscheinen sie mit ihren menschlichen Posen wie die Besitzer des Hauses. Andererseits fangen die Porträts in ihrer absichtlichen Isolierung die Aspekte der Einsamkeit ein, die ein "Einzelhund" mit sich bringen kann.

 

One-Dog Policy, Heku and her birthday party table © Maija Astikainen

One-Dog Policy, Neko © Maija Astikainen

One-Dog Policy, Neko with his birthday hat on © Maija Astikainen

 

Die Fotografin interessiert sich dafür, wie die Pose, das Gesicht und der Blick des Hundes Assoziationen zu menschlichen Eigenschaften und Gedanken wecken können. Hunde sind meist sehr lebhaft, und manchmal braucht sie viel Zeit und natürlich viele Leckerlis, um die gewünschte Pose oder den gewünschten Blick zu erreichen.

 

A dog is looking at the camera, but it is not posing. It is not acting the same in front of the lens than a human. It is not awkwardly conscious of himself, it doesn’t want to look good in the photo. The situation of taking a photograph changes. When we are looking at the images of dogs, can we see a person, a soul, or a reflection of our own attitudes? (zit. Maija Astikainen hier)

Ein Hund schaut in die Kamera, aber er posiert nicht. Er verhält sich vor der Linse nicht so wie ein Mensch. Er ist sich seiner selbst nicht unbeholfen bewusst, er will auf dem Foto nicht gut aussehen. Die Situation des Fotografierens ändert sich. Wenn wir die Bilder von Hunden betrachten, sehen wir dann eine Person, eine Seele oder ein Spiegelbild unserer eigenen Einstellungen? (übersetzt mit DeepL)
 

 

One-Dog Policy, Kino, Behind the scenes © Maija Astikainen

One-Dog Policy, Kino © Maija Astikainen

One-Dog Policy, Kuura © Maija Astikainen

One-Dog Policy, Lily © Maija Astikainen

One-Dog Policy, Saheli © Maija Astikainen

One-Dog Policy, Alma © Maija Astikainen

 

In ihrer Serie fotografiert Maija Astikainen Hunde in den Rollen, die wir ihnen zuweisen. Die Fotos spielen mit dem Anthropomorphismus, der Angewohnheit, Tieren menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Die Illusion der Ähnlichkeit führt zu Fehlinterpretationen. Ihre Gesten sind leicht falsch zu interpretieren. Hunde scheinen zu lachen, wenn etwas Gutes passiert oder sehen vermeintlich schuldbewusst deprimiert oder schamvoll aus, wenn sie etwas falsch gemacht haben.

 

One-Dog Policy, Kerttu after shower © Maija Astikainen

 

Einschub: Ich will diesen Blogbeitrag nützen, um auf Fotos von Hunden einzugehen, die seit 2012 das Internet nahezu überschwemmt haben: Hunde, die sich "schämen" und "schuldbewusst" in die Kamera schauen.

Auf einer Webseite namens Dog Shaming (nicht mehr online), auf Tumblr und auf FB veröffentlichen HundehalterInnen Fotos von ihren Hunden, die sich vermeintlich für Regelverstöße schämen. Die Untat wurde auf Zettel geschrieben, die dem Hund umgehängt oder neben ihm abgelegt wurden. Die Hunde wurden aber lediglich von Ihren BesitzerInnen der Lächerlichkeit preisgegeben und gedemütigt. Schämen sollten sich die Menschen, die durch ihr Fehlverhalten unerwünschtes Verhalten bei den Hunden auslösen.

Am Internet - Pranger:

 

dog shaming

dog shaming

dog shaming

 

Nochmals: Auch wenn ein Tier wie ein Mensch posiert, können wir nicht wissen, was es denkt oder fühlt, und wir dürfen ihm nicht unsere eigenen Interpretationen zuweisen.

Doch zurück zu Maija Astikainen. Sie ist eine finnische Fotografin, die weltweit arbeitet, sowohl Menschen als auch Tiere (und beides zusammen) porträtiert und  Reise- und Lifestyle-Themen fotografiert. Neben Auftragsarbeiten beschäftigt sie sich auch mit persönlichen Projekten, die sich mit der Beziehung zwischen Menschen und Natur befassen. Sie hat an der Aalto University School of Arts, Design and Architecture Fotografie studiert.

One-Dog Policy ist als Buch bei Khaos Publishing erschienen und in ausgewählten Buchhandlungen in Helsinki erhältlich.

 

Khaos bookshop © Maija Astikainen

 

Weitere Arbeiten mit Hundebezug finden Sie auf Majias Instagram Account und ihrer Homepage!

alle Fotos der Serie One-Dog-Policy © Maija Astikainen

 

Buch, Fotografie
27. Juni 2022 - 10:36

o.T, 2020 © Quique Ortiz

 

Die Tiere haben in Quique Ortiz einen Verbündeten gefunden, der nicht nur durch seine Lebensweise und sein Engagement für sie eintritt, sondern auch seine Malerei zu einem Kampf für ihre Rechte macht.

Der Künstler ernährt sich seit Jahren vegan und versucht, wann immer er kann, an Kundgebungen oder Demonstrationen gegen Speziesismus (Diskriminierung auf Grund der Spezies) oder an Kursen und Workshops über Tierethik und Aktivismus teilzunehmen. Er arbeitet auch mit Tierheimen zusammen, die sich in einer prekären Lage befinden. Einen Prozentsatz dessen, was er mit seinen Kunstprojekten verdient, spendet er an Tierschutzorganisationen.

Schon als Kind hat Ortiz immer mit Tieren zu tun gehabt, und die Werte, die in seiner Familie vermittelt wurden, waren stets von Respekt und Gleichberechtigung gegenüber Tieren geprägt. Folgerichtig also, dass er zum Antispeziesismus fand, noch bevor er die Bedeutung des Begriffs und alles, was er beinhaltet, kannte. Für Ortiz ist der Antispeziesismus eine Haltung, die auf der gleichen Ebene steht wie jeder andere soziale Kampf, wie zum Beispiel der Kampf für Menschenrechte, gegen Rassismus oder Sexismus.

Seine ersten Erinnerungen an das, was er malte oder zeichnete, waren Tiere. Manchmal mochte er sie sogar mehr als die Menschen: "Ich sage immer, dass mein Lieblingsmensch ein nicht-menschliches Tier ist, nämlich mein Hund Asia".

Der Hund als solches spielt in Ortiz' Werk auch eine Hauptrolle. Er repräsentiert nicht nur die Werte eines domestizierten, schmeichelnden und treuen Tieres, sondern er symbolisiert auch Kampf, Stärke, zurückgehaltene Wut. In seiner figurativen Malerei und Zeichnung siedelt er seine Hunde in der intimen, dunklen und geheimnisvollen Nacht an, die kaum von Licht durchbrochen wird.

 

o.T, 2020 © Quique Ortiz

o.T, 2020 © Quique Ortiz

o.T, 2020 © Quique Ortiz

o.T, 2020 © Quique Ortiz

o.T, 2020 © Quique Ortiz

o.T, 2020 © Quique Ortiz

o.T, 2020 © Quique Ortiz

slow dogs, 2020 © Quique Ortiz

slow dogs, 2020 © Quique Ortiz

 

Es gibt eine gewisse Brutalität in seiner Arbeit, wie in der Existenz selbst, die schwer zu ertragen ist. Sein Werk ist nicht freundlich oder angenehm, sondern gewalttätig. Gewalt, Unzufriedenheit und Angst durchdringen es ebenso wie ein Aufruf zum Handeln oder zur Wachsamkeit. Die Arbeiten sollen bei den Betrachtern Spannungen und Unbehagen auslösen, um sie dazu zu bringen soll, Fragen zu stellen und andere Lesarten dessen, was im Bild geschieht, zu finden.

Neben dem Motiv des Hundes wählt Ortiz das zeitgenössische Thema des Tierschutzes als Ausdrucksform für seine künstlerische Arbeitsweise. So besteht das Projekt, das er in den letzten Jahren entwickelt hat, aus figurativen und realistischen Gemälden und Zeichnungen, die verschiedene Aktionen der Animal Liberation Front (ALF) dokumentieren. ALF ist der Name eines Kollektivs von Tierrechtsaktivisten, die sich mit gewaltfreien direkten Aktionen für die Befreiung von Tieren einsetzen. Dazu gehört die Rettung von Tieren aus Tierversuchslabors und die Sabotage und der Boykott von Industrien, die auf der Ausbeutung von Tieren durch den Menschen basieren. Die ALF dokumentiert Grausamkeit und Vernachlässigung, beschädigt Foltergeräte und befreit Tiere von Leid und Vernachlässigung, um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen.

 

Lazzaro, 2019 © Quique Ortiz

De casta le viene al galgo © Quique Ortiz

Border collie © Quique Ortiz

Norway Beagle, 2018.© Quique Ortiz

Norway Beagle © Quique Ortiz

Spain perros © Quique Ortiz

Beagles © Quique Ortiz

Liberation is love © Quique Ortiz

 

Ortiz bedauert, dass unsere Gesellschaft diese mitfühlenden und mutigen Handlungen als illegal betrachtet und die Aktivisten in die Anonymität zwingt, wo sie sich hinter Sturmhauben verstecken. Die aggressive Ästhetik der Sturmhaube steht in krassem Gegensatz zu der Tatsache, dass das Ziel die Rettung wehrloser Tiere ist.

 

 

Balaclavas © Quique Ortiz

 

Ortiz sammelt die Vorlagen für seine Bilder aus dem Internet oder aus Zeitschriften, zuletzt verwendete er vor allem Archivbilder verschiedener Aktionen der Frente de Liberación Animal. Meist sind die Fotos von schlechter Qualität, was Ortiz als Freiheit zum Experimentieren nutzt: Er fügt Elemente hinzu oder lässt etwas weg, verleiht ihnen durch Malerei und Zeichnung mit seiner künstlerischen Arbeitsweise einen kollektiven Charakter. Er malt in der Regel mit Öl auf Leinwand, führt aber auch andere Techniken wie Acryl, Sprays und Marker auf Holz ein und zeichnet mit Graphit und Kohle auf Papier.

Ortiz Kunst ist nicht autonom, sondern im Gegenteil funktional, sie ist eine "Waffe", sie ist Aktion. Die Kunst und die Künstler spielen eine Rolle bei der gesellschaftlichen Umgestaltung - und zwar über den therapeutischen und beruhigenden Effekt hinaus, den der bloße Akt des Kunstschaffens für die Künstler selbst haben kann; Ortiz versucht mit seinem Kunstprojekt eine bestehende Situation, wie die Ausbeutung nicht-menschlicher Tiere durch den Menschen, öffentlich zu machen und gleichzeitig den Betrachter für dieses Problem zu sensibilisieren und eine Veränderung einzuleiten.

 

Street Art, Santander, 2020

 

Santander's Urban Art. Ein Graffiti von Quique Ortiz auf einer Mauer in Santander, Spanien, 2020. Der genaue Ort und weitere Fotos sind auf dieser Karte zu sehen.

Quique Ortiz (*1988 in Santander/Spanien) hat einen Abschluss in Bildender Kunst von der UPV/EHU und einen Master-Abschluss in künstlerischer Produktion und Forschung von der Universität von Barcelona UB. Ortiz war sowohl in Einzel- als auch als Gruppenausstellungen in Spanien, Portugal und Deutschland vertreten. Er lebt und arbeitet in Santander.

Quellen: Interview mit Quique Ortiz in Elemmental, Galeria Juan Silio

alle Bilder © Quique Ortiz

 

20. Juni 2022 - 10:30

Das Erste, das an den Bildern des schwedischen Künstlers Markus Akesson auffällt, sind die üppigen, überbordenden Muster, Ornamente und Texturen, die auf unterschiedlichen Textilien vorkommen. Fast kann man von einer fetischistischen Haltung gegenüber Mustern und Texturen sprechen, überziehen sie doch fast alles wie Kleider, orientalische Teppiche oder Tapisserien.

 

I never wanted you to leave, 2016 © Markus Akesson

 

Muster faszinieren den Künstler, er findet sie geheimnisvoll und fühlt sich von der Wiederholung und dem Rhythmus angezogen. Gleichzeitig stellt deren Wiedergabe eine technische Herausforderung für Markus Akesson dar.

Besonders in der "Now You See Me"-Serie wird die Besessenheit von der Stofflichkeit deutlich. Der Künstler hüllt seine Porträtierten in kunstvoll gemusterte Seiden- und Satinstoffe, sodass nur der Abdruck ihrer Gesichter, Gliedmaßen und Torsi sichtbar bleibt. Nachdem er viele Bilder mit Menschen gemalt hatte, die von Mustern, verschiedenen Oberflächen und Materialien umgeben waren und darin fast ertranken, bedeckte er sie schließlich komplett mit Stoffen.

 

Now you see me, 2018 © Markus Akesson

 

Markus Åkesson ist ein neofigurativer Maler, der seinen Gemälden oft eine düstere und poetische Atmosphäre verleiht. Viele seiner Bilder erinnern an Volksmärchen, Fantasien, Mythen und Traumwelten. Seine Kunst verbindet fantastische Elemente und realistische Darstellungen von Tieren oder Wäldern. Schönheit erreicht er durch die kompakte Stille, die die Porträtierten ausstrahlen und durch eine lebendige, beeindruckende Farbpalette.

In seinem Atelier finden perfekt inszenierte Fotoaufnahmen statt, bei denen er seine Modelle mit verschiedenen Kostümen und Accessoires ausstattet und beleuchtet. Dabei verleiht sein ausgefeiltes Verständnis für Licht und Schatten seinen ProtagonistInnen ein traumhaftes Geheimnis, das die Fantasie beflügelt.

Mit der Darstellung der detailreichen Ornamente bezieht sich der Künstler auf William Morris, einen britischer Textildesigner und Schriftsteller, der mit der britischen Arts-and-Crafts-Bewegung verbunden war und einen wichtigen Beitrag zur Wiederbelebung der traditionellen britischen Textilkunst und -herstellung leistete. Einen weiteren wesentlichen Bezugspunkt bildet Sir Edward Coley Burne-Jones, ein britischer Künstler und Designer, der mit der präraffaelitischen Bewegung in Verbindung gebracht wurde.

 

The unicorn hunt, 2017 © Markus Akesson

 

In seinen Bildern geht es um die Herausforderung zwischen der offensichtlichen und verführerischen Schönheit und dem, was dem Betrachter auf den ersten Blick verborgen bleibt: den Geschichten, die sich in den Mustern der raumgreifenden Stoffe und Wandteppiche verbergen. Die psychologische Dimension der Werke wird nicht nur durch das mit großer plastischer Intensität gemalte Subjekt verkörpert, sondern auch durch das Dekor.
 

The unicorn hunt, 2017 © Markus Akesson

 

Markus Åkesson (*1975) ist Autodidakt und stellt national und international aus. Er lebt und arbeitet in Nybro/Schweden.

Quellen: Galerie Da-End, Vida Museum, Berg Gallery, ArtRootz, Art UPON

alle Bilder © Markus Akesson

 

Malerei
13. Juni 2022 - 11:38

o.T. © Willy Verginer

 

Der italienische Bildhauer Willy Verginer schafft hyperrealistische Holzskulpturen, die durch die Kombination seiner Frauen-, Männer- und Kinderfiguren mit "unpassenden" Tieren und Gegenständen oft surreal anmuten.

Er schnitzt seine Skulpturen mit größtmöglicher Präzision und Detailgenauigkeit aus einem einzigen Lindenstamm. Die Kenntnisse zur Holzbearbeitung eignete er sich bereits als Jugendlicher durch das Erlernen lokaler Handwerkstraditionen an, seine Ambitionen gingen jedoch bald über das Kunsthandwerkliche hinaus, wurden umfassender und universeller.

Seit 2008 trägt er großflächig Acrylfarbe auf seine Skulpturen auf, um eine Veränderung der Wahrnehmung auszulösen. Die Farbe erscheint wie beiläufig und willkürlich aufgetragen und hat keinen logischen oder konventionellen Bezug zum skulpturalen Volumen der Figuren. Die in kühnen Bahnen aufgetragene Farbe erzeugt starke Kontraste und verstärkt die surreale Wirkung der Skulpturen.

In vielen Arbeiten setzt er sich mit ökologischen und umweltpolitischen Fragen auseinander, thematisiert er die Beziehungen zwischen Menschen und fragiler Natur. Beispiele sehen sie unten als Cover dreier Kataloge.

 

Buchcover Willy Verginer - Rayuela

Buchcover Willy Verginer

Buchcover Willy Verginer - After Industry

 

Willy Verginer (*1957 in Brixen/Italien) besuchte das Kunstinstitut von St. Ulrich, wo er Malerei studierte. Nach seinem Abschluss arbeitete er in verschiedenen Holzbildhauerwerkstätten in Gröden. Ab 2005 zeigt er figurative Skulpturen, die eine originelle plastische Sprache entwickeln, kombiniert mit einer Acrylfarbe mit künstlichen Farbnuancen. 2011 vertritt er Trentino-Südtirol bei der 54. Biennale in Venedig. Einen genauen Überblick über seinen künstlerischen Werdegang und seine Ausstellungstätigkeit finden Sie auf Willy Verginers Homepage. Willy Verginer lebt und arbeitet in St. Ulrich im Grödnertal.

 

alle Bilder © Willy Verginer

 

Skulptur
6. Juni 2022 - 9:25

Was machen die beiden kostümierten Pudel vor dem Krokodil? Dieser Frage wollte ich nachgehen, nachdem ich das erste Mal die Serie "Melting Plot" (2020) von Beáta Hechtová gesehen hatte.

 

Detail der Serie Melting Plot © Beáta Hechtová

 

Bevor Beáta Hechtová mit der Arbeit an einem Werk beginnt, erstellt sie eine digitale Collage aus Fotos, die sie aufgenommen oder aus dem Internet heruntergeladen hat. Um bestimmte Positionen oder Ausdrücke von Menschen zu erhalten, fotografiert sie Fremde oder bittet Freunde, für sie zu posieren.

 

Ich kann Stunden damit verbringen, Bilder von verkleideten Welpen, seltsam aussehenden Tieren, fleischfressenden Pflanzen, lustigen Masken, Regenbogen-Cupcakes, Einhörnern, Robotern auf dem Mars, die Selfies machen, einfach alles, was diese verrückte Internetwelt an verrückten Dingen zu bieten hat, zu googeln. Dann übernimmt ein Bildbearbeitungsprogramm die Rolle des Bleistifts, während ich das Material verändere, kombiniere, einzeichne und für eine mögliche Weiterverwendung aufbewahre. (zit. n. Les Nouveaux Riches, übersetzt mit DeepL.com)

 

Damit wäre meine Frage beantwortet. Ausgangsmaterial für ihre Arbeiten ist eine ständig wachsende Sammlung von Fotos, Screenshots, Videos aus den digitalen Medien. Inhaltlich wird sie von Geschichten von Menschen, verschiedenen Traditionen und Religionen, Ritualen, Legenden, Mythen, Märchen, Tieren und Technologien inspiriert.

Die Collage wurde für die Künstlerin das am besten geeignete und ihren Motiven entsprechende Werkzeug: Geschichten, Zeiten, Kulturen, alles verschmilzt miteinander. Der Titel der Serie, der auch das Pudelbild angehört, heißt dementsprechend "Melting plot": Schmelztiegel.

 

Detail der Serie Melting Plot © Beáta Hechtová

 

Auffällig sind die leuchtenden, kontrastreichen Farben der Popkultur, denen jegliche Zwischentöne fehlen. Sie stellt ihre in der Gestik expressiven Figuren in mehreren leuchtenden Farben dar. Mich erinnern die menschlichen Körper an Aufnahmen einer Wärmebildkamera. Hysterisch heischt die Farbe nach Aufmerksamkeit, nirgends findet das Auge Ruhe oder Entspannung. Die Farbe lenkt vom Inhalt ab und verweist damit auf die visuellen Strategien der Pop-Kultur.

Die Szenerien in Melting Plot basieren größtenteils auf Fotografien, die Beáta Hechtová während eines Aufenthalts im südamerikanischen Amazonas-Regenwald gemacht hat. Sie hat Fotos von verschiedenen Menschen, Tieren, Gegenständen und Orten collagiert und durch Bilder aus dem Internet ergänzt. Ihre Strategie ist es, Teile aus verschiedensten Kontexten zusammenzufügen, sodass möglichst unwahrscheinliche Kombinationen, Widersprüche und absurde Situationen entstehen.

Mögliche Widersprüche und Dichotomien, die unterschiedliche, aber auch überlappende und kommunizierende Realitäten bilden, sind  Stadt - Natur, Utopie - Dystopie, Spiritualität - Materialismus, Individualismus - Masse, Tragödie - Komödie.

Wie sieht es nun mit unseren Pudeln aus? Die Hunde dienen lediglich als Irritationsmoment, als skurriles Element sowie zur Darstellung eines Gegensatzes. Mir drängt sich folgende Frage auf? Gehören die Hunde in die Wildnis des Regenwalds oder in die Wildnis des Großstadtdschungels? Der Natur-Kultur-Widerspruch tritt als Ambivalenz in den Hunden selbst auf, sind sie doch artifiziell kostümiert. Können die Hunde noch der Natur zugeordnet werden oder gehören sie bereits zu einer urbanen Familienkultur?

Beáta Hechtová wurde im Amazonasgebiet von der Erfahrung des täglichen Lebens inspiriert, in der die Korrespondenz mit der Natur von grundlegender Bedeutung ist und in der das Eindringen von Technologie und Aspekten des städtischen Lebens seltsame Mischungen hervorbringt. In ihren Gemälden stellt sie diese Mischungen, dekontextualisierte Geschichten, versteckte Identitäten, absurde Situationen und unwahrscheinliche Kombinationen dar.

Beáta Hechtová, (*1991 in Prag/Tschechische Republik) hat ihren Bachelor in Illustration und Grafik an der Universität von Westböhmen in Pilsen/Tschechien gemacht; 2014 zog sie nach Wien, wo sie 2020 ihr Diplomstudium an der Universität für angewandte Kunst an der Abteilung für Druckgrafik abschloss. Als globale Nomadin reiste sie viel und lebte längere Zeit in Peru, Spanien und den USA. Die Eindrücke, die sie in ihren unterschiedlichen Lebenswelten gesammelt hat, scheinen in ihren Gemälden, Drucken und Installationen auf. Sie lässt sich aber auch von der lebhaften Atmosphäre und der kulturellen Vielfalt Wiens inspirieren, wo sie zurzeit lebt und arbeitet.

Quellen: Homepage der Künstlerin, Les Nouveaux Riches Magazine, Galerie Rudolf Leeb, Hochschule für angewandte Kunst

 

alle Bilder © Beáta Hechtová

 

Collage, Grafik, Malerei
30. Mai 2022 - 10:56

Homo Homini Lupus, 2011, Video Still © Filippo Berta

 

Filippo Berta untersucht Menschen und Tiere in ihren Bewegungen und Handlungen. Seine Werke und sein künstlerischer Prozess heben die sozialen Spannungen, Widersprüche und Dualismen hervor, die durch die Beziehungen zwischen Individuen und ihren jeweiligen Gesellschaften entstehen. Er befragt die oft konfliktreichen und problematischen Grenzen, die diesen dialektischen Zustand definieren. Die Protagonisten machen sich in der Masse - in der Gruppenperformance - zum Träger von Bedeutungen und Unterschieden.

Seine Werke sind hauptsächlich kollektive Performances, die Filippo Berta in einem einzigen ikonografischen Bild oder in einem kurzen essenziellen Video zusammenfasst.

Eines dieser Videos ist "Homo Homini Lupus" von 2011. Obwohl über zehn Jahre alt, hat es nichts von seiner Bedeutung oder Aktualität eingebüßt.

 

Homo Homini Lupus, 2011, Video Still © Filippo Berta

 

Nach einem zweieinhalb Jahre langen Vorbereitungs- und Auseinandersetzungsprozess mit den Themen Heimat und Nation hat Berta 2011 "Homo Homini Lupus" gedreht. In dieser Videoperformance sind nicht Menschen, sondern Wölfe die Protagonisten, da der Künstler eine Ähnlichkeit zwischen dem Wolf und dem Menschen sieht; auch der Wolf muss in einer Gesellschaft mit klar definierten Regeln leben - mit Ausnahme des "einsamen Wolfs", der diese Regeln verwirft, aber als Ausnahme die Regel bestätigt. Außerdem wollte Berta, dass die Handlung instinktiv und nicht gespielt sein sollte.

Innerhalb des Rudels, einer Metapher für die menschliche Gesellschaft, wetteifern die Mitglieder eifrig um eine Fahne. Das Umland ist eine trostlose Einöde, ein verwüstetes Land, das zunächst als Territorium und dann als Nation gesehen wird.

Drei Wölfe kämpfen aggressiv um die Macht. An ihrer Beute - einer italienische Flagge - reißen sie so wild, als wäre sie die einzige Quelle des Überlebens. Das Wolfsrudel ist eine kleine homogene Gemeinschaft, in der nicht die Solidarität, sondern das Recht des Stärkeren zählt, in der man sich behaupten, für sich und sein Territorium streiten muss, wenn man nicht untergehen will. Dazu der Künstler:

 

Questo video mostra una collettività omogenea che nasconde in sé diverse identità le quali, eccitate da un istinto violento di sopravvivenza, strappano e accumulano le risorse altrui, per poi imporre il proprio potere. La bandiera — contesa e non gratuitamente violentata — nel video esprime un doppio significato, perché nella storia dell’uomo ha sempre definito un territorio entro cui avviene questa lotta fratricida e simboleggia l’imposizione del proprio potere sugli altri. Qualsiasi bandiera riassume nei suoi colori queste caratteristiche. (Filippo Berta zit. n. Flash Art)

 

Dieses Video zeigt ein homogenes Kollektiv, das in sich verschiedene Identitäten verbirgt, die, erregt von einem gewalttätigen Überlebensinstinkt, die Ressourcen der anderen zerreißen und anhäufen, um dann ihre eigene Macht durchzusetzen. Die Flagge - umstritten und nicht grundlos vergewaltigt - hat in dem Video eine doppelte Bedeutung, denn sie hat in der Geschichte der Menschheit immer ein Territorium definiert, in dem dieser Bruderkampf stattfindet, und sie symbolisiert die Auferlegung der eigenen Macht auf andere. Jede Flagge fasst diese Eigenschaften in ihren Farben zusammen. (übersetzt mit DeepL.com)

 

Homo Homini Lupus, 2011, Video Still © Filippo Berta

 

Filippo Berta und das Museion, das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Bozen, wurden 2017 für die Videopräsentation von "Homo Homini Lupus" im Rahmen der Ausstellung "Hämatli & Patriae" und der darin zu sehenden Zerstörung der italienischen Fahne von rechtspopulistische Seite - von den Fratelli d’Italia - scharf kritisiert. Die Ausstellung thematisierte Begriffe wie Heimat, Ortszugehörigkeit und Vaterland im Lichte der aktuellen Fluchtbewegungen in Europa. Filippo Berta räumte ein, dass die Verwendung der gewalttätig zerrissenen italienischen Flagge eine Verachtung der nationalen Identität impliziert.

 

Homo Homini Lupus, 2011, Video Still © Filippo Berta

 

Filippo Bertos Arbeit bzw. der Werktitel "Homo Homini Lupus" bezieht sich auf Thomas Hobbes staatstheoretische Schrift "Leviathan" aus dem Jahre 1651.

In "Leviathan"  legt der englische Philosoph den Grundstein für seine Theorie des Naturzustands, in dem die Menschheit ohne Gesetz und ohne Staat lebt. Im Naturzustand wird der Mensch als frei von Einschränkungen der historischen Moral, der Tradition, des Staates oder etwa der Kirche vorgestellt. Aus Hobbes’ Menschenbild ergibt sich, dass in einem solchen Naturzustand Gewalt, Anarchie und Gesetzlosigkeit, ein ständiger Zustand des Krieges (bellum omnium contra omnes) herrschen, in dem "der Mensch dem Menschen ein Wolf ist" (homo homini lupus).

Filippo Berta greift das Hobbes'sche Thema auf. Um die Bestialität (ferinitas) des Menschen zu visualisieren, bedient sich der Künstler des Wolfsrudels, das um die italienische Fahne kämpft.

In der Hobbes'schen Welt besteht der einzige Ausweg aus diesem ständigen Kriegszustand in der Schaffung eines Staates, der in der Lage ist, die Vielzahl der Einzelwillen auf einen einzigen Willen zu reduzieren und Recht und Gesetz durchzusetzen und in dem es rational ist, ihnen gemäß zu handeln. Erst dadurch, dass mehrere Menschen beschließen, gemeinsam einen politischen Körper zu bilden, kann der Naturzustand überwunden und der Übergang zum Staat geleistet werden.

Diese Lösung wird von Berta durch das emblematische Symbol der Flagge in Frage gestellt, die in dieser allegorischen Inszenierung, die den Naturzustand über den Rechtsstaat stellt, immer präsent ist.

Die Aktion hat kein logisches Ende und verbirgt in sich den menschlichen Dualismus, der durch die Logik des "Rechtsstaats" und die Irrationalität des "Naturzustands" repräsentiert wird.

 

Homo Homini Lupus, 2011, Video Still © Filippo Berta

 

Filippo Berta (*1977 in Treviglio/Italien) hat einen Abschluss in Theorie und Praxis der zeitgenössischen künstlerischen Sprachen der Akademie der Schönen Künste in Bergamo. Er ist Professor an der Stiftung für Fotografie in Modena, Italien. Er lebt und arbeitet in Bergamo und wird von der Prometeo Gallery vertreten.

 

 

Quellen: Flash Art, Dalloul Art Foundation, Prometeo Gallery, Il Giornale

Video und Video Stills © Filippo Berta

 

Performance, Video
23. Mai 2022 - 11:13

Etude, 2019 © Gabriele Grones

 

Dieses Ölgemälde eines Hundes hat den Titel "Etude" - welche Tiefstapelei - und ist nur 23 x 25 cm groß!

Es erinnert mich sehr an meine verstorbene Hündin Lucy. Und ja, ich habe bemerkt, dass es sich um einen Rüden handelt. Dennoch …

Ich bin oberflächlich in das künstlerische Universum des italienischen Malers Gabriele Grones eingetaucht. Zwei Themen beschäftigen ihn: Porträts und Naturszenen, die er in einer hyperrealistischen, fast fotografischen Technik ausführt. Beiden widmet er sich mit der gleichen Hingabe und Akribie. Das Hundebild stellt inhaltlich eine Ausnahme dar. Er hat es eigens für eine Ausstellung angefertigt.

In seinen "Porträts" von Pflanzen, Blättern und Grashalmen ("Frammenti") erforscht er die Komplexität der natürlichen Welt, indem er die Schönheit der Natur in Nahaufnahme und im Detail anhand von undramatischen und als unbedeutend geltenden Naturausschnitten darstellt. Dabei bezieht er sich, neben Dürers "Grasstück", auf die Schriften des Heiligen Ignatius von Loyola, der den Menschen dazu anregte, mit einem intensiven und tiefgründigen Blick zu schauen und in allen Dingen eine göttliche Präsenz zu finden.

 

Frammento © Gabriele Grones

 

Beim menschlichen Porträt entwickelt er oft Bildserien derselben Person in leicht unterschiedlichen Posen und Lichtverhältnissen. Die obsessive Darstellung des Gesichts in akribischen Klein- und Mittelformaten und die fehlende Kontextualisierung ermöglichen es dem Künstler, die Bilder in eine metaphysische Atmosphäre zu tauchen.

 

o.T. © Gabriele Grones

 

Gabriele Grones, (*1983 in Arabba/Italien) erhielt seine Ausbildung am Liceo Artistico Statale und an der Accademia di Belle Arti in Venedig, wo er 2009 seinen Abschluss machte. Er nahm bereits zweimal an der Biennale von Venedig teil (Atelier Aperti, 2005 und Padiglione Accademie, 2011). Grones stellt in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen national und international aus. Er lebt und arbeitet zwischen Rovigo, Mailand und New York.

 

alle Bilder © Gabriele Grones

 

Malerei